07.02.2021 - 14:10 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Wegen Corona: Brauereien müssen Bier wegschütten

Der Fasching ist an seinem Höhepunkt, die süffige Bockbierzeit steht bevor: Doch in den Braukesseln in Amberg und Sulzbach-Rosenberg ist nicht viel los. Der Absatz wegen Corona ist massiv eingebrochen. Wie gehen die Betriebe damit um?

Armin Ertel am Sudkessel: Die Coronakrise macht dem Fuchsbeck-Chef auch zu schaffen. Doch beim Exportbier langen die Kunden kräftig zu: „Das erlebt momentan eine richtige Renaissance.“
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Die Deutschen haben im vergangenen Jahr so wenig Bier getrunken wie nie zuvor. Wegen der Corona-Krise leiden die Brauereien massiv – das gilt gerade auch für die Familienbetriebe in Amberg und Sulzbach-Rosenberg. Manche Sude müssen teils schon Monate zuvor angesetzt werden. Doch welcher Brauer kann schon im Oktober wissen, ob im März wegen des Lockdowns Gaststätten geöffnet sein werden oder nicht?

Umgekehrt gibt es auch Überraschungen: Mancher Privatbrauer kommt gut über die Runden. Zudem greifen etliche Kunden in Krisenzeiten für den Rausch auf der Wohnzimmercouch lieber zu hochprozentigen Bieren. Angesichts der bevorstehenden Bockbiersaison hat sich Oberpfalz-Medien umgehört: Was tut sich rund um die Sudkessel in der Region?

Brauerei Winkler

Von Corona ist der Amberger Braubetrieb „massiv betroffen“, sagt Junior-Chef Maximilian Winkler. „Als regionale Brauerei trifft es uns viel schwerer als die Großbetriebe. Die beliefern deutschlandweit Getränkemärkte. Aber wir leben von der Gastronomie und den Festen vor Ort – und da geht ja überhaupt nichts momentan.“ Mit Blick auf den Absatz sei der Januar der schlechteste Monat seit Pandemiebeginn gewesen. „Es hat viel geregnet und geschneit. Da setzt sich niemand raus und trinkt Bier.“

Schwierig sei auch die Planung. Weil der Gerstensaft vier bis sechs Wochen zum Reifen braucht, werde bei Winkler immer für den geschätzten Bedarf in zwei Monaten gebraut. Doch in Coronazeiten, wo sich Regelungen teils wöchentlich ändern können, werde dies obsolet. „Der Doppelbock braucht besonders viel Zeit zum Reifen. Den haben wir schon im September angesetzt. Damals mussten wir entscheiden, wie viel wir im März verkaufen werden“, sagt der 30-Jährige. Weil man im Spätsommer 2020 noch geglaubt habe, dass in diesem Jahr kleinere Bockbierfeste wieder möglich seien, habe man Bier übrig.

„Wir müssen teilweise Bier wegschütten, das in Fässern bei den Wirten steht.“ Vor der zweiten Welle im Oktober seien noch Lokale frisch beliefert worden. „Das Bier dort geht jetzt langsam kaputt.“

„Wir müssen teilweise Bier wegschütten, das in Fässern bei den Wirten steht. Das Bier dort geht jetzt langsam kaputt.“

Maximilian Winkler, Juniorchef der Brauerei Winkler Amberg

Maximilian Winkler, Juniorchef der Brauerei Winkler Amberg

Brauerei Kummert

Laut Geschäftsführer Franz Kummert verkauft seine Brauerei in Amberg momentan mindestens 30 Prozent weniger als vor der Krise. Zehn Sorten plus saisonale Spezialbiere habe der Betrieb im Angebot, das Helle verkaufe sich am besten. Kummert bereitet vor allem das Fassbier Sorgen. „Das Flaschenbier ist kein Problem, das lässt sich im Handel verkaufen. Aber die Fässer stehen ausgeliefert in den Gaststätten und gehen dort kaputt.“

Zumindest auf Bockbier bleibt die Brauerei nicht sitzen. Das werde hauptsächlich in der eigenen Gaststätte verkauft. „Es war absehbar, dass es Faschingsfeiern nicht geben wird, bei denen die Leute dicht an dicht gedrängt stehen. Wir haben die Produktion von Starkbier deshalb bewusst runtergefahren.“

Seit April 2020 hat der 41-Jährige Kurzarbeit für die zehn Mitarbeiter von Kummert-Bräu eingeführt. „Das ist das wichtigste Kriseninstrument. Ohne Kurzarbeit hätten wir schon längst massiv entlassen müssen.“

Brauerei Bruckmüller

Seit bekannt war, dass die Gastronomie schließen muss, habe man die Produktion runtergefahren, erklärt Anton Bruckmüller. „Bier haben wir deshalb noch nicht wegschütten müssen. Das wäre ja auch wirklich schade“, sagt der Brauerei-Inhaber. Dennoch ist der 52-Jährige unzufrieden mit dem Krisenmanagement der Regierung. „Es wäre wirklich allerhöchste Zeit, dass die Politik ihre Maßnahmen überprüft. Laut RKI stammen nur 0,5 Prozent aller Infektionen aus der Gastronomie. Trotzdem macht man über Monate dicht. Das hat mit Rationalität nichts mehr zu tun.“

Von den 20 Mitarbeitern habe man dank Kurzarbeit noch niemanden entlassen müssen. Doch zu Fasching gibt es bei Bruckmüller keine besonderen Aktionen, weil auch keine Feste und Umzüge möglich sind: „Angesichts dessen, was man uns auferlegt, ist uns allen zum Feiern momentan nicht zumute.“

Sudhang-Hausbrauerei

Als Privatbrauer kommt Arno Diener überraschend gut durch die Krise. „Für mich hat sich in der Summe nicht viel geändert.“ Zwar seien seine Kunden, das Café Zentral und das Ausflugs-Wirtshaus „Radlbahnhof“ in Theuern weggefallen, aber: „Meine Stärke ist der Haustürverkauf. Die Leute holen bei mir schon immer direkt ab – und zwar ob Corona ist oder nicht.“

Der frühere IT-Mitarbeiter bei Siemens braut seit 1985 am Südhang des Amberger Mariahilfbergs und hat meistens zwei Biere im Angebot – aktuell ein Kellerbier und ein Dunkles. Draufgezahlt habe Diener nur wegen des ausgefallenen Bergfests im vergangenen Sommer. „Ich habe 1000 Steinmaßkrüge bestellt, die jetzt ungenutzt bei mir rumstehen.“

Noch nie haben die Deutschen so wenig Bier getrunken: Wir kennen die Zahlen

Deutschland und die Welt

Brauerei Fuchsbeck

„Richtig toll“ sei der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen, klagt Armin Ertel. „Es sind circa 25 Prozent weniger als im Februar 2020.“ Egal ob Hallenturniere von Hand- oder Fußballvereinen, Vereinstreffen von Feuerwehr oder den Schützen – die traditionellen Runden für einen Bierabend können sich momentan nicht treffen. Weil Märkte wie Rewe oder Kaufland schlechte Preise zahlten, könne der Handel dies nicht ausgleichen. Auch Hauslieferungen würden weniger als zehn Prozent der Kunden ausmachen.

Unerwartete Nachfrage kann der Sulzbach-Rosenberger aber bei den stärkeren Bieren vermelden. Das Export mit 5,8 Volumenprozent Alkoholanteil werde ihm förmlich aus der Hand gerissen. „Das wollte ich fast schon einstampfen, weil es früher nur die Alten getrunken haben. Aber das erlebt momentan eine richtige Renaissance.“ Der Fuchsbeck-Chef hat auch eine Erklärung: „Die Leute wollen Zuhause auf der Couch auch mal einen Rausch, aber wer trinkt daheim schon sechs oder sieben Bier? Mit dem stärkeren Export reichen schon drei Flaschen“, sagt er und lacht.

Von den vier Sud Festbier, die Ertel im Oktober gebraut hat, sei längst nichts mehr übrig. „Ich hätte leicht sieben Sud verkaufen können, das ging weg wie Sau.“ Dennoch spürt auch Ertel die Krise. Er plädiert an die Bürger: „Trinkt lokal, denkt regional.“ Oft sehe er in den Getränkemärkten Kunden, die oberbayerische Biere kauften. „Dies kann ich einfach nicht verstehen.“ Der 46-Jährige wünscht sich von den Amberg-Sulzbachern, dass sie insbesondere in der Krise zu ihren einheimischen Brauereien stehen und auch deren Sorten kaufen.

Brauerei Sperber

Die Familienbrauerei in der Sulzbacher Altstadt verkauft rund ein Drittel weniger Bier als vor Corona, gibt Christian Sperber bekannt. Wie seine Braukollegen spürt auch der 57-Jährige den Wegfall von Festen, Kirwan und die Schließung der Gastronomie massiv. Zwar habe man das Angebot mit 13 Biersorten aufrechterhalten, aber in der zugehörigen Gaststätte habe man drei Mitarbeiter entlassen müssen. „Die Feste gehören zu unserem Kalender, unserer Kultur. Wer nicht mehr weggehen kann, trinkt auch kein Bier mehr.“

Unerwartet erfolgreich seien jedoch die virtuellen Bierverkostungen über den Online-Konferenzdienstleister Zoom, die sich Sperber ersatzweise hat einfallen lassen. „Die Leute melden sich an, wir schicken die Biere und die Gläser, und dann verkosten wir gemeinsam.“ Dabei erklärt der Braumeister die einzelnen Sorten und beantwortet Fragen. „Das ist jedes Mal ein Mordsspaß“, freut sich Sperber und hat bereits neue Termine geplant.“

Kirwan und den Gastrobetrieb könne dies aber nicht ansatzweise ausgleichen. Manche der Brauerei-Mitarbeiter seien zu 100 Prozent in Kurzarbeit. Dennoch plädiert Sperber für Vernunft im Umgang mit Corona. Frühestens zu Ostern rechnet er mit einer Gastro-Öffnung. „Es wäre verheerend, wenn wir zu früh aufmachen und dann gleich wieder schließen müssten. Lieber erst bei einem stabilen Corona-Wert öffnen und dann offen lassen. Alles andere verunsichert die Leute. Und dann kommen sie auch nicht, das würde uns gar nichts helfen.“

„Die Feste gehören zu unserem Kalender, unserer Kultur. Wer nicht mehr weggehen kann, trinkt auch kein Bier mehr.“

Christian Sperber, Inhaber der Brauerei Sperber Sulzbach-Rosenberg

Christian Sperber, Inhaber der Brauerei Sperber Sulzbach-Rosenberg

Wegen Corona sind Ambergs Braukessel oft leer

Amberg

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.