17.10.2021 - 11:48 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Artenvielfalt als Lohn für 20 Jahre Einsatz im Naturschutz-Vorzeigeprojekt Waldnaabaue

Die Waldnaabaue ist das lebendige Gesamtergebnis eines Naturschutzgroßprojekts, das bundesweit einmalig ist. Gut 20 Jahre nach Beginn sind die Erfolge zählbar.

Das große, zusammenhängende Naturschutzgebiet hat sich prächtig entwickelt. Eine Erfolgsstory, die einmalig in ganz Deutschland ist und weit über das Stiftland hinaus beispielhaft wirkt.
von Ulla Britta BaumerProfil

Von 2000 bis 2011 wurde die Waldnaabaue als Bundesnaturschutzgroßprojekt zum Vorzeigelandstrich in Deutschland in Sachen großflächiger Naturschutz. Seither hat sich das Idyll im Stiftland hervorragend entwickelt. Neue Studien über das Vorkommen unzähliger Vogelarten durch die Gebietsbetreuer bestätigen das. Die Waldnaabaue ist eine perfekte Symbiose aus Teichen, Feuchtwiesen, feuchten Wäldern und Moorgewässern.

Einer, der es ganz genau weiß, ist Erwin Möhrlein. Zwei bis drei Mal pro Woche ist er in der Waldnaabaue unterwegs. Der Ornithologe, Umweltschützer, Naturliebhaber und Sachverständige der Artenvielfalt in den Auen ist einer der Pioniere des Projektes. Ebenso wie Thomas Kurzeck. Er betreut die Waldnaabaue beruflich als Sachverständiger am Landratsamt seit der ersten Stunde. Beide sprechen von einer prächtigen Entwicklung des Gebietes.

Erwin Möhrlein kennt etwa 180 Vogelarten, die er in den Auen in den vergangenen Jahren entdecken konnte. Besonders stellt er die Bekassine und die Waldwasserläufer heraus. Eine Rarität, die hauptsächlich im nordöstlichen Europa daheim sei, erklärt er zu den neun Brutpaaren der Waldwasserläufer, die aus vielen Gebieten schon verschwunden sind. „Die Aue ist für die Wasserläufer wie eine rettende Insel."

Das Wissen des Vogelkenners ist auch der Regierung der Oberpfalz von großem Nutzen. Derzeit wird ein Managementplan als Grundlage für die Zukunft der Waldnaabaue erstellt. Die Vogelarten werden überwiegend von Möhrlein erfasst und katalogisiert. „Es kommt uns keine Feder aus“, kommentiert er lachend seine Tätigkeit. Exakt auf das Exemplar bezogen könne er aber keine Zahlen nennen. „Ich gehe zur Brutzeit nicht in die sensibelsten Bereiche rein“, betont der Ornithologe, der den Schutz der Arten als höchste Priorität herausstellt. Schellente, Kranich und Neuntöter seien hier heimisch, zählt er manche Seltenheiten auf. Neben den einheimischen Vögeln landen in dem Schutzgebiet regelmäßig „Durchflug-Gäste“ zum Rasten für die Weiterreise. Die Waldnaabaue sei ein begehrtes Einfallstor für nordöstliche Brutvogelarten, so Möhrlein.

Die beständige sowie wachsende Vielfalt in Teilbereichen des Gebietes ist auch in der Insekten- und Pflanzenwelt ein deutlicher Indikator für den Erfolg der Schutzmaßnahmen. „Das Bundesprojekt war in jeder Hinsicht ein Volltreffer“, schwärmt Möhrlein von den Naturschätzen, die ihm täglich begegnen bei seinen Touren. Beispiele dafür gibt es genug: Der Moorfrosch ist ihm besonders ans Herz gewachsen. Die Nordische Moorjungfer, eine besondere Libelle, sei prädestiniert für dieses Feuchtgebiet.

Möhrlein plädiert für mehr Biotopverbunde. Die Arten müssten auch wandern können, nennt er am Beispiel der Buschnelke. Sie habe sich aus der Aue hinaus in den Großensterzer Wald südlich Mitterteich verbreitet. Der Mix aus traditioneller Kulturlandschaft, Mooren, Moorgewässern und Teichen habe enorme Bedeutung für den Erhalt der Vielfalt. Das sei nur mit vielen Händen aus der Teich- und Landwirtschaft, dem Forst, den Behörden und den Umweltschützern zu stemmen, die seit über 20 Jahren zusammenwirken.

Die Förderphase des Bundesnaturschutzgroßprojekts ist seit 2012 abgeschlossen, erklärt Thomas Kurzeck. Dennoch ist er am Landratsamt an der Unteren Naturschutzbehörde nicht arbeitslos geworden. Sein großer Aufgabenbereich beinhaltet weiterhin die Betreuung des Schutzgebietes, ob es um Verwaltungs-, Förder- oder Pflegemaßnahmen geht. Kurzeck zeigt sich zufrieden: Mit dem Projekt werde das Artensterben in vieler Hinsicht aufgehalten.

Warum Grunderwerb und Pflegemaßnahmen weiterhin notwendig sind, begründet er mit der Dynamik der Natur. „Der Mensch versucht, das Beste für die Biodiversität zu machen. Richten muss und wird es letztendlich die Natur selbst." Gerade deshalb müsse das menschliche Tun stets hinterfragt und, falls notwendig, nachjustiert werden: "Zum Beispiel, um geschaffene Feuchtkomplexe dauerhaft zu erhalten." Ansonsten könnten diese wieder verbuschen.

Die positive Resonanz aus der Bevölkerung und den politischen Vertretern auf die Waldnaabaue freut Kurzeck: "Das zeigt, wie wichtig den Menschen dieses Stück Heimat ist." Ganz wichtig sei das qualitativ hochwertig umgesetzte Besucherlenkungskonzept. Vizinalbahnradweg, Heusterzbrücke und Himmelsleiter sind inzwischen Aushängeschilder für die Region, stehen für eine Symbiose von Natur und Architektur.

Aufgabe des Projektleiters ist auch der Flächenerhalt und dessen Erweiterung. Der Landkreis sei weiterhin bemüht, Grundstücke im Schutzgebiet aufzukaufen. Der Klimawandel verschone auch die Waldnaabaue nicht, meint Kurzeck. "In den zurückliegenden Sommern sind Feuchtgebiete und Moore regelmäßig ausgetrocknet und Quellen versiegt. In diesem Jahr zeigte sich glücklicherweise wieder ein anderes Bild." Die Waldnaabaue mit ihrer großen Moor-Renaturierung und der Wasserrückhaltung sei ein gelungenes Beispiel für die hochaktuellen Themen Klima- und Hochwasserschutz.

Sorge bereitet Kurzeck jedoch der massive Rückgang der Wasservögel auf den Teichen in den zurückliegenden Jahrzehnten. Als Ursache vermutet der Projektleiter neben fehlenden Strukturen an den Teichen die Trockenheit, aber auch steigende Populationen von Mink, Fischotter, Fuchs und Waschbär. Umso mehr freut es ihn, dass sich Vogelarten, die viele Jahrzehnte nicht mehr im Stiftland heimisch waren, wieder angesiedelt haben – etwa Kranich, Fisch- und Seeadler.

Managementplan soll Zukunft der Waldnaabaue sichern

Tirschenreuth
Hintergrund:

Die Waldnaabaue

  • Fläche: Rund 3200 Hektar
  • Lage im Landkreis Tirschenreuth: Kerngebiet umfasst das Gebiet der Waldnaab und ihrer Nebenbäche, große Teile des Tirschenreuther Teichgebietes und die dazwischen liegenden Waldgebiete.

 

 

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