09.07.2021 - 10:29 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Preis für Sulzbacher: Liebevolle Pflege für kranke Frau mit Multiple Sklerose

Barbara Kurz und Andreas Hager aus Sulzbach-Rosenberg sind ein Paar wie jedes andere? Nicht ganz, denn sie leidet an einer unheilbaren Krankheit, und er steht ihr unerschütterlich bei – seit Jahren. Dafür wird er nun besonders geehrt.

Trotz Krankheit und Sorgen den Humor nicht verlieren, das ist wichtig für Barbara Kurz und Andreas Hager.
von Helga KammProfil

„Mein wichtigstes Hilfsmittel ist der Strohhalm“, sagt Barbara Kurz und muss selber lachen. „Weil meine Hände zittern, würde ich mich beim Trinken aus einem Glas ständig bekleckern.“ Den Humor nicht verlieren, das ist für die 40-Jährige und ihren Partner Andreas Hager aus Sulzbach-Rosenberg ganz wichtig, denn Barbaras Krankheit, die Multiple Sklerose (MS), stellt beide vor enorme Herausforderungen. Als die zwei sich 2006 kennenlernten, war die neurologische Autoimmunerkrankung schon ausgebrochen. Trotzdem war Andreas bereit, mit ihr „durch dick und dünn“ zu gehen. Das tut der 42-Jährige voller Liebe bis heute – und dafür wird er nun mit dem Pflegepreis der Bayerischen MS-Stiftung ausgezeichnet.

Das Haus am Schwemmerberg, das die beiden gebürtigen Sulzbach-Rosenberger bewohnen, ist vollständig auf die Bedürfnisse Barbaras ausgerichtet. Es gibt einen Außenlift, einen weiteren innen im Haus vom Keller bis zum Dachgeschoß. Es wurden Haltestangen angebracht, das Bad behindertengerecht umgerüstet und es gibt viel Technik und vor allem viel Platz. Auch das passende Auto schafften sich beide an, um Barbaras Rollstuhl unterzubringen. Und Andreas Hager, ein selbständiger Betriebsinformatiker, arbeitet im Home-Office, um immer zur Stelle sein zu können, wenn Barbara ihn braucht.

Beim Kaffee verliebt

Angefangen hat alles wie bei vielen anderen Paaren. „Kennengelernt, Kaffee getrunken, gesehen, das es passt“, so nüchtern schildert Andreas ihre erste Begegnung vor 15 Jahren in einem Fitness-Studio. „Ich habe mit offenen Karten gespielt, nicht verschwiegen, dass ich MS habe“, erzählt Barbara. Sie kämpfte damals schon gegen Empfindungsstörungen und Entzündungen, konnte aber noch laufen. Andreas wusste anfangs nicht viel über MS, entschied sich aber, bei Barbara zu bleiben, auch nachdem ihm klar war, dass es kein einfacher Weg werden würde. „Das hätte nicht jeder Mann getan“, sagt Barbara, glücklich und dankbar, „er hat mir so vieles leichter gemacht“.

Multiple Sklerose ist bei Barbara Kurz 1999 ausgebrochen, da war sie erst 22 Jahre alt. Nach dem Abitur und einem Studium der Pädagogik und Psychologie in Erlangen musste sie erkennen, dass die Krankheit, an der schon ihr Vater litt und schließlich daran gestorben war, auch sie erwischt hatte. MS, das weiß sie, ist nicht vererbbar – allerdings die Veranlagung dazu. Und: Von dieser chronisch-entzündlichen Erkrankung des Zentralnervensystems sind Frauen ungefähr doppelt so häufig betroffen wie Männer. Typischerweise tritt sie in der Kindheit, bei Heranwachsenden oder bei jungen Erwachsenen auf.

Vom Rollator zum Rollstuhl

Eine Zeitlang arbeitete Barbara Kurz als Heilpraktikerin, musste aber aufgeben, als es zu stressig wurde. „MS ist tagesabhängig“, weiß sie längst. „Es gibt gute und schlechte Tage." Vor fünf Jahren dann, nach einem notwendigen Medikamentenwechsel, verschlechterte sich ihr Zustand rapide: „Erst kam der Rollator, nach einem Dreivierteljahr schon der Rollstuhl“, erinnert sie sich. Nicht umsonst wird MS als „Krankheit mit tausend Gesichtern“ bezeichnet. Sehstörungen, Zittern der Hände, Unverträglichkeit vieler Speisen, schwindende Kraft in den Beinen, all das kennt Barbara, die trotzdem nicht die Zuversicht verliert. „Mir ging es schon mal schlechter“, sagt sie, und Andreas ergänzt: „Wir versuchen, immer das Positive zu sehen, auch wenn es manchmal schon sehr anstrengend ist.“

Es stehen ehrenamtliche Helferinnen des Vereins zur Förderung der seelischen Gesundheit im Alter (SEGA) und auch der Sozialstation bereit, wenn Hilfe benötigt wird. In der Regel aber ist es Andreas, der seiner Barbara aus dem Bett hilft, sie duscht und anzieht, der Frühstück macht und Mittagessen, der mit ihr auch einmal ein paar Tage zu einem Demeter-Bauernhof in den Bayerwald fährt, der sie ins Restaurant zum Essen einlädt – „etwa zu einem Burger, aber ohne Semmel“ – und vor allem: ihr hilft, bei allen Einschränkungen selbst aktiv zu bleiben. "Andy behandelt mich nicht wie einen behinderten Menschen und lässt mich erst mal probieren", erzählt Barbara. Hörbücher über naturwissenschaftliche und medizinische Themen sind ihr wichtig, ebenso der PC mit größerer Schrift und einfacherer Tastatur, ihr „Ohr zur Welt“, wie Andreas sagt. Hausarzt und Physiotherapeut kommen ins Haus, es wird alles getan, um den Jetzt-Zustand bei Barbaras Krankheit zu erhalten.

Geduld, Verständnis und Liebe

Was Barbara Kurz sehr am Herzen liegt ist ihre MS-Selbsthilfegruppe, die sie 2001 gegründet hat. Sie ist Leiterin dieser Weidener Gruppe von zwölf bis fünfzehn Betroffenen, vor allem jungen Leuten. Sie wurde 2001 sogar ausgezeichnet als Vorbild für andere MS-Kranke, weil sie, geschult in ehrenamtlichen Fragen, Betroffenen helfen und beistehen kann. Auch hierbei ist Andreas an ihrer Seite, worauf auch die Bayerischen Multiple-Sklerose-Stiftung aufmerksam geworden ist. Aber nicht nur darauf, sondern besonders auf die Art und Weise, wie er seine Lebensgefährtin unterstützt, mit Geduld, Verständnis und viel Liebe.

Pflegepreis als Anerkennung

Logische Konsequenz ist die Auszeichnung mit dem Pflegepreis der Bayerischen MS-Stiftung, der ihm am 13. Juli im Haus am Schwemmerberg übergeben wird. Den Preis hat Mandred Hager niemals erwartet, doch freuen wird er sich über ihn trotzdem.

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Andreas steht Barbara zur Seite, wann immer sie seine Hilfe braucht. Oft ist das auch körperlich anstrengend - wie hier beim Umstieg vom Treppenlift in den Rollstuhl.
Gerade wegen Rollstuhl und Krankheit: Ein fast normales Leben ab und zu muss sein, dazu gehört auch ein Café-Besuch.
Hintergrund:

Multiple Sklerose

  • ist eine neurologische Autoimmunstörung mit einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des Zentralnervensystems
  • tritt meist früh im Leben auf, bei Kindern, Heranwachsenden oder im jungen Erwachsenenalter
  • betrifft Frauen circa doppelt so oft wie Männer
  • ist nicht heilbar, kann jedoch im Verlauf günstig beeinflusst werden.

„Das hätte nicht jeder Mann getan. Er hat mir so vieles leichter gemacht.“

Barbara Kurz

Barbara Kurz

 

 

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