07.08.2020 - 16:05 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Shelter Now: Unvorstellbares Leid in Afghanistan lindern

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Jetzt hat auch noch die Corona-Pandemie das blutende Land Afghanistan am Hindukusch im Würgegriff: Georg Taubmann von Shelter Now hilft von Sulzbach-Rosenberg aus.

Neben Hygiene-Sets zum Schutz vor Corona verteilen Shelter Now-Helfer Lebensmittelpakete in den Flüchtlingslagern in Kurdistan.
von Autor RLÖProfil

Erfüllt von banger Sorge um seine Mitarbeiter und deren Schützlinge in Afghanistan hört Georg Taubmann in seinem Büro in Sulzbach-Rosenberg jeden Montag via Skype oder Zoom die aktuellen Lageberichte aus Kabul und den Provinzen. Der Leiter des christlichen Hilfswerks Shelter Now International sitzt seit April in Deutschland fest. Afghanistan hat seine Grenzen wegen des Virus dichtgemacht.

"Covid 19 hat unsere Arbeit massiv eingeschränkt", berichtet Taubmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Aber trotz der widrigen Umstände und des stark zunehmenden Machtanspruchs der radikalislamischen Taliban reißt der Hilfsstrom für die Ärmsten der Armen am Hindukusch nicht ab.

Unkontrolliert zurück

Schätzungsweise 200 000 Afghanen, die im Iran lebten, sind nach Ausbruch der Corona-Epidemie aus dem Nachbarland unkontrolliert und ohne jegliche Gesundheits-checks über die Grenze zurück geflutet in ihre Heimat. So entwickelte sich binnen Tagen die Region Herat, in der die bayerischen Agraringenieure Gudrun und Ewald Göttler für Shelter Now landwirtschaftliche Hilfsprojekte betreiben, zum ersten Epizentrum der Seuche in Afghanistan. Inzwischen findet das Virus seine Opfer überall im Land.

Neben der Bekämpfung des Hungers ist momentan Hygiene das Gebot der Stunde für das Shelter-Team. "Unser Ziel ist es, an 8000 Familien Hygiene-Sets (Desinfektionsmittel, Seifen, Shampoo, Mundschutz usw.) zu verteilen", so Georg Taubmann. "3500 Familien sind bereits versorgt. Parallel sind wir dabei, über 1800 Familien in einem Hygienetraining darin zu schulen, wie sie sich und andere am besten vor Ansteckung schützen können."

Ohne Wasser und Essen

Es fehlt aber nach wie vor auch an Essen und Trinkwasser für Abertausende von Menschen, und das nicht nur in den Flüchtlingslagern, sondern auch in den großen Städten wie Kabul. Corona hat viele Familienväter arbeitslos gemacht, jetzt fehlt das Geld, um wenigstens das Allernötigste zum Überleben einkaufen zu können.

Die Lebensmittelhilfe von Shelter Now kommt in diesen Tagen und Wochen beispielsweise rund 3400 Familien im Raum Kandahar zugute. Die dort in großen Lagern lebenden Binnenflüchtlinge, die der Krieg aus ihren Heimatregionen vertrieben hat, erhalten als Ersthilfe je Familie 50 Kilo Mehl, dazu Speiseöl, Bohnen, Reis und andere Grundnahrungsmittel. Die gleichen Hilfspakete werden derzeit auch an die verarmten Kuchi-Nomaden verteilt, deren Lebensgrundlage, die Viehwirtschaft, der Krieg zerstört hat. "Insgesamt sollen 7000 Familien diese Lebensmittel-Hilfe erhalten", bilanziert der Shelter-Leiter.

Die Pandemie hat auch die Lage der Jesiden in den Flüchtlingslagern in Kurdistan rund um Erbil und an der Grenze zur Türkei drastisch verschlimmert. "Jetzt, am 3. August, jährt es sich zum sechsten Mal, dass die Jesiden den 76. Genozid (Völkermord) an ihrem Volk erleiden mussten."

Schreckliche Szenen

"Als vor sechs Jahren der IS ihre Dörfer überfiel, flohen Überlebende in die nahen Sindschar-Berge und mussten dort ums Überleben kämpfen. Sie waren zehn Tage lang ohne Trinkwasser mörderischen Temperaturen von rund 50 Grad Hitze ausgesetzt", berichtet Georg Taubmann. Und er schildert sichtlich erschüttert schreckliche Szenen. Etwa wie verzweifelte Mütter ihre kleinen Kinder über steile Felsabstürze in die Tiefe warfen, um ihnen wenigstens den qualvollen Tod durch Verdursten zu ersparen - unvorstellbares menschliches Leid. Erlösung kam erst, als US-Helikopter Wasser und Lebensmittel ins Sindschar-Gebirge brachten.

Keine Rückkehr möglich

Die Jesiden haben nun zu Tausenden in den Lagern bei Erbil Zuflucht gefunden, können aber in ihre Dörfer im Sindschar nicht zurückkehren, denn sie wären dort nach wie vor Angriffen schiitischer Milizen oder dem Bombenterror der türkischen Luftwaffe, also eines Mitglieds der Nato, ausgesetzt.

Da klingt es beinahe wie ein Wunder, wenn Georg Taubmann von neuen Fortschritten und Lichtblicken für die Afghanen berichten kann: So hat Shelter Now International in der Stadt Badr nahe Erbil ein Frauenzentrum für schwer traumatisierte Frauen errichtet, Frauen, die als Sex-Sklavinnen der IS-Terroristen Schreckliches erlitten hatten. "Auch in diesem Zentrum haben wir inzwischen an 920 Familien Hygiene-Artikel verteilt", erzählt Taubmann und erwähnt mit großer Dankbarkeit, dass zu diesem Frauen-Hilfsprojekt Spenden der Conrad-Stiftung aus Hirschau entscheidend beigetragen haben. Ebenso übrigens auch beim Aufbau einer zweiten Zahn-Klinik in Herat, erst vor drei Wochen eingeweiht.

Vorbildlicher Stab

Neben Spenden aus aller Welt (Spendenkonto: Shelter Now BIC: NOLADE2H, IBAN: DE65 2505 0000 0002 5230 58) ist Georg Taubmann überwältigt, dass sein internationaler Mitarbeiter-Stab trotz Gefahr, schlimmstenfalls an Corona zu sterben, an der Seite der Menschen in Afghanistan geblieben ist: Lichtzeichen der Hoffnung für ein Land, das in Finsternis zu versinken droht.

Sulzbach-Rosenberg
Shelter Now-Leiter Georg Taubmann sitzt seit April in Deutschland fest: Afghanistan hat wegen der Corona-Pandemie seine Grenzen hermetisch abgeriegelt. Jeden Montag ruft er via Skype oder Zoom in seinem Rosenberger Büro von den Mitarbeitern in Tadschikistan, Herat, Feisabad, Kabul, Erbil usw. die aktuellen Lageberichte ab. Sie zeichnen ein zunehmend dramatisches Bild.
Hintergrund:

Die Pandemie am Hindukusch

Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation haben sich in Afghanistan 36 764 Menschen mit dem Virus infiziert, 1288 sind daran gestorben. Die offiziellen Statistiken sind nach Angaben von Shelter-Mitarbeitern wenig aussagekräftig, da Testmöglichkeiten fehlen, so Udo Stolte von Shelter Now Deutschland in Braunschweig. Die Zahl der Infizierten könne in Wahrheit über Hunderttausend gehen. Mangelware Sauerstoff

Eklatant auch der Mangel an Sauerstoff im ganzen Land. In Kliniken in Kabul müssen sich fünf Patienten eine Sauerstoff-Flasche teilen - jeder für ein paar Minuten. Schlimmer noch, weiß Georg Taubmann: "Es gibt keine modernen Beatmungsgeräte. Wenn heute aus einer Familie ein Corona-Patient ins Krankenhaus kommt und Sauerstoff benötigt, müssen Angehörige aus eigener Tasche eine Sauerstoff-Flasche beschaffen. Aussichtslos für alle, die mittellos sind." Mitarbeiter angesteckt

Auch die Mitarbeiter von Shelter Now, die geblieben sind, verschont das Virus nicht: Das Shelter-Büro in Herat musste zwei Wochen geschlossen werden, da mehrere Mitarbeiter Symptome zeigten, gottseidank ausnahmslos mit mildem Krankheitsverlauf. Weniger Glück hatte der Ehemann der Shelter-Schulleiterin in Kabul. Er ist an der Seuche verstorben. Und ein Totengräber in Erbil berichtete Shelter-Mitarbeiter Ewald Göttler, er müsse täglich schon so viele Gräber schaufeln wie sonst in einer Woche.

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