11.06.2021 - 12:44 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Kampf um Rosenberger Papageien-Gnadenhof: Experten stellen Tierschutz-Verstöße fest

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Erneute Aufregung im Rosenberger Papageien-Gnadenhof: Vogel-Experten haben zahlreiche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt. Droht die Wegnahme der Tiere? Inzwischen hat sich auch ein Stadtrat eingeschaltet.

Aras und Graupapageien verstehen sich nicht und dürfen deshalb nicht gemeinsam in einem Käfig gehalten werden. Das haben Vogel-Experten bei einer Inspektion festgestellt. Diese Vorgabe sei veraltet, hält Gnadenhof-Betreiberin Ulrike Jackson vehement dagegen – sie befürchtet, dass ihr Papagei vereinsamen würde.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Für Ulrike und Terrel Jackson reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Die Inhaber des Papageien-Gnadenhofs an der Rosenberger Pulvermühle haben auf Bitte des Amberger Veterinäramts Besuch von zwei Vogel-Expertinnen aus dem Erlanger Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) bekommen. Überprüft wurden die Haltungsbedingungen der 55 Papageien und Kakadus – mit fatalem Ergebnis.

„Es sind sehr viele Einzelmängel festgestellt worden, das Urteil der Experten ist nicht gut ausgefallen“, gibt Veterinäramtsdirektor Dr. Werner Pilz, der bei der Inspektion dabei war, auf Anfrage von Oberpfalz-Medien bekannt. Die Volieren, in denen die Vögel leben, seien „in Holzbauweise improvisiert und ohne große Fachkenntnisse“ aufgebaut worden. Auch wird bemängelt, dass Tiere „vergesellschaftet“ wurden – sprich, es leben Rassen zusammen, die das nicht sollten.

Zukunft des Gnadenhofs ungewiss

„Verstöße gegen die Haltungsbedingungen sind immer auch Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Wir haben den Jacksons deshalb den Rat gegeben, ihren Gnadenhof auf eine rein private Haltung zurückzuführen“, sagt Amtsleiter Pilz. Die Expertinnen vom LGL seien nun dabei, ein offizielles Gutachten anzufertigen – dies dauere circa sechs Wochen. In dem Schreiben werden die Verstöße detailliert aufgelistet. Setzen die Jacksons dies nicht um, droht das endgültige Aus für den Gnadenhof und womöglich eine angeordnete Abgabe ihrer liebgewonnen Tiere.

Rund um den Gnadenhof gab es in den vergangenen Monaten immer wieder Schlagzeilen (wir berichteten.) Weil die Jacksons auf ihrem 2019 gekauften Grundstück mehrere Volieren ohne Baugenehmigung – und zudem noch in einem Überschwemmungsgebiet – errichtet haben, hat die Stadt Sulzbach-Rosenberg einen Baustopp verhängt. Die Käfige können deshalb nicht erweitert oder fertig gebaut werden.

„Aggressives Geschrei“

Probleme gibt es auch mit den Nachbarn. Diese beschweren sich über „aggressives Geschrei“ der Papageien. Die Stadtverwaltung fordert deshalb von den Jacksons ein Lärm- und ein Geruchsgutachten. Zudem hat das Veterinäramt einen Aufnahmestopp verhängt, weil die Volieren unfertig und nicht winter-tauglich sind und Anzeigen Dritter wegen möglicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vorliegen. Aus diesem Grund haben nun auch die Erlanger Vogel-Expertinnen den Gnadenhof inspiziert – und die Haltungsbedingungen tatsächlich bemängelt.

Für Ulrike Jackson, die wegen Depressionen nicht mehr arbeiten kann, ist dies ein weiterer Rückschlag im Kampf um ihre Vision von einem florierenden Gnadenhof. Aufgeben will die 51-Jährige aber nicht. Sie hält die Haltungsbedingungen für gut und die Kritik für unberechtigt. „Die sogenannten Expertinnen verlangen von uns, dass wir die Tiere trennen, bloß weil unterschiedliche Rassen in einem Käfig zusammenleben. Ich kann doch Vögel nicht auseinanderreißen und alleine isolieren, die seit Jahrzehnten aneinander gewöhnt sind und die vom Vorbesitzer schon zusammengeführt wurden.“

Federn ausgerissen

Neben angeblich unpassendem Einstreu sei von den LGL-Fachleuten zudem bemängelt worden, dass sich manche Tiere selbst die Federn ausreißen. „Das tun sie. Aber nicht, weil sie krank sind oder unsere Haltung schlecht ist, sondern weil die Tiere aufgrund der Qualen bei den Vorbesitzern mit psychischen Störungen zu uns kommen.“ Jackson streicht den Typus eines Gnadenhofs heraus: „Wir sind eben kein Vorzeige-Hof mit heiler Welt. Wir geben Tieren ein Zuhause, die beschlagnahmt wurden, die nicht so schön ausschauen und die schon viel mitmachen mussten.“

Die Papageien-Halterin hat sich beim Veterinär des Straubinger Zoos und im Vogelpark Waldbrücke erkundigt – mit beiden arbeitet der Rosenberger Gnadenhof zusammen. „Die sagen beide, das ist Quatsch. Sogar im Zoo werden die Vogelrassen gemeinsam gehalten und das gleiche Einstreu verwendet.“ Die Regelung, dass beispielsweise Graupapageien und Aras nicht zusammen leben könnten, sei veraltet, ist sich Jackson sicher.

Sobald das Gutachten vom Landesamt vorliegt, will Jackson deshalb sofort Einspruch einlegen. „Wir werden um unsere Tiere kämpfen.“ Dass die 51-Jährige dabei nicht den Gang an die Öffentlichkeit scheut, zeigt auch der Besuch von Antenne Bayern auf dem Gnadenhof. Der Radiosender hat Ulrike Jackson und ihrem 25-jährigen Sohn Terrel dabei geholfen, ein Geräuschgutachten zu bekommen, das die Verwaltung einfordert. Zumindest der Vorwurf, die Papageien seien zu laut, soll damit widerlegt werden, schwarz auf weiß. Staatlich geprüfte Immissionsexperten des Ingenieursbüros Soundplan aus Backnang bei Stuttgart waren dafür laut Jackson Ende Mai auf dem Grundstück. „Wir tun alles, was die Stadt verlangt.“

Besuch von Antenne Bayern

In fünf Metern Höhe haben die Gutachter an der Grundstücksgrenze zu den Nachbarn für 24 Stunden ein Mikrofon installiert. Zudem wurde direkt in den Käfigen und an der nahe gelegenen Hauptstraße gemessen. Zwar liege das Ergebnis noch nicht vor, aber Jackson erhofft sich davon eine Bestätigung: „Die Experten haben gesagt, dass es vom Rohrwerk, der Bahnstrecke und der Straße so viele Nebengeräusche gibt, dass die Papageien überhaupt nicht heraus zu hören sind.“

Die vielen Rückschläge im Kampf um den unfertigen Papageien-Gnadenhof setzen Jackson, die beim Gespräch über ihre Tiere häufig weint, psychisch zu. „Terrel und ich, wir waren schon kurz davor zu sagen, jetzt geben wir auf und halten die Papageien rein privat.“ Das empfiehlt zwar auch Ambergs Veterinäramts-Chef Werner Pilz, doch soweit ist es nicht gekommen. Die Jacksons haben nämlich unerwartet Hilfe aus den Reihen des Sulzbach-Rosenberger Stadtrats bekommen. „Stefan Thar ist auf unserer Seite, er hilft uns“, ist Jackson dankbar.

Stefan Thar hilft Gnadenhof

Auf Anfrage bestätigt der FWU-Politiker sein Eingreifen. Zwar ist auch der Stadtrat der Auffassung: „Die Rechtsvorschriften müssen eingehalten und die Interessen der Nachbarn natürlich berücksichtigt werden.“ Dennoch hat Thar für den erst im März gegründeten Gnadenhof-Verein eine eigene Homepage aufgebaut, um, wie er sagt, „die Situation zu versachlichen und Interessierten Informationen über die aktuellen Entwicklungen“ an die Hand zu geben. „Ich finde, dass man sich als Stadtrat für die Belange der Bürger schon einsetzen sollte“, erklärt er seine Hilfe.

Zukunft als Förderverein?

Thar hat Ulrike und Terrel Jackson empfohlen, ihren Verein nicht aufzulösen – aber zu einem Förderverein umzuwandeln. Weil dieser von Privatpersonen geführt werde, seien die Auflagen deutlich weniger streng. Dass der Gnadenhof, und sei es als Förderverein, eine Zukunft haben müsse, davon ist Thar überzeugt: „Wir sollten dem Engagement, das hier seit Jahren für hilfsbedürftige Tiere geleistet wird, jedwede Unterstützung gewähren.“

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Info:

Familie Jackson und die Papageien

  • 55 Papageien leben im Rosenberger Gnadenhof
  • Dazu zählen Aras, Graupapageien, Kakadus, Amazonen sowie Wellen-, Pennant-, Nymphen-, Prachtrosella- und Halsbandsittiche
  • Die Papageien stammen aus polizeilichen oder behördlichen Beschlagnahmungen. Von den Vorbesitzern oft illegal gehalten, verletzt oder drangsaliert, haben viele der Papageien körperliche oder geistige Störungen und verbringen im Gnadenhof ihre letzten Jahre
  • Seit März ist der Gnadenhof ein Verein, um leichter an Futterspenden zu kommen. Eine Umwandlung zu einem privat geführten Förderverein erscheint möglich. Hier wären Haltungsauflagen weniger streng
  • Der Gnadenhof kämpft mit vielen Problemen wie fehlenden Baugenehmigungen, Hochwasserschutz, einem Aufnahme- und Baustopp, Lärmbeschwerden und kritisierter Haltungsbedingungen

„Wir sollten dem Engagement, das hier seit Jahren für hilfsbedürftige Tiere geleistet wird, jedwede Unterstützung gewähren.“

Stefan Thar, FWU-Stadtrat

Stefan Thar, FWU-Stadtrat

 

 

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