08.07.2020 - 17:22 Uhr
TeunzOberpfalz

Michael Gschrei zum Fall Wirecard und den Fehlern der Prüfer

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Der Fall Wirecard lässt an Prüfern und Aufsichtsgremien zweifeln. Einer der den Finger schon lange in die Wunde legt ist der Wirtschaftsprüfer Michael Gschrei, aufgewachsen in Teunz. Die geistige Mitgift prägt ihn bis heute, sagt er.

Der Wirtschaftsprüfer Michael Gschrei stammt aus Teunz (Kreis Schwandorf) und ist unter anderem Vorstand der Wirtschaftsprüferkammer.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

ONETZ: Herr Gschrei, Wirecard scheint einer der größten Betrugsfälle der vergangenen Jahrzehnte zu sein. Was sagt der Wirtschaftsprüfer dazu?

Michael Gschrei: Die gesetzliche Abschlussprüfung durch Wirtschaftsprüfer wurde vor 90 Jahren per Notverordnung eingerichtet. Damit sollten die damaligen Bilanzskandale ein für alle Mal verhindert werden. Wirecard belegt, dass wir bis heute, den Nachweis unserer Existenzberechtigung im Bereich der Prüfung von Börsenunternehmen und auch in der Prüfung im Anleger-Graumarkt noch schuldig geblieben sind.

ONETZ: Warum wurden von den zuständigen Wirtschaftsprüfern nicht früher bemerkt, dass bei Wirecard 1,9 Milliarden Euro fehlen?

Michael Gschrei: Die 1,9 Milliarden Euro fehlten in der Bilanz 2019. 2018 sind es erst 1 Milliarde Euro gewesen. Bankguthaben wurde nur auf dem Papier geführt, nicht auf Bankkonten. Wirecard führte liquide Mittel als Datei und behauptete, darüber verfügen zu können. KPMG hat trotz forensischer Prüfung den Sachverhalt leider nicht aufgeklärt und sich in eine nebulöse Erklärung geflüchtet: Wir können nicht ausschließen, dass die Forderungen/Mittel vorhanden sind, wir können aber auch nicht bestätigen, dass diese Mittel nicht vorhanden sind. Diesen Job der finalen Aufklärung hat KMPG 2020 seltsamerweise dann der EY überlassen. Die Wirtschaftsprüfer haben bei der Abschlussprüfung für Bankguthaben Bankbestätigungen anzufordern. Daran hat sich EY 2020 wieder erinnert. Es ist sehr erstaunlich, dass KPMG selbst auch nicht auf die Idee kam, Bankbestätigungen anzufordern, statt dessen sich mit einem Gutachten auseinandersetzte, das ein Beratungsunternehmen wohl aus Gefälligkeit erstellte.

ONETZ: Zuständig war EY, eine der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Als Laie meint man, diese müsste ausreichend Mitarbeiter haben, um einen Konzern wie Wirecard auszuleuchten?

Michael Gschrei: Für die Prüfung von sogenannten Dax-Unternehmen benötigt man besonderes Wissen in der Rechnungslegung, zum Beispiel die Rechnungslegung nach IFRS. EY ist in den letzten Jahren stark im Dax-Segment gewachsen. Die Fachleute stehen nicht Schlange. Deswegen könnte es auch ein personelles Problem bei EY ein. Andererseits kann es sein, dass die jahrelange Prüfung auch blind macht, die kritische Grundhaltung fehlt. Angesichts der vielen Berichte in den Medien seit 2016 (Financial Times, Manager Magazin) über die Wirecard scheint es mit der kritischen Grundhaltung nicht weit her gewesen zu sein. Seit 2016 steht diese Berufspflicht im Grundgesetz der Wirtschaftsprüfer (§ 43 Abs. 3 WPO).

ONETZ: KPMG hat in seinem Sondergutachten die Lücke entdeckt?

Michael Gschrei: Das KPMG-Gutachten hat die Bilanzfälschung nicht aufgedeckt, sondern nur auf große Mängel in der Compliance und bei den Vermögensnachweisen und der Vermögenszurechnung hingewiesen. Nach der Veröffentlichung des KPMG-Gutachtens konnte EY nicht mehr die bis 2018 gelebte Prüfungsstrategie aufrechthalten. Von EY wurden die von Treuhändern bestätigten Gelder über 1,9 Milliarden Euro endlich in Zweifel gezogen. EY verlangte plötzlich nach Bankbestätigungen, in den Vorjahren hat sich EY mit Treuhänderbestätigungen abspeisen lassen. Ein No-Go für Abschlussprüfer, dies lernt schon jeder Assistent. Nun wurde es eng für Wirecard, denn die Schlinge zog sich zu. EY hat im Rahmen der Abschlussprüfung 2019 mit großer Verspätung den Betrug aufgedeckt. EY musste aber zur Bankbestätigung geradezu „hingeprügelt“ werden. Zu den Nachweisen der Jahre 2016 bis 2018 äußert sich EY nicht.

ONETZ: Glauben Sie, dass Klagen von Aktionären gegen EY Erfolgsaussichten haben?

Michael Gschrei: Ich halte das Verhalten von Wirecard für grob fahrlässig. Erst wenn man die gesamten Arbeitspapiere von EY kennt, wird man eine Aussage treffen können, ob nicht schon bedingter Vorsatz im Spiel war.

Deutschland & Welt

ONETZ: Bundesfinanzminister Scholz will nun die Finanzaufsicht Bafin reformieren. Reicht das oder muss die Politik weiter gehen, weil das System versagt?

Michael Gschrei: Bafin hat schon bei HRE im Vorfeld der Finanzkrise versagt. Die gleichen Ausreden kommen heute wieder. Auch bei der HRE war man nur für die vier Banken unter der Konzernmutter zuständig. Seit den zwölf Jahren hat sich bei der Bafin nichts geändert. Ich höre immer wieder von Mitgliedern, die Bafin verfolge die kleinen Prüfer und Gesellschaften, mit den großen Instituten pflegt sie ein gutes Auskommen. Der Bafin mangelt es nach den geschilderten Erfahrungen unserer Mitglieder für diese Aufgabe an qualifizierten Mitarbeitern. Deswegen waren wiederum ehemalige Big4-Mitarbeiter bei der Bafin angestellt. Das riecht nach Interessenkollision.

ONETZ: Auch die Europäische Kommission prüft den Fall Wirecard und die Verantwortung der deutschen Finanzaufsicht. Treibt Brüssel Berlin nun vor sich her?

Michael Gschrei: Brüssel war für uns Mittelständler bislang keine Unterstützung. Nur große Unternehmen mit einer Heerschar an Lobbyisten lassen sich von Brüssel die Richtlinien und Verordnungen für ihre Zwecke schreiben. So war es 2014 bei der Prüferaufsichtsreform. Das Handelsblatturteil war: Kommissar Barnier als brüllender Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet. Dies ist auch meine Erfahrung aus 20 Jahre Berufspolitik in Europa.

ONETZ: Was lässt sich aus dem Fall Wirecard für Wirtschaftsprüfer lernen? Was muss sich unbedingt ändern?

Michael Gschrei: Es muss sich Grundlegendes ändern. Die Politik sollte nicht auf die Lobbyisten der Big4 hören. Es geht darum, die Berufspflichten zur Qualitätssicherung zu hegen und zu pflegen. Seit über zehn Jahren werden die Big4 von Ihren Alumni-Wirtschaftsprüfern beaufsichtigt. Dies wurde 2016 sogar gesetzlich festgeschrieben. Diese Aufsicht wurde nicht mal einer Fachaufsicht unterworfen. Die „Prüfer-Spielregeln“ schreibt der Big4-Verband IDW, der gleichzeitig als ihr Lobbyist fungiert. Dies geht für uns gar nicht. Die Regierung könnte die internationalen Prüferregeln für verbindlich erklären. Österreich hat dies getan. Dann sind zwei CDU-Abgeordnete als Lobbyisten der Big4 unterwegs. Damit genießen die Big4 seit zwanzig Jahren einen besonderen Artenschutz durch die Politik. So ist etwa der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) Beiratsvorsitzer beim Big4 Deloitte. Vor kurzem ist mit Herrn Gabriel ein weiterer Politiker zu Deloitte gestoßen. Die missratene Big4-Reform 2016 wurde unter der Führung des damaligen SPD-Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel geschaffen.

ONETZ: Ihr Verband wp.net e.V. spricht für die freiberuflichen und mittelständischen Wirtschaftsprüfer. Welche Auswirkungen hat der Fall Wirceard für deren Arbeit und Ansehen?

Michael Gschrei: Sollte es zu Regulierungen in unserer Berufsausübung kommen, müssen der Wirtschaftsprüfer-Mittelstand und die Einzelpraxen am stärksten darunter leiden. So war es in der Vergangenheit. Dies liegt zum Teil an der großen Nähe der Big4 zum Gesetzgeber. Die Gesetze werden zwar vom Parlament beschlossen, aber von der Ministerialbürokratie erstellt. Mit diesen Ministerialräte sind die Big4 über ihren Verband eng verbandelt. Da fließen auch Zahlungen an die Ministerialräte für Autorenverträge, wo es gar nichts zu schreiben gab. So passiert 2015/2016 bei den HGB- und den WPO-Reformen.

Das sagt der Vermögensberater

Pleystein

ONETZ: Herr Gschrei, Sie sind in Teunz im Kreis Schwandorf aufgewachsen, arbeiten aber in München. Welchen Stellenwert hat die Oberpfalz für Sie?

Michael Gschrei: Ich bin vor 50 Jahren aus Teunz weggezogen. Mit der Leitung des Ortenburg-Gymnasiums in Oberviechtach hatte ich Probleme, so dass meine Eltern meinten, ich sollte diese Bildungseinrichtung verlassen und arbeiten gehen. Beim Arbeitsamt Oberviechtach bin ich auf den Wirtschaftsprüferberuf aufmerksam geworden und habe mit 17 Jahren beschlossen, Wirtschaftsprüfer zu werden. Deswegen bin in nach München gegangen. Über den 2. Bildungsweg habe ich studiert und wurde 1988 zum Wirtschaftsprüfer bestellt. Die geistige Mitgift der Oberpfalz und meiner Eltern war vor allem, das Ziel nicht aus den Augen verlieren und sich bei Niederschlägen nicht entmutigen zu lassen, sondern immer wieder aufzustehen. Dazu gehört eine große Portion Gottvertrauen. Dies habe ich aus meiner Oberpfälzer Heimat und aus dem Elternhaus in Teunz mitgenommen.
wp.net, Verband für die mittelständige Wirtschaftsprüfung, war 2015 schon die zweite Gründung eines Wirtschftaprüfer-Verbandes von mir. Die erste Vereinsgründung 2002 scheiterte bereits wieder 2003.
Für die 2010 eingeführte Briefwahl in der Wirtschaftsprüferkammer (WPK) musste ich fünf Jahre durch Deutschland reisen. Als ich dann die Wahl 2011 bei den Wirtschaftsprüfern zu 100 Prozent gewann und Präsident wurde, musste ich ein halbes Jahr später verdauen, dass Treue und Freundschaft Eintagsfliegen sein können, heute sagt man dazu Facebookfreundschaften. Ich bin als Präsident der WPK zurückgetreten, um meinem Verband wieder aufzustellen. Nach einigen Jahren der Konsolidierung ist wp.net wieder der mit Abstand größte (nicht reichste) deutsche Wirtschaftsprüfer-Verband. In der Politik zählen die Stimmen bei den Wahlen, 2018 hatte meine Liste 47 Prozent. Die sieben anderen Listen hatten dann 53 Prozent.
Deswegen bin ich heute noch Oberpfälzer mit Leib und Seele. Da zwei Geschwister in der Oberpfalz geblieben sind, bin ich nicht nur zu Allerheiligen in der Oberpfalz, sondern auch unterjährig.

Zur Person:

Michael Gschrei

Der Wirtschaftsprüfer Michael Gschrei ist bayerischer Landespräsident der Wirtschaftsprüferkammer, Vorstand des Verbands für die mittelständige Wirtschaftsprüfung wp.net und Vorstand in der Wirtschaftsprüferkammer Berlin. Gschrei der aus Teunz (Kreis Schwandorf) stammt und in München lebt und arbeitet kämpft schon seit langer Zeit gegen die Schieflage bei der Berufsaufsicht. „Die geistige Mitgift der Oberpfalz und meiner Eltern war vor allem, das Ziel nicht aus den Augen verlieren und sich bei Niederschlägen nicht entmutigen zu lassen, sondern immer wieder aufzustehen“, sagt er. (paa)

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