08.11.2020 - 15:55 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Waldumbau mit Sorgenkindern: Staatsforsten planen für die Zukunft

Wer Wald pflanzt, muss in Jahrhunderten denken. Im Gebiet der Oberen Wagensass scheint das Projekt perfekt gelungen. Rund um den Trimm-Pfad herrscht Artenvielfalt, auch bei den Bäumen. Das war leider nicht immer so.

Wenige, hohe, ältere Bäume im lichten Verband, darunter eine üppig sprießende Verjüngung – dieses Bild prägt die Wagensass.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Er ist das beliebteste Naherholungsgebiet der Stadt, der Staatswald westlich der Stadt zwischen Zubringer und Kempfenhof. Große Holzerntemaßnahmen hinterlassen alle acht bis zehn Jahre hier ihre Spuren. Und trotzdem (oder gerade deswegen) herrscht hier eine teils unglaubliche Vielfalt. Forstbetriebsleiter Philipp Bahnmüller vom Staatsforstbetrieb Schnaittenbach beschäftigt sich sehr viel mit dem Aufbau des Zukunftswaldes und erklärt uns bei einem Rundgang die Strategien und Ziele.

Grundlage des Planes sei das sogenannte Vier-Baum-Konzept der Bayerischen Staatsforsten: Es fußt auf Fichte, Buche, Weißtanne, Douglasie, Lärche und Eiche, je nach Standort. Fällt eine Baumart aus, kann die andere noch überleben. "Wir wissen ja nicht, was kommt!", meint der Experte. Deswegen sei es besser, breit aufgestellt zu sein.

Das alles heißt nichts anderes als "weg von Reinbeständen, hin zum artenreichen Mischwald aus vielen Baumarten". 24 000 Hektar betreuen die Staatsforsten Schnaittenbach, 1600 davon rund um Sulzbach-Rosenberg.

1000 Festmeter sind raus

Zur Zeit werden Tannen gepflanzt, aber auch die Douglasie soll für mehr Mischung sorgen. Die Fichte werde immer in der Mischung enthalten sein, aber eben nicht mehr dominierend, meint der Förster.

Wie steht es mit Trockenschäden und Käferbefall im heimischen Staatswald? Auf rund 1000 Festmeter beziffert Bahnmüller die Holzmenge, die heuer im Revier Sulzbach diesen beiden Gefahren zum Opfer fiel. "Bei den Buchen merkt man das, wenn die Krone sich zusammenzieht, immer kleiner wird im Durchmesser". Bei Fichten könne man oft nicht so genau sagen, was ursächlich war, Trockenheit oder Käfer. Diese Bäume müssten jedenfalls zügig raus aus dem Wald, um weiteres Ausbreiten zu verhindern. Die Förster suchen regelmäßig ganze Bezirke ab nach verräterischen Spuren der Borkenkäfer.

Der Aufbau des Waldes dient vielerlei Zielen: der Bekämpfung des Klimawandels, zahlreichen ökologischen Aspekten, aber auch der Nachfrage nach Nutzholz und dem Bau von Holzhäusern, ohne Bäume importieren zu müssen.

Dazu gehört auch die richtige Gestaltung. In der Wagensass hat sich nach den jüngsten Auslichtungen vor allem durch Sturmschäden zunächst eine parkartige Struktur eingestellt, die aber zunehmend von Jungbäumen besiedelt wird: Tannen, Buchen, Eichen streben empor, denn jetzt kommt Licht endlich auch auf den Waldboden. Die Förster achten darauf, dass in regelmäßigen Abständen von acht bis zwölf Metern Zukunftsbäume frei stehen, sogenannten Z-Bäume, je nach Baumart rund 80 bis 120 pro Hektar. Die werden gezielt gefördert, sollen sich so gut entwickeln und in vielen Jahrzehnten geerntet werden, alles andere darunter und darum bleibt mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Sehr wichtig seien auch die Biotop-Bäume, bis zu zehn pro Hektar, die vielen Arten dienten, vornehmlich Spechten und deren Nachfolgern in den Höhlen. Auch Totholz kommt hier viel Bedeutung zu. "Wenn ein Specht mal eine Höhle in einen Zukunftsbaum meißelt, dann wird dieser eben zum Biotopbaum umgewidmet", meint Bahnmüller.

Diese Tannen hat es kalt erwischt: Eine einzige Frostnacht im Mai an den „Eisheiligen“ sorgte dafür, dass die neuen Spitzen abfroren. Nächstes Frühjahr wird es hoffentlich wieder besser.

Sorge um Ulme und Esche

Ihn plagen aber auch Sorgen um bestimmte Bäume: Ulmen etwa entwickeln sich nicht mehr zu prächtigen Bäumen, sondern kümmern nach Befall durch den Ulmensplintkäfer, der einen tödlichen Pilz einschleppt in den Baum. Auch das massive Eschentriebsterben wird durch einen Pilz verursacht. Deswegen werden unter anderem auch an einigen Orten zum Beispiel massiv Eichen gesät als Gegenpol.

"Es kann sein, dass wir in den kommenden Jahren voll erwischt werden von Trockenheit, Käfer oder Krankheiten", schätzt Philipp Bahnmüller. Deswegen sei der konkrete Waldumbau auch so enorm wichtig.

In der Wagensaß ist er gut gelungen und breitet sich von hier hoffentlich noch weiter aus. Dann sind die Holzernte im Wirtschaftswald und die Biotop-Vielfalt kein Widerspruch mehr.

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Info:

Walderlebnis Wagensass

Das 500 Hektar große Waldgebiet hat bereits seit dem 14. Jahrhundert immer einen eigenen Förster. Das unterstreicht die Wichtigkeit der Holznutzung bis in die heutige Zeit. In dem stark frequentierten Naherholungsgebiet gibt einen Trimm-Dich-Pfad, einen Kinderspielplatz, einen Radweg und seit 2008 den Walderlebnispfad. Spuren der „Goldenen Straße“, seit dem 13. Jahrhundert wichtiger Handelsweg zwischen Nürnberg und Prag, sind mancherorts noch zu erkennen. Im früheren monotonen Fichten-Kiefer-Nadelwald wachsen heute Buche, Eiche, Ahorn, Esche, Ulme, Vogelbeere, Robinie, Weide und Birke unter alten Kiefern und Fichten in einem artenreichen Mischwald. Viele teils seltene Säugetier-, Vogel- und Amphibienarten haben sich dort wieder angesiedelt, ebenso eine Vielfalt von Insekten.

Totholz ist ein wichtiger Faktor im Wald: In der Wagensass bleiben alte Stämme oft stehen.
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