01.08.2021 - 08:07 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Stopp! Polizei! Stehen bleiben!" Die Polizeiausbildung als Knochenjob mit Spaßfaktor

Maschinenpistole und Gesetzestext, Hindernisparcours und Verkehrskontrolle: Der Beruf als Polizist ist hart, aber enorm abwechslungsreich. Trotz Corona arbeiten in Sulzbach-Rosenberg 129 junge Frauen und Männer an ihrem großen Berufstraum.

Übung macht den Meister: Diese Verkehrskontrolle ist eskaliert, doch die Polizeischüler haben die Angreiferin unter dem strengen Blick der Ausbilder mit geübten Griffen zu Boden gebracht. Die restlichen Polizeianwärter im Hintergrund schauen aufmerksam zu.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der Streifenwagen fährt hinter einem schwarzen BMW und stoppt ihn mit Blaulicht und Haltesignalen. Zwei Beamte steigen aus, wollen die Fahrerin kontrollieren. Doch die junge Frau reagiert unerwartet aggressiv, verlässt ihr Auto, läuft auf die Polizisten zu und zückt dabei ein Messer. Die Ordnungshüter reagieren sofort, warnen die Angreiferin mit Schreien, ziehen ihre Dienstwaffen. Dann kommt Pfefferspray zum Einsatz – die Frau wird mit geübten Griffen zu Boden gebracht und gefesselt. Gefahr gebannt. Keine Verletzten.

"Gut gemacht", sagt Polizeihauptmeister Michael Sobieraj, und hat doch sofort einige Tipps, wie es noch besser hätte laufen können. Rund 25 Polizeimeisteranwärter, kaum älter als 20 Jahre, stehen im Halbkreis um ihn herum und hören aufmerksam zu, wie der Ausbilder die Übungsleistung ihrer Mitschüler bewertet. Die geschilderte Szene erinnert mit ihren Action-Elementen an "Alarm für Cobra-11". Sie war aber nicht echt, sondern spielte sich auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei in Sulzbach-Rosenberg ab. Am größten Polizeistandort Bayerns ist sie Teil der Praxisausbildung junger Polizeimeisteranwärter.

Der Weg zum Polizeimeister ist hart - das gehört zur Ausbildung

Keine Polizeigewalt wie in den USA

Sobierajs Kollege Thomas Dürr erklärt, worum es geht: "Wir nennen das einsatzbezogene polizeiliche Selbstverteidigung und Eigensicherung." Die Schüler bekämen vermittelt, wie sie in Ausnahmefällen reagieren sollen, um sich und andere zu schützen – zum Beispiel, wenn eine Verkehrskontrolle eskaliert. "Es ist wichtig, dass die Polizei nach bayernweit einheitlichen Standards handelt. Sonst würde in München eine Kontrolle anders ablaufen als in Sulzbach, das darf nicht sein."

Der erfahrene Polizeihauptmeister betont, dass die Polizei immer mit den "mildesten Mitteln" arbeitet. Waffeneinsatz sei ultima ratio. "Wenn jemand aufgebracht ist, können wir nicht gleich zuschlagen. Wir kommunizieren immer mit einem Störer, sagen ihm, was wir tun, was als nächstes passiert." So werde verhindert, dass es zu Fällen von Polizeigewalt wie in den USA komme, wo der Schwarze George Floyd am Boden liegend von einem Polizisten mit dem Knie auf dem Hals erstickte. Die richtigen Verhaltensmuster müssten den Schülern aber erst in jahrelanger Ausbildung beigebracht werden. Genauso wie Konfliktbewältigung oder interkulturelle Kompetenzen, der Umgang mit Dienstwaffen- und -fahrzeugen, und, selbstverständlich, Wissen im Straf-, Verkehrs-, Polizei- oder Beamtenrecht.

Um hinter die Kulissen der Polizeiausbildung zu blicken, hat Oberpfalz-Medien die VII. Bereitschaftspolizeiabteilung in Sulzbach-Rosenberg besucht und 129 Schüler des 72. Ausbildungsseminars einen Ausbildungstag lang begleitet.

Fahrtraining im Homeoffice?

Das 72. Seminar wurde im März 2020 aufgestellt, berichtet Josef Fleischmann, der als Erster Polizeihauptkommissar das Seminar leitet. Die Männer und Frauen kommen aus ganz Bayern, um hier ihre Ausbildung zum Polizisten zu durchlaufen. Doch vier Wochen später schlug die Corona-Pandemie voll zu. "Es ist ein reiner Corona-Jahrgang. Erst sei Mitte Juni haben wir wieder uneingeschränkt Präsenzunterricht", sagt Fleischmann wehmütig. In der langen Zwischenzeit seien die Anwärter Zuhause gewesen, lernten im Homeoffice. Das mag ja bei Rechtsunterricht möglich sein. Aber Schießausbildung, Fahrtraining, Sport und Selbstverteidigung per Videokonferenz? Sind das überhaupt richtige Polizisten? "Ich fühle mich nicht schlechter ausgebildet als andere, wir haben keinen Nachteil, das haben uns auch die Ausbilder bestätigt", sagt Lea Otte, die als 20-Jährige zum Ausbildungsseminar gehört. "Wir haben Blockunterricht gemacht, halbe Klassenstärken, zum Selbstverteidigungstraining sind die Schüler reingekommen", ergänzt stellvertretender Seminarleiter Martin Spieß. "Andere Ausbildungsinhalte sind aufgeschoben worden, die holen wir jetzt nach."

Und doch habe gerade das Zwischenmenschliche gelitten, bedauert Ausbildungschef Fleischmann. "Normalerweise bleiben die Schüler von Montag bis Freitag am Standort. Sie dürfen zwar nach Feierabend heim, aber viele bleiben hier." In Zwei-Bett-Zimmern gibt es für jeden Anwärter Unterkünfte, dazu eine Kantine, ein Hallenbad, Sportgeräte und Fitnessräume am gut ausgestatteten Polizeigelände. Klar, dass dieses Angebot viele nutzen oder sich abends zusammensetzen, um gemeinsam zu lernen. Nur lernen? Wer die langen Gänge im Wohntrakt mit Gemeinschaftsduschen und -toiletten entlang läuft, bekommt zwangsläufig ein Schullandheim-Gefühl. Bei dieser Frage schmunzelt Fleischmann. "Wir stellen keine Engel ein. Das sind alles junge Menschen. Klar wollen die auch mal feiern und Gemeinschaft haben." Doch der Erste Polizeihauptkommissar stellt auch klar: "Dienstbeginn ist am Morgen um 7 Uhr, da muss jeder fit sein – und selbstverständlich null Promille haben."

Training mit der Maschinenpistole

Dass das wichtig ist, zeigt sich in der sogenannten Raumschießanlage im Kellertrakt. Dort leitet Polizeihauptmeister Christian Sträußl die Schießausbildung für die Schüler – volle Konzentration ist unablässig. "Wir haben hier zwei 25-Meter-Schießbahnen und ein Schießkino, da ist auch Laserschießen möglich", erklärt er. Mit Ohrenschützern wird hier auf Scheiben mit scharfer Munition gezielt. Zum Einsatz kommt die Heckler&Koch SFP, eine 9-Millimeter-Pistole, sowie die Maschinenpistole MP-5, ebenfalls von Heckler&Koch. Beides sind Standardwaffen der Polizei. Die Pistole tragen Streifenpolizisten am Gürtel, die MP führt jede Streife im Fahrzeug mit. "Mit beiden Waffen müssen die Kollegen in Einsatzszenarien sicher umgehen können. Während der Ausbildung hat jeder Anwärter eine Leistungsabnahme zu bestehen."

Die Maschinenpistole wirkt militärisch, ist eine solch massive Waffe wirklich nötig? Ja, sagt Sträußl. Auf große Entfernungen könne mit der MP treffsicherer geschossen werden. "Sie wird eingesetzt, um zum Beispiel eine entlaufene und aggressive Kuh oder verletzte Wildtiere zu erschießen." Oder, wenn Beamte in lebensbedrohliche Lagen kämen, und "die Bewaffnung ebenbürtig sein muss", wie bei Banküberfällen oder terroristischen Anschlägen.

"Stopp! Polizei! Stehenbleiben!"

Viele Anwärter kämen hier zum ersten Mal in Kontakt mit einer echten Schusswaffe. Die Schüler sind sich der Ernsthaftigkeit des Trainings bewusst. Es wird klar, dass der Job als Polizist auch gefährliche Seiten haben kann. So sagt David Müller, der mit 19 Jahren mitten in der Ausbildung steckt: "Für mich war es der erste Kontakt mit einer Waffe. Aber das Schießen macht mir auch Spaß." Auch über den Fall, dass er wirklich einmal in die Situation kommen könnte, auf einen Menschen schießen zu müssen, hat sich der Anwärter aus Lauf an der Pegnitz bereits Gedanken gemacht. "Wenn es dazu kommt, dass beispielsweise einer mit dem Messer auf mich zuläuft, dann heißt es: Er oder ich. Aber natürlich kostet das Überwindung und ich hoffe, dass es nie dazu kommt."

Dass die Arbeit als Polizist alles andere als ein gewöhnlicher Büro-Job ist, zeigt sich auch in der Sporthalle der Bereitschaftspolizei. In der Ausbildung werden die Schüler hart rangenommen. Unter der strengen Aufsicht von Thomas Bohun, dem Sportausbilder des 72. Seminars, müssen Männer wie Frauen einen sogenannten Einsatzparcours absolvieren. "Es ist schon knackig. Wir müssen den Hindernisparcours im kompletten Einsatzanzug und mit Waffe durchlaufen", berichtet Paul Hölzgen, 20, kurz nach dem Lauf außer Atem. "Von der körperlichen Belastung her ist es vergleichbar mit einem 400-Meter-Sprint", sagt Ausbilder Bohun. In voller Einsatzkleidung – der Polizeiuniform mit Gürtel, Handschellen, Dienstwaffe – laufen sie vier Runden durch Pylonen, über Hinderniswände und Bänke, machen Liegestütz und müssen am Ende noch ruhig mit der Waffe zielen: "Stopp! Polizei! Stehenbleiben!", brüllen die Anwärter mit der Waffe im Anschlag am Ende des Parcours und sichtlich außer Atem. "Auch nach großer Belastung muss ein Polizist noch ruhig zielen können", erklärt Bohun.

Lea Otte über Schusswaffen, Konflikte mit Kollegen und die Polizeiausbildung während Corona

Fitness rückläufig

Neben dem Einsatzparcours werden die Anwärter auch in anderen Disziplinen fit gehalten: "Es müssen mehrere Sportleistungen erbracht werden: Schwimmen, Pendellauf, Springen, 30-Minuten-Lauf, Krafttraining mit Bankdrücken und -ziehen." Dabei zeige sich laut Polizeihauptmeister Bohun ein Trend bei den Bewerbern. "Wir haben noch immer Top-Leute, aber früher waren die jungen Leute grundsätzlich etwas fitter." Das liege auch an den privaten Interessen junger Menschen. Seien früher Ballsportarten beliebt gewesen, würden heute viele lieber ins Fitnessstudio gehen und auf Muskeltraining Wert legen – das mache sich dann bei rückläufiger Ausdauer bemerkbar. "Wie sehr das Sportprogramm der Polizei für die Anwärter eine Herausforderung ist, hängt ganz von der persönlichen Fitness ab", sagt Seminarleiter Fleischmann. Manche seien privat Boxer, "der ist bei der Selbstverteidigung besser als wir".

Beim Besuch in der Polizeikaserne wird eines schnell klar: Die Ausbildung ist fordern, aber auch prägend. Wer das Programm gemeinsam durchläuft, wächst zu einer Gemeinschaft zusammen. Ohne Teamwork geht nichts, bestätigen die Schüler. Alle arbeiten auf ein großes Ziel hin: Nach zweieinhalb Jahren Ausbildung und nach bestandener Abschlussprüfung lockt die Beförderung zum Polizeimeister. "Das Tragen der Uniform, es macht was mit einem. Und klar sind wir stolz darauf, wenn wir es geschafft haben", sagt Lea Otte. Im Juli 2022 wird es soweit sein. Mit zwei blauen Sternen auf den Schulterklappen geht es für die 129 frisch gebackenen Polizisten dann in den Streifendienst in Bayern – zur Sicherheit aller.

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Hintergrund:

Polizeiausbildung: Der lange Weg zum Polizeimeister

  • Voraussetzung für den Einstieg in den mittleren Polizeivollzugsdienst (2. Qualifikationsebene): Deutscher Staatsbürger, mindestens 165 cm groß, zwischen 17 und 30 Jahren und ohne Vorstrafen, mittlerer Bildungsabschluss oder höher, Bestehen des polizeilichen Einstellungstests
  • Fünf Ausbildungsabschnitte, aufgeteilt auf insgesamt 5000 Unterrichtseinheiten in zweieinhalb Jahren
  • Ausbildungsinhalte zur Hälfte praktisch und theoretisch, darunter Fahr-, Waffen- und Schießausbildung sowie Rechtsunterricht und soziale Kompetenzen im Interkulturellen Bereich, Konfliktdeeskalation, Kommunikation und Berufsethik
  • Nach einem Jahr Ausbildung (2. Abschnitt) Beförderung zum Polizeioberwachtmeister (ein blauer Stern) und damit Erreichen des Status eines Polizeivollzugsbeamten, am Ende der Ausbildung nach zweieinhalb Jahren (5. Abschnitt) Beförderung zum Polizeimeister (zwei blaue Sterne)
  • Die VII. Bereitschaftspolizeiabteilung in Sulzbach-Rosenberg mit einer Außenstelle in Nabburg ist die größte Polizeidienststelle Bayerns. Über 1500 Beschäftigte arbeiten hier, davon sind 1100 Beamte in Ausbildung. Insgesamt sind hier ein Fünftel der gesamten bayerischen Bereitschaftspolizei stationiert.

"Ich fühle mich nicht schlechter ausgebildet als andere, wir haben keinen Nachteil."

Polizeioberwachtmeisterin Lea Otte über die Qualität der Ausbildung in Corona-Zeiten

Polizeioberwachtmeisterin Lea Otte über die Qualität der Ausbildung in Corona-Zeiten

"Es ist schon knackig. Wir müssen den Hindernisparcours im kompletten Einsatzanzug und mit Waffe durchlaufen."

Paul Hölzgen, Schüler und Polizeioberwachtmeister, über das Training im Einsatz-Parcours

Paul Hölzgen, Schüler und Polizeioberwachtmeister, über das Training im Einsatz-Parcours

"Wir stellen keine Engel ein. Das sind junge Menschen, die wollen auch mal feiern. Aber zum Dienstbeginn um 7 Uhr muss jeder nüchtern und fit sein."

Josef Fleischmann, Erster Polizeihauptkommissar, Leiter Ausbildungsseminar

Josef Fleischmann, Erster Polizeihauptkommissar, Leiter Ausbildungsseminar

 

 

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