25.06.2021 - 14:49 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Motorrad, Busse, Lkw: Ingenieurin mit 23 mischt beim TÜV Männerdomäne auf

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Mit schwerem Gerät kennt sich Rebecca Göhring aus. Die 23-Jährige ist Prüferin beim TÜV in Rosenberg. Eine Plakette gibt es nur mit ihrem OK – und nach akribischem Blick. Noch immer halten manche Männer die blonde Frau für eine Bürokraft.

Rebecca Görhing weiß, wie Busse von unten aussehen. Ein beklemmendes Gefühl habe sie in der sogenannten Grube nicht, sagt sie, aber: „Etwas gelenkig sollte man schon sein.“
von Tobias Gräf Kontakt Profil

„Außer einem Panzer kann ich wirklich alles fahren“, sagt Rebecca Göhring und lacht. Über ihren Arbeitgeber, den TÜV Süd in Sulzbach-Rosenberg, hat die 23-Jährige aus Weigendorf nahezu alle Führerscheine gemacht. Egal ob Auto, Motorrad, Bus oder Sattelschlepper: „Alles, was wir prüfen, dafür brauchen wir auch einen Schein. Allein Motorrad und Lkw haben zusammen 6000 Euro gekostet“, sagt die junge Maschinenbau-Ingenieurin. Seit August 2018 arbeitet sie beim Rosenberger TÜV. Ihren Job liebt sie – auch wenn es manchmal schmutzig wird.

Anfang kommenden Jahres wird Rebecca Göhring ihre Ausbildung zur amtlich anerkannten Sachverständigen für Kraftfahrzeugtechnik abschließen. So lautet der offizielle Titel für TÜV-Prüfer. Ein Kindheitstraum war dies für die Weigendorferin aber nicht. „Ich bin erst während meines Studiums an der OTH Amberg auf den TÜV gestoßen, weil im fünften Semester ein Praxissemester Pflicht ist.“ So landet Göhring noch als Studentin beim TÜV in Rosenberg, studiert ab dem sechsten Semester dual und schreibt dann ihre Bachelorarbeit über Ladungssicherung.

Einzige Frau in der Oberpfalz

In Rosenberg ist sie nun eine von zwei Prüfern. Ihr Kollege Ralf Diettrich ist zugleich ihr Ausbilder. Der Diplom-Ingenieur zeigt sich sehr zufrieden mit der 23-Jährigen. „Rebecca ist wirklich prima, sie hat sich in der Männerdomäne super behauptet.“ Rebecca dazu: „Es stimmt, Frauen sind beim TÜV immer noch eine Seltenheit. In der Oberpfalz bin ich die einzige in der technischen Abnahme.“ Davon abschrecken lassen hat sich die selbstbewusste Weigendorferin aber nicht. „Die Kollegen haben mich ganz freundliche aufgenommen, so, als ob ich ein Mann wäre“, erzählt sie schmunzelnd.

Auch mit den Kunden, die ihr Auto zur Untersuchung oder zur Abnahme vorbeibringen, gebe es keine Probleme. „Die meisten Frauen fühlen sich sogar wohler, wenn die Prüfung durch eine Frau gemacht wird“, erzählt sie aus eigener Erfahrung. Männer hätten überwiegend kein Problem mit ihr als weiblicher Prüferin, aber mit ihren blonden Haaren entspricht die schlanke 23-Jährige nicht dem Klischee eines technischen Berufs: „Wenn ich hinter dem Tresen sitze, halten mich manche für die Bürokraft.“ Ihre blaue Arbeitshose und die Sicherheitsschuhe sind dann nicht zu sehen. „Aber das nehm’ ich mit Humor, wenn ich aufstehe, schauen zwar viele erst mal verdutzt, aber ich werde schon ernst genommen.“

Zugleich spürt Göhring aber, dass sie mehr unter Beobachtung steht als ihr männlicher Kollege – gerade wenn Busse oder Lkw zur Prüfung anstehen. „Da werd’ ich dann schon immer genau begutachtet: Kriegt sie den Bus passgenau rein, fährt sie den Lkw auch nicht an?“

Bis zu 15 Autos am Tag

Doch daran hapert es nicht, die Ingenieurin kennt sich mit schwerem Gerät bestens aus. 10 bis 15 Fahrzeuge prüft sie im Schnitt pro Tag. „Im Frühjahr ist mehr los, da kommen die ganzen Zulassungen für Motorräder und Wohnmobile und Anhänger hinzu“, sagt sie. Beim Pressetermin mit Oberpfalz-Medien steht ein Reisebus zur Sicherheitsüberprüfung an. Müssen Autos, die älter als 36 Monate sind, nur alle zwei Jahre zur Hauptuntersuchung, sind bei Bussen die Prüfintervalle strenger. „Die haben ein Mal im Jahr HU und drei Mal Sicherheitsüberprüfung. Ein Bus ist deshalb quasi alle drei Monate bei uns“, erklärt Göhring.

Knapp 16 Tonnen wiegt der Reisebus im Leergewicht, die 23-Jährige steuert den Dreiachser souverän auf den Bremsstand, testet per Manometer den Bremsdruck, und rollt das Ungetüm anschließend weiter zum Achsspieltester – rüttelnde Platten unter der Vorderachse. „Ich überprüfe hier, ob die Spurstange ausgeschlagen ist und die Lenkung Spiel hat.“ Gerade bei Bussen im Überland- und im Fernverkehr müsse genau geschaut werden. „Da kommen in drei Monaten oft 20 000 Kilometer drauf, auch Millionäre haben wir immer wieder“, sagt die Prüferin und meint damit Busse mit siebenstelligem Kilometerstand.

Abstieg in die "Grube"

Im Fahrzeuginneren achtet Göhring auf Lichter, Tür-Einklemmschutz und die Gurte aller Sitze. Sie ist froh, nicht alles im Bus überprüfen zu müssen. „Die Toilette muss ich mir zum Glück nicht anschauen – die zählt zum Komfort und ist nicht sicherheitsrelevant.“ Danach geht es in die "Grube". So bezeichnen sie beim TÜV den in den Boden eingelassenen Gang unter dem Prüfstand. Mit Taschenlampe und Messgerät klettert die Weigendorferin unter den 16-Tonnen-Bus. „Ein beklemmendes Gefühl hab ich dabei nicht, aber etwas gelenkig sollte man schon sein.“ Sind die Bremsscheiben intakt? Stoßdämpfer abgerissen? Rost? Läuft Motoröl aus. Göhring entgeht nichts: „Der ist okay“, fällt ihr Urteil dann aus.

Öl im Gesicht, Salz im Genick

Spätestens unter dem Bus wird klar, die junge Frau hat keine Probleme damit, sich auch mal die Hände schmutzig zu machen. „Für Handschuhe bleibt nicht immer Zeit. Manchmal habe ich auch Schmiere im Gesicht oder bleibe mit den Haaren im Gestänge hängen.“ Unangenehm kann es besonders im Winter werden. „Da ist mir auch schon öfter Salz und Schnee-Schmelzwasser ins Genick getropft.“

Göhring stört all das nicht. Sie liebt die Abwechslung. „Ich hab jeden Tag andere Autos, andere Kunden. In der Konstruktion am Schreibtisch zu sitzen, das wäre nichts für mich“, sagt die Ingenieurin. Die 23-Jährige will anderen Frauen Berührungsängste zum TÜV nehmen. „Wir könnten schon noch ein paar Mädels brauchen. Man muss dafür auch kein Muskelpaket sein und das Steuern der großen Fahrzeuge lernt wirklich jeder schnell.“

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Info:

Ausbildung: Sachverständiger beim TÜV

  • Berufsbezeichnung: Amtlich anerkannter Sachverständiger für Kraftfahrzeugstechnik
  • Voraussetzung: Technischer Studiengang
  • Ausbildungsdauer: Zwei Jahre
  • Führerscheine: Parallel zur Ausbildung werden nahezu alle Führerscheine (Lkw, Anhänger, Motorrad und Busse - hier jedoch ohne Fahrgastbeförderungsbescheinigung) erworben. Der TÜV als Arbeitgeber übernimmt einen Teil der Kosten.
  • Prüferlaubnis: TÜV-Prüfer sind auch berechtigt, Fahrprüfungen für Fahrschulen abzunehmen.
  • Frauen: Sind beim TÜV willkommen, arbeiten dort bislang aber überwiegend als Büro- und Verwaltungskräfte. Beim TÜV in der Oberpfalz ist Rebecca Göhring laut eigener Angabe bislang die einzige Frau in der technischen Abnahme. Eine weitere Frau arbeitet als Prüferin.

"Rebecca ist prima, sie hat sich in der Männerdomäne super behauptet."

Ralf Dittrich, TÜV-Ausbilder in Rosenberg

Ralf Dittrich, TÜV-Ausbilder in Rosenberg

"Wir könnten schon noch ein paar Mädels brauchen. Dazu muss man auch kein Muskelpaket sein und das Steuern der großen Fahrzeuge lernt jeder schnell."

Rebecca Göhring (23)

Rebecca Göhring (23)

 

 

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