14.05.2021 - 17:04 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

„Es muss ein Ruck durch die Stadt gehen“: Wirte fordern Attraktivitäts-Offensive

Die Sulzbach-Rosenberger Gastronomen sind erleichtert: Aus dem Storg wird kein Hotel. Doch damit geben sie sich nicht zufrieden. Für die Zeit nach Corona hoffen sie auf mehr Touristen und fordern eine Marketing-Offensive der Stadt.

Wollen nach Corona mithelfen, eine attraktivere Stadt zu gestalten und mehr Urlauber anzulocken: Von links: Christian, Hermine und Michael Sperber (Brauereigasthof Sperber), Christine Lotter (Hotel-Gasthof Zum Bartl) sowie Joachim und Renate Kiel (Hotelgasthof Bayerischer Hof).
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Den „Geheimtipp Sulzbach-Rosenberg“ für Urlauber erschließen, Kulturevents und Feste stärker vermarkten, wettbewerbsfähiger werden: Die Interessengemeinschaft (IG) der Sulzbacher Hotelgasthöfe (siehe Infokasten) denkt an die Zukunft und wünscht sich für die Zeit nach der Pandemie neuen Schwung in der lokalen Tourismuspolitik, mehr Leben in der Altstadt und eine stärkere Vermarktung der örtlichen Feste. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien appellieren die Wirte an die Stadtverwaltung – bieten aber auch ihre Unterstützung an.

Bei dem Gespräch im Brauereigasthof Sperber waren stellvertretend für die gesamte IG neben der Wirtsfamilie Christian, Hermine und Sohn Michael Sperber auch Christine Lotter (Zum Bartl) sowie Joachim und Renate Kiel (Bayerischer Hof) dabei. Dass der Storg-Eigentümer entgegen ursprünglicher Pläne nun doch kein Hotel, sondern Wohnungen und Büros in den Leerstand bauen will, freut die IG-Vertreter: „Uns ist ein großer Stein vom Herzen gefallen, als wir davon erfahren haben. Corona hat in unseren Häusern tiefe Spuren hinterlassen – zusätzlich ein Hotel im Storg wäre schlimm gewesen“, sagt Michael Sperber.

Investieren mit Perspektive

„Die jungen Wirtsgenerationen haben jetzt wieder eine Perspektive“, zeigt sich Christine Lotter erleichtert über die ausbleibende Konkurrenz. „Jetzt können wir wieder ins eigene Hotel investieren, die Unsicherheit ist weg.“ Zwei Jahre lang sind die Wirte gegen die Hotelpläne Sturm gelaufen, haben Existenzängste geäußert. War dies nicht übertrieben und von politischem Taktieren geprägt?

Hier widerspricht Braumeister Christian Sperber vehement. „Dass wir nie taktiert haben erkennt, wer auf die Zahlen schaut. Wir haben 60 Prozent Bettenauslastung in der Stadt – und mehr brauchen wir nicht.“ Joachim Kiel ergänzt: „Wir haben nichts gegen Konkurrenz. Aber die darf nicht wie ein Staubsauger zerstörerisch den ganzen Markt aufsaugen. Ein 140-Betten-Hotel hätte die Bettenanzahl in Sulzbach-Rosenberg um zwei Drittel erhöht. Das ist kein politisches Wehklagen, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.“

Politische Einflussnahme vermutet

Mit Blick auf den Entscheidungsprozess beim Storg-Gebäude sagt IG-Sprecher Kiel: „Wir hätten uns mehr Offenheit und Transparenz von der Stadt gewünscht.“ Dennoch ist er mit dem Ergebnis zufrieden – dafür lobt er das Rathaus und den Stadtrat: „Wir können es nicht genau wissen. Aber wir unterstellen, dass die Abwendung von den Hotelplänen keine einsame Entscheidung des Investors war, sondern dass der Bürgermeister und manche Stadträte an der Meinungsbildung von Herrn Rinkenburger mitgewirkt haben.“ Ein bereits fertig geplantes Konzept nachträglich wieder zu verwerfen, „dafür braucht man Rückgrat, das wollen wir goutieren und Respekt zollen.“

Die IG habe ihr Ziel, das Hotel zu verhindern, erreicht. Auflösen will sich die Gemeinschaft aber nicht – die Wirte beabsichtigen, nun weiter an der Stadtentwicklung mitzuwirken. Und da sehen sie viel zu tun. „Die Stadt braucht ein modernes Tourismuskonzept“, fordert Christine Lotter. Michael Sperber ergänzt: „Es sollte einen Grund für Touristen geben, gezielt nach Sulzbach-Rosenberg zu kommen. Bislang sind wir nur eine Durchgangsstation. Die Stadt muss sich eine Identität schaffen.“ Renate Kiel fügt an: „Wir Wirte verstehen uns als Ideengeber, die gerne unterstützen. Aber federführend ist das eine Aufgabe des Stadtmarketings. Es braucht nicht nur Prospekte, sondern ein Gesamtkonzept.“

Feste als Alleinstellungsmerkmal

Ihr Mann Joachim betont, wie wichtig die Inhalte seien: „Womit kann sich die Stadt identifizieren? Was sind unverwechselbare Alleinstellungsmerkmale?“ Die Antwort gibt er selbst: „Das Bergfest, die Woizkirwa, das Altstadtfest, unsere Montangeschichte und besonders auch das Sulzbach-Rosenberger International Music Festival (SRIMF).“ Letzteres sei das Rock am Ring für Sulzbach, die größten Jugend-Musiktalente der ganzen Welt kämen hierfür in die Oberpfalz. Das seinen „touristische Kristallisationspunkte“, die drei ganze Hotels füllen könnten.

Das Konzept zur Montangeschichte laufe nun an – dies sei toll, meint Michael Sperber. Aber bisher würden die wichtigen Feste und Events unterverkauft. „Da müssten riesige Banner am Stadteingang hängen, das muss richtig zelebriert, professionell vermarktet werden, um uns im Wettbewerb zu positionieren und um die Leute darauf aufmerksam zu machen, was Sulzbach bereits alles bietet.“ Der Junior-Chef hat viele Ideen – und will die Verwaltung anstecken: „Es muss ein Ruck durch die Stadt gehen, wir brauchen nach Corona eine richtige Aufbruchstimmung.“

Amberg „weit voraus“

Dass andere Städte eine offensivere Tourismuspolitik betreiben, glaubt auch Joachim Kiel. „Amberg ist die zweifelsohne konkurrenzfähigere Stadt, die uns mehrere Schritte voraus ist.“ Zwar seien in Amberg während Corona die Übernachtungszahlen deutlich stärker eingebrochen als in Sulzbach-Rosenberg mit „nur“ 30 Prozent. Aber: „Das zeigt, dass es in Amberg überhaupt ein Tourismusgeschäft gibt, das einbrechen kann – wir haben bislang hauptsächlich Monteure und Geschäftsreisende.“ Um dies zu ändern, sollte „der Geheimtipp Sulzbach-Rosenberg erschlossen werden – Urlaub in der Stadt muss eine Marke werden“, fordert Renate Kiel. Nahe Kommunen wie Hirschau, Neumarkt oder auch Königstein seien im Vergleich längst weiter. Christian Sperber sieht da auch so: „Andere Städte beneiden uns dafür, was wir alles haben, aber wir vermarkten es nicht gescheit.“

Wirte wollen unterstützen

Die IG-Vertreter wissen, dass dieser Weg nicht leicht wird. Sie wollen ihr Äußerungen auch nicht als Kritik, sondern als Anregung und konstruktiven Debattenbeitrag für eine „fruchtbare Zusammenarbeit“ verstanden wissen und richten deshalb ein konkretes Angebot zum Mitwirken an Bürgermeister Michael Göth und Stadtmarketing-Koordinatorin Nina Mutzbauer. Joachim Kiel abschließend: „Wir Gastronomen bringen gerne unsere Erfahrung mit Urlaubern ein und sind bereit, ein koordiniertes Hotel-Marketing zu machen – aber die Leitung und Initiative muss von der Stadt ausgehen.“

Zur Vorgeschichte: Die Sulzbacher Gastronomen kämpfen gegen ein Hotel im Storg

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Info:

IG Hotelgasthöfe Sulzbach-Rosenberg

  • Mitglieder: Die Interessengemeinschaft der Hotelgasthöfe in Sulzbach-Rosenberg hat fünf Mitglieder: Hotel-Gasthof Am Forsthof (Familie Heldrich), Hotel-Gasthof Zum Bartl (Familie Lotter), Brauereigasthof Sperber (Familie Sperber), Hotelgasthof Bayerischer Hof (Familie Eberwein/Kiel), Gasthof Zum Wulfen (Familie Luber)
  • IG-Sprecher: Joachim Kiel (Bayerischer Hof)
  • Ziele: Die IG versteht sich laut Joachim Kiel als "lokale Gewerkschaft der Hoteliers mit dem Ziel, einen direkten Input für die Steigerung der Attraktivität der Stadt zu geben".

„Amberg ist die zweifelsohne konkurrenzfähigere Stadt, die uns mehrere Schritte voraus ist.“


Joachim Kiel ("Bayerischer Hof")

„Andere Städte beneiden uns dafür, was wir alles haben, aber wir vermarkten es nicht gescheit.“

Christian Sperber (Brauereigasthof Sperber)

Christian Sperber (Brauereigasthof Sperber)

„Jetzt können wir wieder ins eigene Hotel investieren, die Unsicherheit ist weg, es gibt eine Perspektive.“

Christine Lotter („Zum Bartl“)

Christine Lotter („Zum Bartl“)

 

 

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