03.07.2020 - 09:13 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Glücksfall Corona: Zwei alte Freunde finden sich wieder

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Der eine wohnt in Augsburg, der andere im australischen Sydney. Zwei alte Jugendfreunde aus Sulzbach-Rosenberg haben sich nach 56 Jahren wiedergefunden – dank der Coronakrise. Als wichtiges Bindeglied erwies sich eine Pensionsbetreiberin.

Else Meidenbauer steht auf dem Balkon ihrer Ferienwohnung in der Dr.-Martin-Luther-Straße. Viele Stammgäste kommen wegen dem Annabergfest. Zwar fällt die Wallfahrtswoche wegen Corona aus, doch genau dieser Umstand erwies sich als glücklicher Zufall – die Pensionswirtin half zwei Freunden, sich nach 56 Jahren wiederzufinden.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Seit 18 Jahren vermietet Else Meidenbauer zwei Ferienwohnungen in der Dr.-Martin-Luther-Straße. Vom Balkon des Mehrfamilienhauses aus hat man einen schönen Blick über das Stadtgebiet. Doch der größte Standortvorteil ist die Nähe zur Wallfahrtskirche: „Bei mir gehen Sie über die Straße rüber und schon sind sie am Annaberg.“ Gerade zur St.-Anna-Festwoche Ende Juli ist die Pension Meidenbauer deshalb regelmäßig ausgebucht – oft mit internationalen Gästen. Dass dieses Jahr alles anders ist, erwies sich nun für zwei alte Freunde, die sich verloren hatten, als Glücksfall.

„Die Coronakrise hat mich hart getroffen. Zum Altstadtfest und dem Annabergfest hab’ ich normalerweise immer volles Haus“, berichtet Meidenbauer. Besonders ehemalige Herzogstädter würden in der Wallfahrtswoche in ihre alte Heimat zurückkehren, um am Berg Bekannte und Verwandte zu treffen. Dazu zählt auch Gerd Tengel aus Augsburg. Der 71-Jährige kommt immer im Juli in seine Geburtsstadt. „Seit fast 40 Jahren fahre ich mit dem Trekking-Rad von Augsburg zur Bergwoche. Jedes Jahr, bis auf heuer – so ein Schmarrn mit dem Virus“, sagt der pensionierte Polizist enttäuscht.

Stammgast aus Sydney

Um ihn aufzumuntern, hat ihm Else Meidenbauer per Whatsapp geschrieben: „Ich hab Gerd getröstet mit dem Hinweis, dass es anderen genauso geht. Einer meiner Stammgäste in der Bergwoche, auch ein Sulzbacher, wohnt in Sydney. Er dürfte zum Urlaub zwar einreisen, aber nicht mehr zurückkommen.“ Jetzt wurde Gerd Tengel hellhörig. Seit Jahrzehnten ist er auf der Suche nach seinem Jugendfreund, mit dem er keinen Kontakt mehr hatte, seit dieser 1964 nach Australien ausgewandert ist.

"Auf eine Mass am Berg" - die Serie der Amberger Zeitung zum ausgefallenen Bergfest.

Amberg

„Ich hab mir gedacht, dass es so viele Sulzbach-Rosenberger, die in Australien wohnen, doch nicht geben kann, und spontan bei Frau Meidenbauer nachgehakt“, berichtet der begeisterte Radfahrer. Als die Vermieterin die Vermutung bestätigt, ist die Ungläubigkeit groß. Gerd Tengels vermisster Jugendfreund aus Australien ist tatsächlich seit 12 Jahren Stammgast in der Pension Meidenbauer – immer zur Zeit des Annabergfests. Doch während Gerd in der Wallfahrtswoche bislang immer im Hotel Bayerischer Hof übernachtete und 2019 erstmalig in der Pension Meidenbauer einkehrte, war sein Freund aus der Südsee regelmäßig Gast in der Ferienwohnung. Beide waren jährlich in ihrer Heimatstadt, ohne voneinander zu wissen.

„Ich habe Gänsehaut bekommen“

„Ich habe Gänsehaut bekommen, das ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt dazu Else Meidenbauer. Als Vermittlerin spielte die Pensionswirtin eine entscheidende Rolle. „Wenn ich Gerd nur geschrieben hätte, das Fest fällt aus, dann wäre das nie ans Licht gekommen. Nur, weil ich von meinem australischen Stammgast erzählt habe, hat sich der Kontakt entwickelt.“

Oberpfälzer Dialekt verloren

Die Vermieterin gibt Tengel die Mail-Adresse ihres australischen Gastes. Tengel setzt sich sofort an den Computer: „Ich habe ihm eine E-Mail geschrieben, alte Bilder angefügt und erklärt, wer ich bin. Ich war nicht sicher, ob er mich überhaupt noch kennt.“ Gleich am nächsten Tag klingelt das Telefon. Der verlorene Freund hat die Nachricht erhalten und sofort angerufen. „Ich war total überrascht. Wir haben lange miteinander telefoniert“, berichtet Tengel erfreut. „Er spricht noch perfekt Deutsch. Allerdings eher Hochdeutsch, er hat er den Oberpfälzer Dialekt verloren.“

Das Foto zeigt Gerd Tengel um 1960 mit Schultüte vor seinem Elternhaus in der Friedrich-Ebert-Straße 2. Der heutige Pensionär verbrachte dort die Kindheit mit seinem Freund, der später nach Australien auswanderte.

Nach 56 Jahren haben die beiden Jugendfreunde so durch einen glücklichen Zufall wieder zueinander gefunden. Gegenüber Oberpfalz-Medien erinnert sich Tengel an die gemeinsame Jugend. Der pensionierte Polizist wächst nahe des Dultplatzes in der Friedrich-Ebert-Straße auf. Sein fünf Jahre älterer Freund wohnt gleich nebenan, in der St.-Georg-Straße. Doch der enge Kontakt zerbricht, als der Kumpel 1964 aus beruflichen Gründen plötzlich nach Australien auswandert und sich dort niederlässt. Auch Tengel bleibt nicht in der Heimat. „Ich wurde zur Polizeiausbildung nach Eichstätt versetzt und habe mich sich später mit meiner Frau – sie kommt auch aus Rosenberg – in Augsburg niedergelassen.“

Vergebliche Suche

Die gemeinsame Zeit in Sulzbach-Rosenberg aber vergisst Tengel nie: „Meine Klassenkameraden und ich haben damals überall erzählt, dass wir einen Freund haben, der nach Australien gezogen ist. Das war in den 60ern eine große Nummer.“

Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, und Tengel hat zahlreiche Versuche unternommen, seinen Jugendfreund aus der St.-Georg-Straße wieder zu finden – immer vergeblich. Im Internet suchte der Pensionär nach dessen Namen und wurde auf der Homepage eines australischen Tennisvereins fündig: „Ich habe dem Vereinsvorsitzenden geschrieben und um die Kontaktdaten gebeten, aber leider nie eine Antwort bekommen.“

Gäbe es Corona nicht, hätten wir uns vielleicht beide in der Pension Meidenbauer als Gäste getroffen, aber vermutlich gar nicht wiedererkannt.

Gerhard Tengel

Gerhard Tengel

Treffen am Berg nach 56 Jahren

Am Ende ist es die glückliche Vermittlung durch Else Meidenbauer, die beide Freunde nach 56 Jahren wieder zusammenführt. Tengel überlegt: „Gäbe es das Coronavirus nicht, hätten wir uns vielleicht beide in der Pension Meidenbauer als Gäste getroffen, aber vermutlich gar nicht wiedererkannt.“ In diesem Fall hat die Pandemie das jährliche Treffen Tengels mit seinen Bekannten auf dem Annaberg zwar verhindert, dafür aber eine schon verloren geglaubte Freundschaft wiederbelebt. „Das ist wohl das einzig Gute an Corona“, sagt der Wahl-Augsburger. Die Vorfreude auf kommendes Jahr ist bei dem 71-Jährigen natürlich umso größer: „Wir werden uns nächstes Jahr am Bergfest treffen, das klappt auf jeden Fall.“

Das Annabergfest läuft in Coronazeiten anders ab.

Sulzbach-Rosenberg

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