15.11.2021 - 11:22 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Lesung mit Lutz Seiler im Literaturhaus Oberpfalz

Aus seinem Roman "Stern 111" las der Autor Lutz Seiler (links) vor und erläuterte im Gespräch mit Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin den kreativen Schaffensprozess.
von Autor COGProfil

Im November 1989 implodierte die DDR endgültig. Die chaotische Zeit beschreibt Lutz Seiler in seinem Roman „Stern 111“. Dieses Transistorradio aus DDR-Produktion ist ein wiederkehrendes Motiv im Roman. Nicht ohne Grund ziert das Radio das Buchcover. Die Eltern Inge und Walter Bischoff und ihr Sohn Carl erleben das Ende der DDR. Dabei begleitet sie das Radio, eine Art Familienmitglied.

Aber wie schreibt man so einen Roman? Wie viel Lutz Seiler findet sich in Carl Bischoff? Im Gespräch mit Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin berichtete Seiler über den Schaffensprozess und seine intensiven Recherchen. Er nutze, erläuterte er, seine eigenen Erinnerungen als Material, allerdings ist der Roman Literatur, keine Biographie. Er könne sich nicht besonders gut an die Wendezeit erinnern. Deshalb habe er viele Leute befragt und dabei „total unterschiedliche Geschichten“ gehört. Besonders wertvoll waren die Gespräche mit seinen Eltern. Sie konnten ihm die alltäglichen Details erzählen, die den Roman so authentisch machen.

Trotzdem war der Entstehungsprozess, so Seiler, erst einmal mühsam, weil ihm aus der Wendezeit „der Begeisterungsbefehl entgegenschallte“. Diese Stimme musste leiser werden, um dem Autor einen sachlicheren Zugang zu ermöglichen: „25 Jahre mussten vergehen, ehe mir das Material zugänglich wurde“, denn die Euphorie der Wende war zwar groß, das Leben in dieser Zeit allerdings prekär, was die Wohn- und Arbeitssituation angeht und auch die Bausubstanz, die er im Roman beschreibt.

Seiler verfolgt zwei Handlungsstränge und kann so die Wendezeit aus der Perspektive der Eltern, die in den Westen fliehen, und des Sohnes, der sich im chaotischen Berlin durchschlägt, erzählen. Von beiden las der Autor eine Passage vor. Carl Bischoff war in Berlin in der Hausbesetzerszene gelandet. Minutiös wird beschrieben, wie er im Bezirk Prenzlauer Berg eine leerstehende Altbauwohnung sucht: Man erkennt sie deutlich an den ungeputzten Fenstern. Dann bricht er die Tür auf. Die Darstellung ist wahrscheinlich präzise genug um als „Bedienungsanleitung“ zu fungieren. Die technische Genauigkeit ist Seilers Markenzeichen, nicht umsonst ist er gelernter Baufacharbeiter.

Der zweite Handlungsstrang ist die Gegengeschichte dazu. Er begleitet Carls Eltern durch das Notaufnahmelager Friedland nach Diez an der Lahn, wo die Mutter vergebens Arbeit sucht. Ihre Schwierigkeiten, sich der neuen Welt zurechtzufinden, werden an ihren täglichen Lektionen deutlich. So lernt sie an einem Tag, wie man die Verkettung eines Einkaufswagens löst, am nächsten, wie in der Telefonzelle der Drehmechanismus für das Telefonbuch funktioniert.

Die Literaturfreunde in den dicht besetzten Reihen im Capitol hörten gefesselt zu, als Seiler mit sorgfältiger Artikulation vorlas. Verwirrungen, Ängste, Hoffnungen wurden lebendig. Zum Abschluss trug Seiler drei seiner Gedichte vor, die die Kindheit in der DDR reflektieren. Dann signierte er seine Bücher, die die Besucher am Bücherstand der Buchhandlung Volkert gekauft hatten.

 

 

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