03.12.2021 - 13:33 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Oberpfälzer Weihnachtstradition: Springerle

50 Cent war der Kaufpreis. Damit hat Kristina Sandig einst einen echten Schatz ergattert – ein historisches Holzmodel für Springerle. Dieses Bildgebäck ist in Sulzbach-Rosenberg (Landkreis Amberg-Sulzbach) eine Tradition zu Weihnachten.

Damit hat alles angefangen: Kristina Sandig zeigt das große 16-Feld-Model, das sie 2008 in Amberg auf einem Flohmarkt gekauft hat.
von Heike Unger Kontakt Profil

Als Kristina Sandig, Redakteurin bei Oberpfalz-Medien, 2008 ihr erstes Holzmodel auf einem Flohmarkt in Amberg kaufte, ahnte sie noch nicht, dass das der Beginn einer Leidenschaft und einer inzwischen umfangreichen Sammlung werden sollte. Inzwischen weiß sie: Das große 16-Feld-Model ist etwas ganz Besonderes. Ein Fachmann, der es geschätzt hat, vermutet, dass es aus einer Schlossküche aus Württemberg stammt und wundert sich, wie es wohl in die Oberpfalz gekommen sei. Kristina Sandig gefiel damals einfach das große Holzstück mit den vielen kunstvollen Motiven.

Dass man mit solchen handgearbeiteten Abdruck-Formen Springerle – kunstvolle, essbare Backwerke – herstellt, wusste sie damals aber schon. "Meine Oma, Jahrgang 1921, hat mir immer von den Springerle erzählt, die ihre Patin am Weihnachtsbaum hatte." Im Raum Sulzbach-Rosenberg haben die Springerle Tradition, eine Besonderheit im Landkreis Amberg-Sulzbach. Auch wenn viele die Springerle mit Weihnachten in Verbindung bringen: Von ihrem Ursprung her sind sie nicht an dieses Fest oder eine andere, bestimmte Zeit im Jahr gebunden, sagt Sandig.

Ursprung im Mittelalter

Ihren Ursprung haben die Springerle im Mittelalter, wie die Sulzbach-Rosenbergerin erzählt. Der Hintergrund sei ähnlich wie der der historischen Kirchenfenster mit ihren farbenprächtigen Darstellungen: "Die Menschen konnten damals nicht lesen und schreiben, also hat man ihnen mit den Bildern die Bibelgeschichten erzählt." Auch die Springerle waren ursprünglich vor allem durch christliche Motive geprägt und zeigten Szenen wie die Geburt Jesu, die Flucht aus Ägypten oder die Kreuzigung. Später wurde die Motivvielfalt groß. So findet man alle denkbaren Darstellungen auf alten Modeln, angefangen von Kinder-Bildern über Darstellungen von Personen ihrer Zeit über besondere Gebäude bis hin zu jahreszeitlichen oder symbolhaften Motiven. Glück und Fruchtbarkeit werden besonders häufig dargestellt.

Die Motive werden nicht geschnitzt, Modeln werden "gestochen", wie Kristina Sandig erläutert. Holz ist das klassische Material, zuvor gab es aber auch schon Modeln aus Stein oder Ton. Heutzutage werden sie auch aus Kunstharz gefertigt: Dieses Material sieht Holz täuschend ähnlich, lässt sich aber leichter reinigen. Allerdings fehlt ihm der Charme der echten, alten Holzmodeln, bei denen Risse, Abnutzungen der Motive oder auch die Löcher des Holzwurms zeigen, dass man hier ein Stück Vergangenheit in den Händen hält.

"Ein Spiegel der Zeit"

Letzteres macht auch für Kristina Sandig den Reiz aus: "Mich fasziniert, dass man mit den Modeln Einblicke in die Welt und die Gedanken der Menschen von damals bekommt." Die Motive zeigten, "wie die Menschen ihre Welt gesehen haben". Auch wenn es zuweilen nicht leicht sei, das Alter eines Models zu bestimmen, gäben die Darstellungen selbst, beispielsweise die Uniform eines Reiters oder Robe und Frisur einer Edeldame, sehr gute Hinweise auf die Epoche, aus der sie stammen. "Die Modeln waren auch immer ein Spiegel ihrer Zeit", sagt Sandig.

Die klassischen Exemplare sind aus Holz, meist von Obstbäumen – Apfel, Birne, Nussbaum, seltener auch Pflaume. Dieses Holz ist kurzfaserig und lässt sich deshalb besonders gut stechen. Dabei muss der Künstler auf mehreren Ebenen und spiegelverkehrt arbeiten, damit es später einen perfekten Abdruck im Teig gibt. "Das ist wirklich eine Kunst." Dass viele Model beidseitig gestochen sind, erklärt Sandig so: "Holz war kostbar", deshalb wurde der Werkstoff möglichst gut genutzt.

Immer mit Aha-Effekt

Für die Springerle wird ein Teig verwendet, der dem von Anisplätzchen ähnelt. Dieser wird in die Vertiefungen der Modeln gedrückt, dann vorsichtig abgezogen und in Form geschnitten. Zum In-die-Form-Drücken braucht man Kraft, vor allem bei tief gestochenen Modeln. Und auch ein bisschen Übung, damit die Abbildung wirklich gelingt – und nicht etwa dem stolzen Reitersmann am Ende das Gesicht fehlt. Umso größer ist der Aha-Effekt, wenn man den Teig vorsichtig abzieht und sich ein perfektes, oft unglaublich filigranes Bild zeigt.

Danach müssen die Springerle erst einmal in Ruhe trocknen. 12 bis 24 Stunden sollten es schon sein, empfiehlt Sandig. Erst danach kommen sie in den Backofen. Das Trocknen festigt die Oberfläche, ansonsten könnte das Motiv beim Backen reißen. Gut vorgetrocknet, bleibt die Darstellung aber perfekt erhalten und nur der Boden geht ein bisschen auf – die typischen "Füßchen", eine Art kleiner Sockel unter dem eigentlichen Motiv, entstehen. Daher kommt übrigens auch der Name "Springerle", weiß Kristina Sandig – weil die kleinen Kunstwerke beim Backen "aufgehen", also "aufspringen". Und weil man in Baden-Württemberg, wo das Bildgebäck sehr stark verbreitet ist, Verkleinerungen durch die Endung "-le" ausdrückt.

Von der Christbaumkugel verdrängt

Obwohl viele Springerle zum Essen eigentlich viel zu schön sind, waren sie doch immer zum Verzehr gedacht – auch wenn sie lange als Weihnachtsschmuck am Baum dienten. Da durften die Kinder dann allerdings höchstens mal an dem Anis-Backwerk schlecken, es aber nicht aufessen. Als um 1920 Glaskugeln und Lametta aufkamen, war die Zeit der Springerle vorbei: Der Christbaumschmuck musste modern sein, das "Altbackene" musste weichen.

Inzwischen ist es schwierig geworden, noch historische Modeln zu finden, besonders mit außergewöhnlichen Motiven. Und wenn man doch einmal eines in die Hände bekommt, ist es zuweilen unbezahlbar. Echte Schätze werden im vierstellige Bereich gehandelt. Oder man hat Glück wie Kristina Sandig: Eines der Stücke in ihrer Sammlung, die ihr besonders am Herzen liegen, zeigt eine Darstellung der Kastler Klosterburg. Ein Zufallsfund auf einem Flohmarkt. Der Verkäufer, der gar nicht wusste, was er da feilbot, wollte 50 Cent für das Holzstück. "Ich hätt's sonst eingeschürt", zitiert ihn Sandig. Und freut sich über ein ganz besonderes Stück (Heimat-)Geschichte in ihrer Sammlung.

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