25.08.2021 - 12:38 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Weggefährten ehren Schriftsteller Wolfgang Hilbig zum 80. Geburtstag

Wenn Schriftsteller Ingo Schulze diesmal nach Sulzbach-Rosenberg kommt, stellt er kein eigenes Werk vor. Vielmehr erinnert er mit Katja Lange-Müller an den 2007 verstorbenen Kollegen Wolfgang Hilbig. Ein Buch hätte er aber auch in petto.

Wolfgang Hilbig starb 2007, am 31. August wäre er 80 Jahre alt geworden. Hilbig hat mehrfach im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg gelesen, zuletzt im April 2000 aus seinem Roman „Das Provisorium“.
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Herr Schulze, diesmal steht bei Ihrem Besuch keine Buchpräsentation, sondern Leben und Werk des Schriftstellers Wolfgang Hilbig im Mittelpunkt. Was verbindet Sie mit dem 2007 verstorbenen Kollegen?



Ingo Schulze: Ich habe Wolfgang Hilbig mit seiner ersten und einzigen Veröffentlichung in der DDR, dem schmalen Band „stimme stimme“ von 1984 und fast zeitgleich durch einen Essay von Franz Fühmann wahrgenommen. Da schrieb ein Heizer aus Meuselwitz eine an den Romantikern geschulte Sprache, ohne Rücksicht auf das, was im Osten gefordert wurde und im Westen en vogue war. Er war ganz nah dran an der Wirklichkeit und überwand oder erlöste sie durch seine Prosa und Lyrik.



ONETZ: Gibt es etwas, an das Sie sich besonders erinnern im Zusammenhang mit Wolfgang Hilbig? Was haben Sie besonders geschätzt an ihm?



Ingo Schulze: Er war von einer fast kindlichen Freundlichkeit, völlig uneitel bis zur Hilflosigkeit, und zugleich ein scharfer Verstand, der sich auch öffentlich unverblümt formulierte. Er hasste das Diktat des Zusammenhangs. Deshalb gibt es in seinen Reden oder Essays oft harte Brüche. In einer Dankrede in Anwesenheit von Kurt Biedenkopf nannte er die deutsche Einheit »Unzucht mit Abhängigen«, er meinte das witzig, das kam natürlich nicht so an.



ONETZ: In Sulzbach-Rosenberg ebenfalls mit von der Partie ist Schriftstellerin Katja Lange-Müller. Wird dieser gemeinsame Auftritt eine Premiere oder haben Sie schon öfter das Podium geteilt?



Ingo Schulze: Oh, mein allererster öffentlicher Auftritt war glücklicherweise an der Seite von Katja, das war im April oder Mai 1995, sie bekam den Döblin-Preis, ich den Förderpreis. Ich freue mich sehr, endlich mal wieder etwas mit ihr zusammen zu machen.



Schriftsteller Ingo Schulze

ONETZ: Mal nicht den eigenen Text vortragen, mal nicht zum eigenen Schaffen befragt werden – verspricht dieser Abend für Sie entspannter zu werden als gewöhnlich?



Ingo Schulze: Naja, ich finde es eigentlich schwerer, über andere zu reden als über sich selbst. Da möchte man dem anderen, in dem Fall also Hilbig, doch gerecht werden. Und das ist nicht ganz leicht. Wenn ich über die eigenen Bücher unpräzise spreche, langweile ich schlimmstenfalls das Publikum, was auch nicht schön ist, aber nur auf mich zurückfällt.



ONETZ: Eigentlich könnten Sie aber auch gut Ihren neu erschienener Erzählband „Tasso im Irrenhaus“ mitbringen oder sind die gewissen Ähnlichkeiten zwischen Ihrer Figur B.C. und Wolfgang Hilbig „rein zufällig“?



Ingo Schulze: Dieser B. C. ist eine erfundene Figur, in die wie von selbst die Vorbilder verschiedener Schriftsteller eingeflossen sind, aber immer nur Ausschnitte, ich hatte keinen speziellen im Sinn, das hätte mich wohl auch sehr gehemmt. So eine Figur entwickelt sich ja auch und springt nicht fertig aus meinem Kopf.



Buchcover

ONETZ: Bei Ihnen landet eine besondere Grabbeigabe krachend auf B.C.s Sarg, das Literaturhaus Oberpfalz erinnert im Vorfeld der Veranstaltung daran, dass Katja Lange-Müller ein Kohlebrikett in Hilbigs Grab geworfen habe – ein weiteres Indiz?



Ingo Schulze: Das hat mir damals sehr imponiert, dass Katja ein Brikett ins Grab geworfen hat, das war wirklich die beste denkbare Grabbeigabe. Wolfang Hilbig hatte mich zu einem seiner Sargträger bestimmt. Vielleicht wollte er uns auch nur ärgern, weil der Sarg wirklich fürchterlich schwer war, dass es mir fast den Arm rausgerissen hat, aber ich konnte ja nicht loslassen. Dieses Detail kam in die Erzählung.



ONETZ: In Ihrem Band schlagen Sie ein Brücke zwischen Kunst und Literatur und teilen auch ein bisschen Schriftsteller-Alltag mit den Lesern– wie viel Ingo Schulze steckt tatsächlich in den Ich-Erzählern, die in einem Fall ja sogar den gleichen Namen tragen?



Ingo Schulze: Ich möchte darauf gern sehr ernsthaft und aufrichtig antworten, aber ich kann es nicht, denn vorher müsste ich ja wissen, wer ich bin. Vielleicht finde ich das ja eines Tages mal heraus.



Gedenken an Wolfgang Hilbig

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Zu Person, Buch und Veranstaltung

  • Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, lebt in Berlin
  • er wurde u.a. mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, dem Rheingau-Literaturpreis und mit dem Kunstpreis der Stadt Dresden 2021 ausgezeichnet
  • seine Bücher sind in 30 Sprachen erschienen
  • "Tasso im Irrenhaus", Erzählungen, 160 Seiten, Hardcover, dtv Verlagsgesellschaft, 20 Euro
  • der Abend zu Ehren des Schriftstellers Wolfgang Hilbig, der am 31. August 80 Jahre alt geworden wäre, findet am Montag, 30. August um 19 Uhr im Capitol in Sulzbach-Rosenberg statt. Gäste sind die Weggefährten und Schriftsteller-Kollegen Katja Lange-Müller und Ingo Schulze
  • die Veranstaltung des Literaturhauses Oberpfalz steht unter dem Motto "Weltliteratur aus der Kleinstadt" und wird moderiert von Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin)
  • Kartenreservierung unter info[at]literaturarchiv[dot]de, Tel. 09661/8159590,
    es gelten die tagesaktuellen Corona-Regelungen

 

 

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