17.05.2021 - 17:24 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Gutachter bescheinigt Drogendealer Motivations- und Antriebsdefizit

Es geht um verminderte Schuldfähigkeit: Ein 25-Jähriger steht in Tirschenreuth vor Gericht, weil er Marihuana verkaufte. Auch an Minderjährige. Zeugen und ein Gutachter schildern ihre Perspektive von dem jungen Mann.

Ein 25-Jähriger verkaufte Drogen im westlichen Landkreis Tirschenreuth. Er selbst äußerte sich vor Gericht nicht zu den Vorwürfen.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Verteidiger Marc Steinsdörfer hatte im Juli vergangenen Jahres die tragische Drogenvergangenheit seines Mandanten aus dem westlichen Landkreis Tirschenreuth vorgetragen. Schon mit 12 Jahren habe der heute 25-Jährige angefangen Cannabis zu konsumieren. Mehrere ärztliche Gutachten bescheinigten psychische Probleme wie eine paranoide Schizophrenie und eine durch Betäubungsmittel verursachte Psychose. Liegt eine verminderte Schuldfähigkeit vor? Amtsrichter Thomas Weiß setzte die Hauptverhandlung vor dem Schöffengericht aus, um ein gerichtliches Gutachten einzuholen.

Der junge Mann muss sich wegen des Verkaufs und der Weitergabe von mehreren Gramm Marihuana verantworten. Zu seinen Kunden sollen auch Minderjährige gehört haben. Vor Gericht äußert sich der 25-Jährige nicht zu den Anklagepunkten, die sich vor allem 2019 abgespielt haben sollen. Der Richter geht mit den Anwesenden Beweismittel durch, die bei einer Wohnungsdurchsuchung gefunden wurden. Darunter vier Gramm Marihuana, Cannabissamen, eine Digitalwaage, Druckverschlusstütchen und verschiedene Rauchgeräte wie eine Bong.

Vier Monate auf Bewährung

Das Vorstrafenregister des 25-Jährigen beginnt ab 2011 mit Diebstahl in zwei Fällen und Sachbeschädigung, mehrmals musste der Angeklagte in den Jugendarrest und wurde beim Handel und Besitz von Drogen erwischt. Das letzte Urteil mit einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Monaten auf Bewährung wurde im Oktober 2018 gesprochen, wieder hatte der junge Mann mehrmals Haschisch gekauft.

Langzeittherapie empfohlen

Der Sachverständige, der nun das Gutachten über den Angeklagten erstellt hatte, beschrieb diesen als kooperativ. Im Gespräch habe dieser angegeben, dass seine Eltern seit der Jugend getrennt leben. 2012 habe er den qualifizierten Hauptschulabschluss nicht bestanden. "Er ist seit Jahren arbeitslos, lebt von der Mutter oder dem Handel mit Drogen", so der Sachverständige. Es habe mehrere Entgiftungen gegeben, drei Therapieversuche wurden abgebrochen. Ein niedriger IQ von 71 sei für den Gutachter nicht nachvollziehbar. Er habe keine Langzeitschäden oder Verhaltensauffälligkeiten feststellen können. Zudem stellt er infrage, ob die konsumierten Drogen eine Psychose auslösten. Kognitiv sei der Angeklagte durchaus leistungsfähig. Aus der Sicht des Sachverständigen liege ein Motivations- und Antriebsdefizit vor. Für ihn stehe fest, dass der Angeklagte ein ausgeprägtes Suchtverhalten zeige. Er empfiehlt eine Langzeittherapie von zwei Jahren. "Er benötigt Resozialisierungsmaßnahmen und muss lernen, wie man normal aufsteht und arbeitet."

Bruchstückhafte Erinnerung

Eine 16-jährige Schülerin aus Weiden sagt als Zeugin aus. Als die Jugendliche mittels einer Bescheinigung durch ein Bezirksklinikum angibt, dass sie Angst vor dem Angeklagten habe, wird dieser aus dem Gerichtssaal entfernt. Früher habe sie im westlichen Landkreis Tirschenreuth gewohnt. Den Angeklagten kenne sie seit zwei Jahren. In einer Clique hätte man sich öfter getroffen. "Haben sie selbst Drogen konsumiert?", fragt der Richter. "Ja, Marihuana", antwortet die Zeugin. Diese hätte sie aber nicht bei dem Angeklagten gekauft.

An die Ereignisse von vor zwei Jahren konnte sie sich nur bruchstückhaft erinnern. Auf der Basis der Aussage der Polizei wird rekonstruiert, dass die Zeugin beobachtet habe, wie der Angeklagte an eine Minderjährige Marihuana verkauft habe. Ob der Angeklagte das Alter des Mädchens kannte, wusste die Jugendliche nicht. An einem anderen Tag habe sie gesehen, wie der heute 25-Jährige an einen Freund ein größeres Päckchen mit etwa acht Gramm als Geburtstagsgeschenk überreichte. Dieses Mal sei dem Angeklagten das Alter bewusst gewesen.

Als dieser wieder in den Gerichtssaal zurückgeholt wird, gibt er an, dass er sich nicht erinnern könne, ein größeres Päckchen verschenkt zu haben. Auch der Beschenkte, ebenfalls Zeuge, will das nicht bestätigen, obwohl er bereits deshalb im August 2020 verurteilt worden war. Er sei mit dem Angeklagten befreundet und man habe sich öfter besucht. "Ich habe ab und an mal von seinem Joint gezogen", so der Zeuge.

Für 200 Euro Drogen bestellt

Zu den Kunden des Angeklagten gehörte auch eine 41-jährige Hausfrau. Sie habe gewusst, dass der 25-Jährige Marihuana konsumierte. "Im August 2019 wollte ich für 200 Euro etwas bestellen." Jedoch habe sie die Ware nie erhalten, da der Angeklagte zuvor von der Polizei erwischt worden war. Bezogen habe der 25-Jährige seine Drogen von einem Lagerarbeiter aus Bayreuth. Vor Gericht sagt der verurteilte Dealer: "Er kam fünf bis zehn Mal zu mir." Das Gramm Marihuana habe 12 Euro gekostet. Der Angeklagte sei alleine zu ihm gekommen und habe Ware im Wert zwischen 100 bis 200 Euro eingekauft.

Kontakt mit sieben Personen

Etwa zehn Mal habe ein 30-Jähriger aus dem westlichen Landkreis den Angeklagten nach Bayreuth gefahren. Ein Polizist, der Aussagen zu den Ermittlungen der Vorfälle macht, erklärt: "In dieser Zeit ist es unter den Jugendlichen zwischen 14 bis 16 Jahren mit Drogen richtig zugegangen. Es gab mehrere Verfahren." Im August 2019 wurde die Wohnung des Angeklagten durchsucht und auch seine Handys konfisziert.

Über Whatsapp hatte er Kontakt mit sieben Personen, darunter fünf Erwachsene und zwei Minderjährige. Anhand der Nachrichten wurde für die Polizisten der Ablauf des Handels sichtbar. Zunächst sei durch den Angeklagten nachgefragt worden, ob was gebraucht wird. Bevor er die Drogen kaufte, wurde das Geld dafür eingesammelt. Der Fahrer habe in einer Aussage den Beamten bestätigt, dass er den 25-Jährigen nach Bayreuth fuhr und den Polizisten die Fahrtstrecke beschrieben. Auch er habe zu den Kunden gehört.

Die Verhandlung wird am Dienstag, 18. Mai, fortgesetzt. Es werden Aussagen von weiteren Zeugen wie der Betreuerin und Bewährungshelferin des Angeklagten erwartet.

Im Juli 2020 war der erste Verhandlungstag des Verfahrens

Tirschenreuth

 

 

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