28.07.2021 - 09:47 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Hof-Apotheke in Sulzbach-Rosenberg: Ein Stück Familien-Historie

Seit 2015 hat die Alte Hof-Apotheke wieder geöffnet. Allerdings nicht mehr zum Verkauf von Medikamenten, sondern als liebevoll gestaltetes Museum. Herr über die Schätze ist Stadtheimatpfleger Markus Lommer. Seinen Großeltern gehörte die Apotheke.

Das wertvolle Schießl-Herbarium bleibt unter Glas. Dafür lädt eine Replika zum Blättern und Bestaunen ein.
von Anke SchäferProfil

Einst waren die Räumlichkeiten am Luitpoldplatz 6 Anlaufstelle für Heilmittelbedarf, aber auch das Zuhause, der Spielplatz und das Experimentierfeld von Stadtheimatpfleger und Museumsleiter Markus Lommer. Seine Großeltern erwarben 1918 die Apotheke von der Pharmazeuten-Dynastie Schießl und überließen später das Geschäft der nächsten Generation. Das Aus kam Ende 1992 - die Umsatzeinbußen infolge der mehrjährigen Bauarbeiten an der Tiefgarage unter dem Luitpoldplatz waren nicht mehr zu kompensieren.

Dass Markus Lommer der beruflichen Familientradition ohnehin nicht geneigt war, stellt aus heutiger Perspektive eher eine glückliche Fügung dar. Schließlich ist der katholische Theologe und Seelsorger, der seit rund 25 Jahren im Kirchendienst steht und derzeit als Hochschulseelsorger an der OTH Amberg-Weiden wirkt, als ehrenamtlicher Stadtheimatpfleger ein engagierter Kämpfer für das historische Erbe der Herzogstadt. Als sich ihm die Chance bot, das Potenzial des geerbten, umfangreichen Bestandes der aufgelassenen Apotheke auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, griff er zu: „Das Museum Alte Hof-Apotheke ist, neben der Ehemaligen Synagoge, das zentrale Projekt meiner Tätigkeit als Stadtheimatpfleger“, konstatiert er beim Rundgang.

Rund 500 Exponate bezeugen bewegte Geschichte

Im sorgfältig und fachgerecht sanierten Gebäude sind heute auf rund 120 Quadratmetern gut 500 Exponate in zwölf Räumen versammelt, die beredtes Zeugnis ablegen von der bewegten Geschichte einer der ältesten Apotheken der Oberpfalz. Alles in allem umschließt der Blick ein halbes Jahrtausend Pharmazie-Geschichte. Die bloße, trockene Präsentation toter Materie in Gestalt von vielgestaltigen Arzneibehältnissen und durchaus geheimnisvollen Apparaturen wie einem Evakulator entspricht allerdings ganz und gar nicht der Intention des Museumsleiters: „Wir wollen kein humorloses Haus sein.“

Und das ist das Museum auch in der Tat nicht: So finden sich in einer Vitrine gleich am Eingang unter anderem mehrere Museums-Maus-Mumien, die bei den Sanierungsarbeiten im Fehlboden entdeckt worden waren und nun auf der Liste der Lommer´schen Lieblings-Ausstellungstücke ganz oben stehen. Überhaupt versteht es der Museumsleiter auf unvergleichliche Art und Weise, geschichtliche Fakten etwa zu den Anfängen der Sulzbacher Apotheken-Tradition im Jahre 1537 oder zum verheerenden Stadtbrand 1822, der auch die damals im Nebengebäude beheimatete Stadt- und Hof-Apotheke schwer in Mitleidenschaft zog, mit unterhaltsamen Anekdoten und thematischen Abstechern, etwa in die ebenfalls zu besichtigende Unterwelt, aufzulockern.

Kräuterbuch aus dem 19. Jahrhundert

So erfährt man beispielsweise, dass der Großvater-Apotheker viel lieber bei Sunzendorf auf die Jagd ging, als sich im Geschäft die Beine in den Bauch zu stehen. Auch die Geschichte von der Apothekenhelferin, die in mehrfacher Hinsicht von Stöckelschuhen zu Fall gebracht wurde, weiß Lommer hintersinnig zu erzählen. Zwischen akkurat aufgereihten – und nach wie vor gefüllten – Hartpappe-Dosen, Glasflaschen-Reihen, obligatorischem Giftschrank und einem wertvollen Kräuterbuch aus dem Jahr 1834/35 kommt auch eine alte Standuhr ins Spiel. Das gute, noch nicht fertig restaurierte, Familienstück hat eine veritable Odyssee vom Apotheker-Wohnzimmer bis nach Amerika und zurück vorzuweisen. Den großen Teich hat sie dabei häufiger als eigentlich erforderlich überquert - die diversen Zoll- und Zustellungsvorschriften erzwangen ein reges Hin und Her und brachten den Museumsleiter fast zur Verzweiflung.

Aber eben nur fast, denn ans Bewältigen schwieriger Situationen war er schon von den groß angelegten Sanierungsarbeiten des Hauses gewöhnt: „Die Bauphase war wie ein kleiner Krimi, eine Reality-Show der Ortsgeschichte.“ „Glatt und schön“ war dabei übrigens gerade nicht das Ziel. Das Museumsgebäude soll vielmehr weiter selbst von seiner bewegten Geschichte erzählen. Das tut es an allen Ecken und Enden und ganz besonders auch in Lommers neuestem Coup: der historischen Ferienwohnung im ersten Stock, die er unter dem Motto „Wohn mal im Museum“ anbietet. Wer sich hier einmietet, steht auf wahrlich historischem Holz-Boden, blickt mittels überall zu findenden sogenannten Befundfenstern auf ursprüngliche Putzschichten und Wandbemalungen und gewährt den über dem – modernen – Herd platzierten Ahnen Einblicke in den Kochtopf.

Goldmuskateller wird zum Verhängnis

Geschichte auf diese Weise unmittelbar erlebbar zu machen, zählt zu Markus Lommers erklärten Absichten. Dass er dafür sein Haus mit fremden Menschen teilt, stellt für den umtriebigen Museumsleiter kein Problem dar. Aus geselligen Abenden mit Apotheken-Wein wird jedoch nichts werden: Die große bauchige Flasche, die früher tatsächlich Wein der Sorte „Goldmuskateller“ für den medizinischen Gebrauch beinhaltete und den Apothekersöhnen schon mal zum Verhängnis wurde, steht zwar noch im Keller-Regal – bis auf ein Nagerl aber trocken, leider.

So wie es sich für eine gut sortierte Apotheke gehört, hegt man natürlich auch am Luitpoldplatz im geschützten Innenhof einen Garten mit prachtvollen Heilkräutern und Gewürzen. Bepflanzt ist der lauschige Rückzugsort mit zwei Dutzend Exemplaren, die im betagten, in der Ausstellung zu bestaunenden, Herbarium auf Papier gebannt sind. Eine echte Oase der Entspannung und Ruhe mit obendrein heilender Energie.

Keine Fremdbestände

Und so erstaunlich es angesichts der Fülle von Exponaten erscheint – Markus Lommer mischt keinerlei Fremdbestände unter seine geerbten Schätze. Das Höchste der Gefühle sind Medikamentenpackungen oder Ähnliches, das einst in eben dieser Hof-Apotheke erworben wurde. Nachdem die sehens- und erlebenswerte Sammlung während Lockdown und Renovierung notgedrungen die Türen geschlossen halten musste, ist jetzt die Freude umso größer, endlich wieder loslegen zu können. Auch wenn Markus Lommer es zunächst „gar nicht mehr gewohnt war aufzumachen“. Aber verlernt hat er das unterhaltsame Vermitteln von Geschichte und Geschichten definitiv nicht.

Das Wurzelmuseum in Speinshart

Speinshart

Zu den Beiträgen der Serie "Museen der Oberpfalz"

Service:

Museum Alte Hof-Apotheke

  • Museum Alte Hof-Apotheke, Luitpoldplatz 6, 92237 Sulzbach-Rosenberg, Telefon 09661/4686 (Museums-Büro) oder 09661/877520 (Stadtheimatpfleger), E-Mail info[at]alte-hofapotheke-sulzbach[dot]de.
  • Öffnungszeiten: Donnerstag und Samstag, 14.30 bis 17.30 Uhr sowie Markttage, Altstadtfest, Tag des offenen Denkmals etc.
  • Eintritt: Erwachsene 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro (inklusive einmaliger Eintritt Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg).
  • Gruppenführungen möglich, telefonische Anmeldung erforderlich.
  • nicht barrierefrei, Erdgeschoss teilweise mit Rollstuhl befahrbar.
  • Informationen zur historischen Ferienwohnung auf www.wohn-mal-im-museum.com.
  • Parken: Schlossgarage Sulzbach-Rosenberg.
  • Weitere Tipps:
    Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg, unter anderem mit Sonderausstellung (bis 12. September) "Es muss noch etwas Höheres geben - die Künstlerin und Malerin Hildegard Christ" (Mittwoch bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 16.30 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage von 13.30 bis 16.30 Uhr).

    Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg mit Dauerausstellung "Deutschsprachige Literatur nach 1945" und bis 17. Dezember Sonderausstellung "Ein Panzer gegen die hässliche Zeit. Hermann Hesses ,Glasperlenspiel' im Dritten Reich" (Dienstag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr; außer an Feiertagen, Sonntag von 14 bis 17 Uhr).

    Stadtführungen: Jedermann-Stadtführung jeden 1. und 3. Samstag im Monat, dazu Themenführungen, Kinderführungen, geführte Wanderungen.

    Ehemalige Synagoge (Mittwoch und Sonntag von 14 bis 17 Uhr).

    Erstes Bayerisches Schulmuseum (Montag bis Mittwoch von 9 bis 16 Uhr, Donnerstag von 9 bis 15 Uhr, Sonntag von 14 bis 16.30 Uhr, an Feiertagen und während der Schulferien geschlossen).

  • Einkehr: Biergarten Kreuzerwirt Spitalgarten.

 

 

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