09.06.2021 - 16:00 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Impfen im Schneckentempo: Überlastete Hausärzte und zu wenig Impfstoff

Im Impfzentrum Waldsassen werden diese Woche vor allem Zweitimpfungen gemacht. Es fehlt an Impfstoff. Auch in den Hausarztpraxen ist die Lage nicht besonders viel besser. Einen Aufschwung könnten die Impfungen durch Betriebsärzte bringen.

Aktuell bekommen nur wenige Menschen im Landkreis Tirschenreuth eine erste Impfung gegen das Coronavirus angeboten. Hausärzte werden mit Anfragen überhäuft. Bald impfen auch Betriebsärzte mit.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Während am Montag in den meisten Bundesländern in Deutschland die Impfpriorisierung in den Impfzentren aufgehoben wurde, gilt das nicht in Bayern. Noch immer fehlt es an Impfstoff. Und viele aus der Priorisierungsgruppe 3, die sich auch angemeldet haben, warten auf das Vakzin. Bereits Ende Mai veröffentlichte das Impfzentrum in Waldsassen auf Facebook ein Statement zur aktuellen Situation. "In den Kalenderwochen 22 und 23 bleibt es weiterhin dabei, dass der Fokus auf den Zweitimpfungen liegt. Daher bekommen wir auch nur für jene den Impfstoff zugeteilt", schreiben hier die Verantwortlichen.

Die Konsequenz: Es können nur sehr wenig Erstimpfungen angeboten werden. Besonders betroffen ist hier das Impfzentrum. In einer Woche konnten gerade mal vier Personen eine Erstimpfung erhalten. Aber auch in den Hausarztpraxen ist die Situation nicht viel anders. Erkennbar wird das in den aktuellen Impfzahlen von dieser Woche. Bislang wurden insgesamt 51.022 Impfungen (Stand: 8. Juni) im Landkreis durchgeführt. Das sind lediglich 2903 Impfungen mehr als vergangene Woche (Stand: 1. Juni/48.109), davon sind 2600 Zweitimpfungen.

Ausschließlich Zweitimpfungen

"Wann wir wieder Impfstoff für Erstimpfungen bekommen, ist aktuell nicht bekannt", teilt Pressesprecher Fabian Polster vom Landratsamt mit. Für den Geschäftsführer des BRK-Kreisverbands, Holger Schedl, gebe die Beibehaltung der Priorisierung aus Sicht des Impfzentrums durchaus noch Sinn. "Solange nicht ausreichend Impfstoff für alle Impfwilligen vorhanden ist, ist die Aufhebung der Priorisierung relativ." So würden viele Erwartungen geschürt, die dann wegen zu wenig Impfstoff nicht erfüllt werden könnten.

Aber wie lange wird das Impfzentrum im Landkreis Tirschenreuth noch bestehen bleiben? "Stand heute wird der Betrieb bis 30. September laufen. Wie es danach weitergeht, dazu kann man heute noch keine Aussage treffen", erklärt Fabian Polster. Doch während manche noch nicht mal ihre erste Impfung erhalten haben, werden schon Fragen zur dritten Impfung wach. Ob diese erforderlich sein wird, könne momentan ebenfalls noch nicht gesagt werden. "Es wird nicht empfohlen, nach der zweiten Impfung einen Antikörper-Test durchzuführen, der dann über eine eventuelle dritte Impfung entscheiden soll", betont Polster. Zudem erhalten momentan verstärkt Personen, die als Erstimpfung "Astrazeneca" erhalten haben ihre zweite Impfung. "Personen unter 60 Jahren können bei der Zweitimpfung zwischen 'Astrazeneca' und 'Moderna' wählen. 'Biontech' steht nicht zur Auswahl", teilt Polster weiter mit.

Auch Hausärzte haben aktuell mit dem Andrang der Anfragen von Impfwilligen zu kämpfen. Dort füllen sich die Wartelisten. Wie viel Impfstoff die einzelnen Ärzte bekommen, lasse sich aktuell nicht pauschal beantworten. Dr. Peter Deinlein aus Kemnath ist koordinierender Arzt im Landkreis Tirschenreuth. Er erklärt, dass die Lieferungen davon abhängen, wie viel Zweitimpfungen bestellt werden. "Der dafür benötigte Impfstoff wird bevorzugt zugewiesen." Außerdem sei die Zuteilung davon abhängig, ob alle drei zur Verfügung stehenden Impfstoffe geordert werden.

Über 400 Personen warten

In der internistischen Gemeinschaftspraxis von Dr. Hermann Bäuml, Pavlo Borovyy und Dr. Joachim Sonna in Tirschenreuth stehen momentan 400 bis 450 Personen auf der Warteliste. Von alt bis jung seien alle Altersgruppen vertreten. Anrufe nimmt unter anderem Viktoria Scholz entgegen. "Es rufen wahnsinnig viele Leute an, die eine Coronaimpfung möchten", sagt die Medizinische Fachangestellte. Derzeit hätte sich die Situation wieder etwas beruhigt, aber als die Nachricht kam, dass die Impfpriorisierung bei den Hausärzten aufgehoben wird, sei das Telefon nicht mehr still gestanden.

Teilweise seien Personen mit Notfällen in der Praxis gestanden, da sie nicht mehr telefonisch durchkamen. "Man muss die Leute um Geduld bitten", sagt sie. Patienten werden auch gebeten, sich beim Impfzentrum anzumelden. "Manche sind uneinsichtig. Sie melden sich nicht beim Impfzentrum an, weil sie lieber beim Hausarzt geimpft werden wollen." Jedoch müsse auch hier alles schnell gehen. "Es gibt eine Aufklärung durch den Arzt, aber wir können nicht groß beraten. Es läuft auch bei uns wie am Fließband." Wer bei der Gemeinschaftspraxis im Ärztehaus in Kemnath von Dr. Florian Hage, Ralf Cronenberg und Dr. Stefanie von Mackensen anruft, hört gleich eine Telefonansage. Hier heißt es, dass die Praxis an den Grenzen ihrer Kapazitäten angekommen sei. Wer sich für die Coronaimpfung anmelden möchte, solle das per E-Mail tun.

Betriebsärzte impfen mit

Ab dieser Woche können auch Betriebsärzte mit impfen. Betriebe mussten bis zum 21. Mai selbst Impfstoff bestellen. Wie Fabian Polster vom Landratsamt mitteilt, ist daher nicht bekannt, wie viele Unternehmen dieses Angebot im Landkreis nutzen werden und wie viel tatsächlich geliefert wird. Bei Siemens Healthineers am Standort Kemnath geht es bereits am Donnerstag, 10. Juni, los. "Wie viel Impfstoff wir bekommen, können wir nicht bestimmen", erklärt Pressesprecher Heiko Jahr. So wird das Vakzin an das Unternehmen zugeteilt und über eine Apotheke geliefert. Die Resonanz sei groß. "Ein Großteil nimmt es an. Aber ein Großteil ist schon geimpft, deshalb reicht der Impfstoff für uns auch aus", sagt Jahr. Geimpft wird mit "Biontech". "Das wird die nächsten Tage und Wochen angeboten. Mitarbeiter können dafür einen Termin vereinbaren."

Auch in der Tuchfabrik Mehler in Tirschenreuth werden am 22. Juni alle geimpft, die das auch möchten. Verimpft werden die Vakzine von "Johnson und Johnson" sowie "Biontech". 28 Prozent der Belegschaft erhalten eine Impfung. "40 bis 45 Prozent sind schon erst- oder zweitgeimpft", sagt Geschäftsführer Paulus Mehler. 20 bis 25 Prozent lehnen die Impfung ab. Damit am Schluss keine Impfdosis übrig bleibt oder weggeworfen werden muss, werden vereinzelt Dosen auch an Angehörige von Mitarbeitern verimpft. "Wir wollen mit diesem Angebot den Menschen helfen", betont Mehler.

Auch die IGZ in Falkenberg impft über den Betriebsarzt Mitarbeiter. Kommende Woche soll die Impfaktion im Betrieb starten. Von der Belegschaft werde das Angebot gut angenommen. "Wir haben aber noch nicht ausreichend Impfstoff erhalten", erklärt Geschäftsführer Christian Matthes. Welcher Impfstoff verimpft wird, gibt das Unternehmen nicht preis.

Die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Tirschenreuth sinkt am Donnerstag auf 0

Tirschenreuth
Hintergrund:

Impfzahlen im Landkreis Tirschenreuth

  • Impfungen gesamt: 51.022 (Stand: 8. Juni)
  • Erstimpfungen (Impfzentrum): 25.482 (1. Juni: 25.478)
  • Zweitimpfungen (Impfzentrum): 16 544 (1. Juni: 14.510)
  • Erstimpfungen (Hausärzte): 6681 (1. Juni: 6372)
  • Zweitimpfungen (Hausärzte): 2315 (1. Juni: 1749)
  • Impfquote (Erstimpfungen): 44,79 Prozent (1. Juni: 44,36 Prozent)
  • Impfquote (Zweitimpfungen): 25,74 Prozent (1. Juni: 22,64 Prozent)

 

 

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