16.04.2021 - 11:54 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Ausgefallene Mode aus Tirschenreuth für die Großstadt

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Die Zwillinge Nadine und Marina Schrems aus Tirschenreuth haben im Dezember 2020 ihr Modelabel „Verdreht & Zugenäht“ gegründet. Dabei setzen die beiden auf Qualität aus der Region und Individualität.

Die Zwillingsschwestern Marina (links) und Nadine Schrems aus Tirschenreuth haben vor einigen Monaten ihr eigenes Mode-Unternehmen "Verdreht & Zugenäht" gegründet. Es entstehen handgeschneiderte und handbemalte Mäntel sowie selbst bedruckte T-Shirts.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Kleiderstangen voller Mäntel und T-Shirts, eine Nähmaschine samt Stoff- und Schnittmuster auf dem Arbeitstisch. Aber nein, es ist keine Änderungsschneiderei, die sich hinter dem Schaufenster in der Schmellerstraße in der Tirschenreuther Altstadt verbirgt. Seit Anfang Februar entstehen dort unter dem Modelabel „Verdreht & Zugenäht“ handbemalte oder bedruckte Mäntel und T-Shirts. Hinter der neuen Marke stehen die Zwillingsschwestern Nadine und Marina Schrems.

Die 31-jährigen Tirschenreutherinnen machten sich im Dezember 2020 mit ihrem Mode-Unternehmen selbstständig. „Viele Passanten schauen zum Fenster rein und fragen, was wir hier machen“, berichtet Marina. „Es denken ganz viele, dass wir hier eine Änderungsschneiderei betreiben“, sagt sie und lacht.

Raffinierte Details

Nadine entwirft die Mäntel und bemalt diese auch. Alle Arbeitsschritte – vom Schnittmuster über das Nähen und Bemalen – führt sie selbst durch. „Wir können auch Stoffkombinationen und kreative Schnittmuster realisieren“, sagt Nadine. Auch individuelle Kundenwünsche, was das handgemalte Motiv angeht, seien kein Problem. Jedes Kleidungsstück hat raffinierte Details: angeknotete Ärmel, bunte Kunstwerke oder eingewebte Partien. Um einen Mantel zu nähen, braucht Nadine etwa einen Tag – für einen aufwendigen Schnitt bis zu elf Stunden, für einen einfacheren acht Stunden.

„Jedes Stück ist ein Unikat“, ergänzt Marina. Während Nadine die Mäntel schneidert und bemalt, kümmert sich Marina im Unternehmen um das Organisatorische. Zudem entwirft sie die Grafiken am Computer und bedruckt die T-Shirts. „Ich muss die Nähmaschine nur anschauen, und schon bricht mir die Nadel“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Verkauf nur im Online-Shop

Den Zwillingen ist bei ihrer Arbeit Kreativität, Leidenschaft und einzigartiges Design genauso wichtig wie Qualität und Perfektion. „Individualität ist gefragter denn je“, sind sich die Zwillinge sicher. Sie fertigen Einzelteile, die im Handel in dieser Form nicht erhältlich sind. Die Kreationen seien eher etwas für „ausgeflippte Leute“, sind sich die Schwestern bewusst. „Das, was wir anbieten, kommt eher in Großstädten wie Düsseldorf, Berlin oder München an“, weiß Nadine.

Deshalb verkaufen sie ihre Kleidungsstücke auch nur über einen Online-Shop und betreiben keine Boutique in Tirschenreuth. Mindestens genauso viel Priorität hat für die Schwestern, dass alle Teile vom Faden über Stoffe und Knöpfe möglichst aus der Region oder aus Deutschland kommen. „Unsere Mode ist zu 100 Prozent handgefertigt in Deutschland“, betont Nadine. Die Stoffe, die sie verwendet, stammen aus ökologisch zertifizierter und nachhaltiger Herstellung. Massenproduktion und die Verschwendung von Ressourcen lehnen die jungen Frauen ab. Der Trend neige zur Nachhaltigkeit. Aus angefallenen Reststoffen produzieren sie deshalb Accessoires wie Schals, Mützen und Stirnbänder. „Auch unsere Verpackungen sind zu 100 Prozent plastikfrei und nachhaltig“, versprechen die Tirschenreutherinnen.

Zwischen Hamburg und Düsseldorf

Ihr Abitur in der Fachrichtung Gestaltung machten die Zwillinge 2008 an der FOS/BOS in Weiden. Danach studierten die beiden bis 2013 Textil- und Modedesign an der Fachhochschule in Hof am Campus in Münchberg. Während des Praxissemesters wohnten und arbeiteten Marina und Nadine in Hamburg. Nach dem Bachelorabschluss ging es nach Duisburg, die Oberpfälzerinnen arbeiteten für ein Modelabel in Düsseldorf. Nachdem 2015 herauskam, dass der Arbeitgeber seine Lieferanten und Mitarbeiter nicht mehr zahlen konnte und der Geschäftsführer später als Betrüger verurteilt wurde, mussten sich die Stiftländerinnen einen neuen Job suchen. „Wir wollten zunächst weg von der Modebranche“, sagt Marina.

Gemeinsam bewarben sie sich als Flugbegleiterinnen bei der Fluggesellschaft Germania. Diese Zeit war nicht weniger turbulent als in der Modebranche, berichten die Schwestern. „Wir sind dann von Duisburg direkt nach Düsseldorf umgezogen. Aber wir haben uns kaum gesehen. Nur etwa zwei Mal im Monat“, blickt Nadine zurück. In drei Jahren als Flugbegleiterinnen hatten die beiden nur sehr wenige Flüge gemeinsam. Nadine: „Das Traurigste waren die Weihnachtsfeiertage 2018. Die habe ich alleine in einem Hamburger Hotel verbracht.“ Auch ihren Geburtstag konnten die Schwestern nicht wie sonst gemeinsam feiern.

Dass sich die Zwillinge – die bisher immer alles gemeinsam machten – wegen ihrer unterschiedlichen Flugpläne so oft verpassten, belastete sie. Auch Besuche bei ihrer Familie in Tirschenreuth wurden immer seltener. „Wir hatten in Düsseldorf auch fast keine sozialen Kontakte“, erinnert sich Marina. Obwohl es laut den jungen Frauen bei Germania sehr familiär zuging und die Kollegen nett waren – gemeinsam weggehen ging wegen der abweichenden Schichten nicht.

Fliegerei nach drei Jahren beendet

Nach einem Jahr stiegen die Tirschenreutherinnen zu Chef-Stewardessen auf – von der nur eine pro Flug eingeteilt ist. „Von da an hatten wir gar keine gemeinsamen Flüge mehr.“ Meist waren die Zwillinge für Mittelstrecken eingeteilt, flogen in viele europäische Städte, aber auch in den Libanon – allerdings alles keine touristischen Flüge. „Das weiteste war Iran, ein Sechs-Stunden-Flug.“

Von Polizeieinsätzen an Bord über eine Reanimation während des Flugs haben die Stewardessen vieles erlebt. „Es war auch eine schöne und erlebnisreiche Zeit, wahrscheinlich würden wir jetzt immer noch fliegen, wenn Germania nicht insolvent gegangen wäre“, sind sich beide einig. Nach der Germania-Pleite Anfang 2019 standen die Schwestern wieder ohne Job da. Auf ihre Bewerbungen bei anderen Fluggesellschaften erhielten sie Absagen. „Da war für uns das Thema mit der Fliegerei gegessen.“ Auch Bewerbungen in der Modebranche waren schwierig. „Es gibt nur sehr wenige Stellen“, berichtet Marina.

Zurück in die Oberpfalz

Zu diesem Zeitpunkt reifte der Gedanke der Selbstständigkeit immer mehr. Schon 2015 entstand die Idee des Modelabels. „Aber uns fehlte die Erfahrung“, sagt Nadine. „Und auch der Mut“, ergänzt Marina. „Wenn wir das jetzt nicht machen, wann dann?“ Die Gelegenheit habe sich eben angeboten. Im April 2020 ging es zurück in die Oberpfälzer Heimat. Nadine wohnt nun wieder in Tirschenreuth, Marina in Fichtelberg. „Dass wir immer alles gemeinsam gemacht haben, ist Zufall. Es hat einfach immer gepasst“, finden beide. Und das, obwohl die eineiigen Zwillinge vom Charakter her nicht unterschiedlicher sein könnten, sagen sie selbst.

Corona verzögert Verkaufsstart

Fast ein Jahr Vorbereitungszeit steckten die 31-Jährigen in die Erstellung eines Geschäfts- und Finanzplans. Dass sie weder beim Herstellungsprozess noch bei der Vermarktung auf Unterstützung angewiesen sind, darauf sind die 31-jährigen Jungunternehmerinnen stolz. Anfang Dezember meldeten sie ihre GbR an. „Wir wollten eigentlich sofort mit dem Verkauf unserer Einzelstücke starten, doch Corona verzögerte alles“, bedauern die Schwestern. So dauerte etwa die Bearbeitung ihrer Anliegen bei der Agentur für Arbeit länger als gedacht, auch die Lieferung von Stoffen und anderen Materialien verzögerte sich.

Bisher verkauften Nadine und Marina schon einige ihrer bedruckten T-Shirts. Die selbstkreierten Mäntel fertigt Nadine auf Bestellung. Dafür liegen schon einige Bestellungen vor. „Es ist einfach eine blöde Zeit“, seufzt Marina. Die Tirschenreutherinnen hoffen, dass ihr Modelabel mit dem Ende der Pandemie einen Aufschwung erlebt. „So ein einzigartiges Kleidungsstück will man auch ausführen. Aktuell kann man ja nirgends hin.“

Maximilian Wiesent aus Erbendorf ist Modedesigner

Bayreuth

Zum Online-Shop von Marina und Nadine

Hintergrund:

Ursprung des Label-Namens

Die Marke „Verdreht & Zugenäht“ hat für die jungen Frauen eine besondere Bedeutung. „Das war das Thema unserer Bachelorarbeit.“ Sie nahmen sich vor, die Textilien ineinander zu verweben und nicht zu nähen. So entstand ein Pulli, der nur geflochten wurde. „Wir fanden den Titel toll, und er bleibt auch im Kopf.“ Teilweise findet sich diese Idee aus dem Studium auch in der Kollektion der Schwestern wieder.

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