23.10.2020 - 16:53 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Gesundheitsamt Tirschenreuth: Corona-Detektive ermitteln im Dauereinsatz

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Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, ist die Arbeit des Gesundheitsamts in Tirschenreuth essenziell. Schnelles Handeln ist gefragt. Wie ist die Behörde für die zweite Welle gerüstet?

Marion und Daniel sitzen gemeinsam im Büro und ermitteln die Kontaktpersonen von Corona-Infizierten.
von Martin Maier Kontakt Profil

Die Telefone im Gesundheitsamt in Tirschenreuth stehen am Donnerstag nicht still. In allen Büros sprechen Mitarbeiter in Hörer oder Headsets. Sie haben Corona-Neuinfizierte, mögliche Kontaktpersonen oder Bürger, die sich in häuslicher Quarantäne befinden, in der Leitung. Das Unterbrechen der Infektionsketten ist ein zentraler Bestandteil bei der Bekämpfung von Covid-19. Und dabei rücken die Gesundheitsämter in den Fokus.

Diese Behörden waren Anfang des Jahres in Deutschland auf eine solche Pandemie nicht vorbereitet. Das zeigte sich auch in Tirschenreuth. Im März und April erfassten die Mitarbeiter noch zig Daten mit Stift und Papier. Die Suche, beispielsweise nach Namen, war somit natürlich extrem erschwert. Vor allem wenn man bedenkt, dass es in der ersten Aprilwoche im Landkreis rund 400 Corona-Infizierte gab. Für Abhilfe sorgte ein IT-Student, der am Gesundheitsamt aushalf und auch jetzt noch dort tätig ist. Er programmierte eine Datenbank. Diese nutzt die Behörde seit Mai.

Schnelle Bewerbung

„Wir sind jetzt definitiv besser organisiert“, sagt Anna Kurzeck. Die Tirschenreutherin war Anfang des Jahres noch Medizinstudentin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Am 18. März bewarb sie sich bei Regierung der Oberpfalz, da Medizinstudenten zur Unterstützung der Gesundheitsämter gesucht wurden. „Eine Stunde später wurde ich angerufen. Und noch am selben Tag habe ich im Landratsamt meinen Vertrag unterschrieben“, erinnert sich die 26-Jährige. Schon am nächsten Tag packte sie im Gesundheitsamt mit an. Und seitdem ist sie voll dabei.

„Ich wollte einfach helfen“, so Kurzeck. Zudem habe sie „ein wenig Zeit“ zwischen praktischem Jahr und Staatsexamen gehabt. Sie habe lediglich im Juni zwei Wochen Überstunden abgebaut, um ihr Staatsexamen zu absolvieren. Mit ihrer Approbation ist sie seit 1. August als Ärztin am Gesundheitsamt beschäftigt. Aktuell hat die Tirschenreutherin dort die ärztliche Leitung des Corona-Teams inne.

Wir sind schon zu einem guten Team zusammengewachsen.

Anna Kurzeck, ärztliche Leiterin des Corona-Teams im Gesundheitsamt

Anna Kurzeck, ärztliche Leiterin des Corona-Teams im Gesundheitsamt

Als Kurzeck Mitte März anfing, rollte gerade die erste Corona-Welle auf den Landkreis zu. Personell war die Einrichtung dafür nicht ausgerüstet. Denn vor der Pandemie gingen dort 18 Leute ihrem Job nach, darunter waren 3 Ärzte. Immer mehr Leute von anderen Behörden oder Institutionen wurden an das Gesundheitsamt abgeordnet. Zu Corona-Hochzeiten Ende März und im April waren dort rund 70 Leute aktiv. Nachdem sich die Situation im Sommer wieder beruhigt hatte, wurden Vorbereitungen getroffen, um künftig besser gerüstet zu sein.

Bisher war die Behörde im ersten Stock an der St.-Peter-Straße 33 unterhalb des Krankenhauses untergebracht. Seit Anfang Oktober haben die Mitarbeiter auch den kompletten zweiten Stock in Beschlag genommen. Dafür musste das Veterinäramt in die ehemalige Praxis Dr. Höhn an der Mitterteicher Straße ausweichen. Falls sich die Lage weiter verschlechtern sollte, gibt es schon Pläne, das Gesundheitsamt kurzfristig zu erweitern. Räume dafür würde es unter anderem im Landratsamt geben.

Jeden Tag ein Anruf

Das Gesundheitsamt wird seit Monaten personell aufgestockt. Bis November wird das Stammpersonal auf rund 40 Personen wachsen. Darunter sind auch 3 weitere Mediziner. Diese sind Ansprechpartner sowohl für die Ermittler bei schwierigen Sachlagen als auch für die Bevölkerung bei Fragen, welche das Wissen eines Arztes erfordern.

Zudem können jederzeit von anderen Behörden Leute angefordert werden. Die Neueingestellten haben unterschiedlichste berufliche Hintergründe: vom Koch bis hin zur Krankenschwester. „Wir sind schon zu einem guten Team zusammengewachsen“, lobt Kurzeck.

Dass das keine leeren Worthülsen sind, bestätigt ein Blick in die Büros. Ulrike und Uwe, beide wollen nicht mit kompletten Namen genannt werden, sind für die Quarantäne-Begleitung mit den sogenannten Tagebuchanrufen zuständig. Sie treten jeden Tag mit den Bürgen, die in Quarantäne sind, in Kontakt.

„Die meisten Leute reagieren sehr positiv auf unsere Anrufe. Manche warten richtig darauf“, berichtet Uwe. Wichtig sei, den Infizierten die Angst zu nehmen. Auch Ulrike, die eigentlich Lehrerin ist und seit Montag diesem Job nachgeht, hatte bisher nur angenehme Telefonate. Da sie als Risikopatientin momentan nicht unterrichten kann, habe sie sich entschieden, im Gesundheitsamt zu helfen.

Kein Job nach Lehrbuch

Kontakte-Ermittlerin Marion und Hygienekontrolleur Daniel sitzen in einem Büro. Sie sind seit September im Amt. „Das ist eine interessante Arbeit, durchaus wie ich es erwartet habe“, sagt Marion. Natürlich seien viele verunsichert und es komme zu schwierigen Situation. „Aber das ist immer so, wenn man mit Menschen zusammenkommt.“ Grundsätzlich gebe es kein Lehrbuch für diesen Job. Quasi von der Küche ins Gesundheitsamt ist Daniel gekommen. Er hat Koch gelernt und sich später zum Lebensmitteltechniker weitergebildet. Er kümmert sich neben der Datenpflege auch um die Verteilung der Daten an die Ermittler. Beide schwärmen vom Zusammenhalt. „Man merkt, dass alle Bock haben“, sagt Daniel. Und das haben sie zu tun:

Quarantäne-Anrufe

Die neuen Mitarbeiter haben hauptsächlich zwei Funktionen. Zum einen ermitteln sie die Kontaktpersonen von Corona-Infizierten, zum anderen rufen sie täglich die Personen, die in Quarantäne sind, an. Beispielsweise erkundigen sich die Mitarbeiter nach dem Wohlbefinden oder ob noch Symptome vorliegen. „Das ist letztendlich eine Überwachung des Gesundheitszustands“, erklärt Kurzeck. Zwischen Montag und Freitag führt das Personal jeden Tag aktuell rund 400 solcher Telefonanrufe durch. Dies bezeichnet die Ärztin als Routinearbeit.

Ermitteln der Kontaktpersonen

Mehr Zeit nimmt die Ermittlung der Kontaktpersonen erster Kategorie im beruflichen und privaten Bereich ein. „Das ist die Hauptaufgabe.“ Ein Ermittler am Gesundheitsamt schafft zwischen zwei und drei Fällen in acht Stunden.

Hatte ein positiv getesteter Bürger schon vor seinem Test Symptome, wird von diesem Zeitpunkt noch einmal zwei Tage zurückgegangen. Zeigte beispielsweise ein Corona-Infizierter schon seit sieben Tagen Symptome, verfolgt das Gesundheitsamt also die Kontaktpersonen der vergangenen neun Tage zurück.

Wenn der Covid-19-Patient keine Symptome zeigt, nehmen die Mitarbeiter das Testdatum und gehen zwei Tage zurück. Diese Strategie orientiert sich an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Wobei Kurzeck einschränkt, dass alle Vorgaben nicht immer 100 Prozent umsetzbar sind. „Das sind oft auch individuelle Entscheidungen.“ Spezielle Fälle würden die Ermittler mit den Ärzten im Amt besprechen.

Als Kontaktpersonen erster Kategorie gelten, wer länger als 15 Minuten näher als 1,5 Meter ohne Mundschutz Kontakt mit einem Infizierten hatte. Sie werden unter Quarantäne gestellt. Aber auch Personen, die mit einem Infizierten über einem längeren Zeitraum in einen nicht gut gelüfteten Raum waren. „Denn da bringt das Abstandhalten auch nichts“, sagt Kurzeck.

Die Ärztin gibt zu bedenken, dass „nicht jede Person gleich ansteckend ist“. Zudem ist die Ansteckungsgefahr von Corona-Erkrankten von Tag zu Tag verschieden. Dabei ist zu beachten, dass Infizierte schon Tage vor Symptombeginn ansteckend sein können.

Verlauf der Quarantäne

„Wir machen keine Frei-Testung“, betont Kruzeck. Wird eine Person in Quarantäne geschickt, muss sie einen Test machen. Auch wenn dieser negativ ausfällt, folgt fünf bis sieben Tage nach dem letzten Kontakt mit dem Infizierten ein weiterer Test. „Das Coronavirus hat eine bestimmte Inkubationszeit. Daher testen wir beim zweiten Mal zu der Zeit, wo ein positives Ergebnis am wahrscheinlichsten ist“, erklärt die Tirschenreutherin. Die Quarantäne dauere grundsätzlich 14 Tage.

Laut Kurzeck zeigen sich die Betroffenen größtenteils verständnisvoll. Aber es würde auch Ausnahmefälle geben, die sich gegen die Maßnahmen sträuben. Letztendlich würden die Mitarbeiter des Gesundheitsamts klar den Richtlinien folgen. Und von Woche zu Woche werde der Interpretationsspielraum geringer. Wichtig sei auch, sich mit anderen Gesundheitsämtern abzustimmen, um eine einheitliche Linie zu fahren.

Die Behörde in Tirschenreuth arbeitet momentan zwischen Montag und Freitag im Regelbetrieb. Am Wochenende ist eine Notbesetzung mit einem Arzt und einem Ermittler im Einsatz, wobei die Zahl der Ermittler für Samstag und Sonntag auf zwei oder drei steigen soll.

Was aber viele vergessen: Das Gesundheitsamt muss noch mehr als die Nachverfolgung des Coronageschehens leisten. Dazu zählen beispielsweise amtsärztliche Untersuchungen, Schwangerschaftsberatung, Heimbegehungen oder Belehrungen im Lebensmittelbereich. „Der normale Arbeitsalltag geht auch weiter“, macht Kurzeck deutlich. Der Ärztin ist es wichtig, dass die Bürger über das Vorgehen des Gesundheitsamt aufgeklärt sind: „Denn damit kann man viel erreichen.“

Die aktuellen Corona-Nachrichten der Region im Überblick

Oberpfalz
Arzt Michael Wührl ist seit 1. Oktober am Gesundheitsamt. Er macht Abstriche in Pflegeheimen und steht den Ermittlern für medizinische Fragen zur Verfügung.
Hintergrund:

Einblicke in die Praxis

  • Viel Arbeit am Mittwoch: Die 37 Neuinfektionen am Mittwoch stellten das Gesundheitsamt vor eine Herausforderung. Denn diese Größenordnung gab es bisher nur zu Beginn der Pandemie. Alleine bei 17 Personen sei komplett unklar gewesen, wo sie sich angesteckt haben. „Das ist natürlich eine sehr unbefriedigende Situation“, so Anna Kurzeck. Allerdings hätten die Mitarbeiter des Gesundheitsamts es innerhalb eines Tages geschafft, von allen 37 Neuinfizierten die Kontaktpersonen zu ermitteln. Letztendlich schickte die Behörde rund 100 Personen in die häusliche Quarantäne.
  • Jeder Covid-19-Fall anders: Dass jeder Fall eines Covid-19-Infizierten neu bewertet werden muss, zeigt der Blick auf zwei Beispiele. Auf einem normalen Grillfest im September, „das definitiv kein Besäufnis war“, steckten sich einige Leute an. Daran sehe man, dass auch im Freien eine gewisse Gefahr bestehe, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.
    Beim zweiten Fall steckte ein Infizierter alle Personen an, die mit ihm an einem großen Tisch in einer Gaststätte saßen. Allerdings erwischte es auch zwei Leute, die rund zehn Meter entfernt von diesem Tisch Platz genommen hatten und nur etwas 20 Minuten in dem Raum waren.

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