24.10.2021 - 10:09 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Drei Kameradinnen": Shida Bazyar in Sulzbach-Rosenberg über ein Buch voller Wut

Was bedeutet Migrationshintergrund, was ist Alltagsrassismus? Für manche ist es kein Thema, Shida Bazyar beschäftigt es sehr. Die Autorin mit iranischen Wurzeln hat ein Buch geschrieben, das von Wut lebt – und im Capitol darüber diskutiert.

Patrizia Preuss (rechts) spricht mit der Schriftstellerin Shida Bazyar über deren neues Buch "Drei Kameradinnen".
von Helga KammProfil

Eigentlich war das Sulzbach-Rosenberger Capitol viel zu groß für das kleine Häuflein derer, die sich für Shida Bazyars Buch „Drei Kameradinnen“ interessierten. Das Literaturarchiv hatte die erfolgreiche junge Autorin zur Lesung eingeladen, und Patricia Preuß unterhielt sich mit ihr über ihr Leben und ihre Arbeit.

Bazyars Eltern waren politische Aktivisten und sind 1987 aus dem Iran geflohen. Ihre Tochter Shida wurde in Rheinland-Pfalz geboren und hat erst im Kindergarten Deutsch gelernt. Statt Muttersprache verwendet sie lieber den Ausdruck „erste Sprache“, betont aber: „Alles, was mich sozialisiert hat, war deutschsprachig“.

Das Buch lebt von Wut

Während ihr 2016 veröffentlichter Debutroman „Nachts ist es leise in Teheran“ eine Generationengeschichte von Flucht, Verlust der Heimat und Wurzellosigkeit ist, geht es in „Drei Kameradinnen“ um junge Frauen, die jeden Tag in einer deutschen Kleinstadt Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile erleben. „Wir sind nicht anders als ihr. Das denkt ihr nur, weil ihr uns nicht kennt“, lässt die Autorin eine ihrer Protagonistinnen sagen.

Der Vorwurf gilt auch den Medien, vor allem aber „dem geballten Rassismus im Internet“. Das Buch lebt von Wut. Der Wut derer, die ausgegrenzt werden, aber auch der Leser, die Rassismus von sich weisen. Ihre drei Frauen suchten den Zusammenschluss, um sich stärker zu fühlen, „denn nicht nur absichtliche Diskriminierungen sondern auch gedankenlose Äußerungen sind verletzend“.

Kameradschaft und Freundschaft

„Warum Kameradinnen?“, will Patricia Preuß wissen, „warum nicht Freundinnen“? Sie stünden auf der anderen Seite von „Kameradschaft“, dem Begriff, der mehr und mehr von rechten Bewegungen benutzt wird, war die Begründung der Autorin. In den Kapiteln ihres Romans, die Shida Bazyar vorliest, geht es nicht nur um Frauenfreundschaft, es geht vor allem um „Fragen, die uns umtreiben“. Das ist die politische Situation in Deutschland, in der dieser Roman spielt: um Ähnlichkeiten zum NSU, zu einer rechten Partei, „die im Kommen ist“, um Gespräche über die „Ostländer“, Wahlen, die „das rechte Lager stärken“ und den gegenwärtigen rechten Terror.

Das Buch beschreibt eine Brandkatastrophe. Die Erzählerin lenkt den Verdacht auf eine Figur, die dann damit gar nichts zu tun hat. Die Kritik spricht von einem satirischen Roman. „Sie dreht den Spieß einfach um und geht ihre Leser ziemlich hart an, indem sie Zuschreibungen, die sonst Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland treffen, einfach auf ihre Leser, als Angehörige dieser weißen Mittelschicht, anwendet.“

Buch als Gedankenanstoß

Ein unkonventionell geschriebener Roman ist dieses Buch, das Deutschland und Deutsche nicht im besten Licht erscheinen lässt. Zwingt es den Leser, seine Richtung zu ändern? „Literatur kann das zum Glück auf so vielfältige Art und Weise: Durch das, was erzählt wird ebenso wie auf die Art und Weise, wie erzählt wird“, sagt Shida Bazyar im Capitol.

Shida Bazyar im Interview über Angst und Diskriminierung

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Shida Bazyar: Veröffentlichungen

  • "Nachts ist es leise in Teheran": Bazyars Debutroman, 2016 erschienen, in mehrere Sprachen übersetzt und ausgezeichnet mit mehreren Preisen, darunter dem Bloggerpreis für Literatur, dem Ulla-Hahn-Autorenpreis und dem Uwe-Johnson-Förderpreis
  • "Drei Kameradinnen": Steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021

„Wir sind nicht anders als ihr. Das denkt ihr nur, weil ihr uns nicht kennt.“

Autorin Shida Bazyar im Capitol über Migration und Rassismus

 

 

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