15.03.2021 - 10:01 Uhr
TännesbergOberpfalz

Tännesberg: Vorreiter im Kampf für mehr Artenvielfalt

Der Geoökologe Florian Lang leitet von Tännesberg aus ein bayernweites Projekt zur biologischen Vielfalt. Als Privatmann ist er jedoch unzufrieden damit, was die erste Biodiversitätsgemeinde Deutschlands aus ihrem Potenzial macht.

Im Kainzbachtal bei Tännesberg hat die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Landesbund für Vogelschutz (LBV) ein Vorzeigeprojekt in Sachen Biodiversität geschaffen. Hier haben unter anderem auch Biber genügend Lebensraum.
von Thorsten Schreiber Kontakt Profil

Die Biodiversität liegt Florian Lang sehr am Herzen. Der Geoökologe koordiniert von Tännesberg aus den landesweiten "Marktplatz der biologischen Vielfalt". Zehn Kommunen gehören bisher dazu, doch das Thema reicht weit über Gemeindegrenzen hinaus. Artensterben könnte eine ähnliche Bekanntheit erreichen wie der Klimawandel, vermutet er. "Die Bedrohung für den Menschen ist erheblich. Wir sind sehr abhängig von der Artenvielfalt, funktionierenden Lebensräumen und einer breiten genetischen Basis, zum Beispiel bei Nutztieren und -pflanzen." Lösungen müssen "jenseits politischer Motive und Einzelinteressen mit höchster Priorität angepackt werden", fordert er.

Bevölkerung aufrütteln

Im Kampf für die Artenvielfalt geht noch einiges mehr, meint Lang und sorgt mit vier fachlich fundierten Schreiben, die er an Tännesberger Haushalte verteilt hat und die auch der Redaktion von Oberpfalz-Medien vorliegen, für Aufsehen. Darin äußert er seine private Meinung zu dem Thema. Nicht die als Angestellter des Markts, darauf legt er allergrößten Wert. Seine Anregungen könnten genauso gut viele andere Gemeinden in der Region betreffen. Er möchte die Bürger aufrütteln und zeigen, was jeder Einzelne zur Stärkung der Biodiversität beitragen könnte. Für ihn gehören dazu: "Echte Akzeptanz für die Bedrohung sowie die Zeitnot in den genannten Umweltthemen, weit mehr Entschlossenheit politischer Mandatsträger zum Schutz der Umwelt als bisher sowie Eigeninitiative, Eigeninitiative und Eigeninitiative."

Auch Landwirte fordern spätestens seit dem Volksbegehren "Rettet die Bienen", dass nicht nur sie, sondern die ganze Gesellschaft mehr für die Arten- und Lebensraum-Vielfalt tun muss. "Mit dieser Forderung haben sie absolut recht." Lang geht in seinen Schreiben auf Aspekte wie ökologische Pflege kommunaler Grünflächen, Lichtverschmutzung oder Biodiversität im Wald ein.

  • Pflege von Grünflächen

"Gesellschaftlicher als öffentliche Grünflächen können Flächen gar nicht sein." Im Gegensatz dazu sind Siedlungen oft arm an Arten und Lebensräumen, von Straßen, Parkplätzen, Schotterflächen ganz zu schweigen. "Aber auch grüne und bunte Gärten helfen oft nicht wirklich. Vielfach werden ungeeignete Pflanzen gepflanzt, der Rasen ist stets kurz, ,Unkraut' muss raus und Zäune beziehungsweise Mauern schotten ab. Innerörtliche kommunale Grünflächen bieten Platz für wertvolle Lebensräume und verhindern, dass Siedlungen zu Barrieren für Tiere und Pflanzen werden."

So sieht die strukturierte Landschaft rund um die Biodiversitätgemeinde Tännesberg aus.

Ziel für die meisten öffentlichen Grünflächen sollte eine nährstoffarme, artenreiche Wiese sein. Altgras sollte im Winter stehen gelassen werden, denn viele Insekten überwintern als Eier, Larven oder Puppen an oder in Pflanzenstängeln. Wird alles gemäht, werden quasi viele Insekten des Folgejahrs mit entfernt. Ein Viertel der Flächen stehen zu lassen, wäre gut. Zudem können weitere Strukturen angelegt werden. Als Beispiele nennt Lang Totholz für Wildbienen, Käfer und Pilze, breite Hecken für Vögel sowie Steinhaufen für Eidechsen.

  • Bedeutung der Beleuchtung

In Sachen Lichtverschmutzung sollte die erste Frage sein, "ob man mancherorts überhaupt Beleuchtung benötigt". Ein gutes Beispiel ist die Sanierung der St.-Jodok-Kirche, bei der eine Lampe zurückgebaut wurde. "60 Prozent aller Insektenarten sind dämmerungs- oder nachtaktiv. Künstliches Licht stört ihre Orientierung und zieht sie über weite Strecken an. Bei der Lichtquelle angekommen, sterben viele an Erschöpfung. Übrigens wird auch das menschliche Hormonsystem durch Kunstlicht gestört."

Ein Zitronenfalter an einer Weide.

Die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED-Technik bezeichnet Lang als "ideales Mittel zur Energieeinsparung. Sie hat aber auch dazu geführt, dass die Beleuchtung an Außenfassaden von Gebäuden, an Grundstückseinfahrten, in Gärten und Grünanlagen stark angestiegen ist. Auf diese Weise wird die Energieeinsparung wieder verringert oder aufgebraucht. Und es sind zahlreiche neue Lichtquellen entstanden, die nachtaktive Lebewesen negativ beeinflussen".

Außerdem sollten sämtliche Lampenköpfe ausgetauscht werden, "denn aus Sicht des Biodiversitätsschutzes reicht nur der Tausch der Leuchtmittel nicht aus", erklärt der Geoökologe. "Die Straßenbeleuchtung dient natürlich der Verkehrssicherheit, ein Rückbau ist daher nicht sinnvoll. Allerdings könnte man die Lichtintensität insgesamt leicht absenken, ohne dabei an Sicherheit einzubüßen. 90 statt 100 Prozent fällt kaum auf. Wenig benutzte Nebenstraßen könnten schwächer beleuchtet werden als Hauptstraßen."

  • Lebensraum Wald

Der Wald hat viele Funktionen, der größte Teil wird jedoch wirtschaftlich genutzt. Wälder sind aber auch bedeutende Biotope. "Besonders wertvolle Lebensräume bieten strukturierte Waldränder am Übergang zwischen Wald und Offenland. Buchtige Streifen von 10 bis 20 Metern Breite mit Krautsaum, Strauchgürtel und Waldmantel aus jüngeren Randbäumen, die ineinander übergehen und zusätzlich zum Beispiel Totholz und Felsstrukturen aufweisen, wären ein Eldorado für unzählige Arten. In der Realität schließt an die letzte vollwertige Baumreihe aber zumeist sofort Acker- oder Grünland an. Mit entsprechender Waldrandgestaltung könnte extrem viel für die Artenvielfalt geleistet werden." Zudem fehlen in Wäldern häufig Strukturen, die für viele Arten lebensnotwendig sind: Altersdurchmischung, Totholz, Biotop- und Altbäume sowie Lücken oder Lichtinseln.

Tännesberg mit Vorbildfunktion

Tännesberg hat als erste Biodiversitätsgemeinde Deutschlands eine Vorbildfunktion und genießt überregional einen hervorragenden Ruf. Den hat sich die Kommune in den vergangenen Jahrzehnten durch viele Projekte wie Renaturierung des Kainzbachtals, Wiederansiedelung des Roten Höhenviehs, Anlage des Obstlehrpfads oder etliche weitere Artenschutzmaßnahmen redlich verdient. Ausdrücklich hebt Lang auch Toni Wolf und dessen Lebenswerk im Biodiversitätsschutz hervor, "das wirklich herausragend in Bayern ist".

Sehr viel läuft bereits sehr gut: Der Naturpark NOW kümmert sich vorbildlich um die wertvollen Flächen im Kainzbachtal. Die Untere Naturschutzbehörde finanziert viele kleine Maßnahmen. Naturschutzverbände unterstützen die Kommune mit Flächenkäufen und begleiten diverse Projekte mit fachlicher Kompetenz. Das Amt für Ländliche Entwicklung bezuschusst die Finanzierung des Hauses der Biodiversität. Aber: "Was allerdings die Kommune aus all diesem Potenzial macht, muss ich leider als traurig wenig bezeichnen." Lang weiß, dass Tännesberg die Welt nicht retten kann, aber in Sachen Biodiversität seine künftige Rolle gründlich prüfen sollte.

"Wir müssen nach vorne schauen und nicht nur zurück. Wer die Vergangenheit lobt, aber die Gegenwart nicht erkennt, der riskiert die Zukunft. Die Vergangenheit hat uns ein Artensterben von erdgeschichtlicher Dimension und eine menschgemachte Klimaerwärmung von bisher unbekannter Geschwindigkeit beschert. Lernen wir aus dieser Vergangenheit und gestalten wir heute die noch bestmögliche Zukunft für unsere Kinder", fordert Lang. Er selbst hat eine dreijährige Tochter, was ihn auch nachdenklicher gemacht hat. "Die Kinder der heutigen Zeit wird es treffen, sie werden sich mit Klimawandel und Artenverlust auseinandersetzen müssen. Wir brauchen ein Umdenken in der Gesellschaft, das darf nicht politischen Prinzipien geopfert werden."

Reaktionen in der Gemeinde

Langs Meinung findet nach seiner Einschätzung zu 80 Prozent Zustimmung bei den Tännesbergern. Bei einigen kamen seine Ansichten weniger gut an, wie die Februarsitzung des Marktrats zeigte. Altbürgermeister Werner Braun (Freie Wähler) empfand die Argumentation als Gängelei, Besserwisserei und sogar als Drohung. Sauer aufgestoßen war ihm besonders, dass Passagen im jüngsten Schreiben so zu interpretieren sein könnten, dass die Generation Ü 60 die Zukunft der Kinder riskiert.

Lesen Sie hier die Debatte im Tännesberger Marktrat über die Rundschreiben

Tännesberg

Die Worte "Kompromiss", "Geduld", "alle Interessen berücksichtigen" oder "nur keine Konfrontation" hört Lang in diesem Zusammenhang viel zu oft. "Daraus resultieren offensichtlich Zögerlichkeit und Fehlentscheidungen." Er will keinen Streit mit der Gemeinde, ihm geht es um die Sache, nicht um Personen. "Man muss es zusammen schaffen und in eine Diskussion einsteigen, auch wenn sie kontrovers ist. Denn die Zeit läuft davon - weniger der Generation Ü 60, aber ganz bestimmt den Kindern unserer Zeit."

"Nicht auf Lorbeeren ausruhen"

Toni Wolf, langjähriger Vorsitzender der Bund-Naturschutz-Ortsgruppe, gibt Lang "zu 99 Prozent recht". Der Projektmanager ist "ein guter Fachmann, ich verstehe die Reaktion von manchen Gemeinderäten nicht". Wolf sieht das Thema genauso wie Lang: "In Sachen Biodiversitätsprojekt wird von der Kommunalpolitik wenig oder nichts gemacht." Dabei hat Tännesberg bayernweit einen guten Namen, darf sich jedoch "nicht auf den Lorbeeren ausruhen". Denn: "Biodiversität ist ein ständiger Prozess."

Toni Wolf hat sich vor zwei Jahren als Chef der BHN-Ortsgruppe zurückgezogen

Tännesberg

Wolfs Nachfolger als Chef der BN-Ortsgruppe, Korbinian Schönberger, stört eines in der ganzen Diskussion: "Wir sollen Modellgemeinde sein, lassen die Modellartigkeit aber vermissen. Manchmal muss man auch einen krassen Weg gehen in Sachen Naturschutz." In einer Umfrage von Oberpfalz-Medien zum Thema Schottergärten empfand er die Aussagen aus Tännesberg am schwächsten. Dabei "sollten wir als Gemeinde beispielgebend sein, werden dem aber momentan nicht ganz gerecht". Schönberger fordert daher mehr Fingerspitzengefühl, denn "in Sachen Naturschutz lässt sich viel machen, wenn man die Bevölkerung mitnimmt".

Hier finden Sie den Beitrag über die Schottergärten

Eschenbach

"Die Kinder der heutigen Zeit wird es treffen, sie werden sich mit Klimawandel und Artenverlust auseinandersetzen müssen. Wir brauchen ein Umdenken in der Gesellschaft, das darf nicht politischen Prinzipien geopfert werden."

Florian Lang

Florian Lang

Florian Lang ist seit Mai 2018 Manager des Projekts "Marktplatz der biologischen Vielfalt"

Hintergrund:

Biodiversitätsgemeinde Tännesberg

  • Seit 2009 „Bayerische Modellgemeinde Biodiversität“
  • Maßnahmen in drei Bereichen des Biodiversitätsschutzes
  • Lebensraumvielfalt: unter anderem Renaturierung des Kainzbachtals, Schleißbachtal, Weinberg, VNP-Förderprogramm-Teilnahme von Landwirten, ökologische innerörtliche Grünflächen, "G’Artenberatung", regelmäßige Pflege von Einzelbiotopen
  • Artenvielfalt: unter anderem Unterstützung der Rebhühner, Artenschutzmaßnahmen für Arnika, Sonnentau, Schwarzstorch oder verschiedene Libellen- und Fledermausarten
  • Genetische Vielfalt: unter anderem Obstlehrpfad, Wiederansiedelung des Roten Höhenviehs, Anbau alter Getreidesorten, diverse Maßnahmen zum Biotopverbund

Biodiversität als Standortfaktor

 

 

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