09.09.2020 - 18:03 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Diese Klassengrößen sind grob fahrlässig"

Fast 30 Kinder im Klassenzimmer; nur ein Waschbecken; geöffnete Fenster im Herbst und Winter: In der Pestalozzi-Grundschule Sulzbach-Rosenberg hat die Regierung der Oberpfalz die Zahl der 3. Klassen reduziert. Das führt zu Protesten.

Paul und Christine Wolf sowie Sabine Pilhofer (von links) engagieren sich für kleine Klassenstärken und legten ihre Argumente vor.
von Joachim Gebhardt Kontakt Profil

Fast 30 Kinder im Klassenzimmer, nahe beisammen; nur ein Waschbecken; geöffnete Fenster im Herbst und Winter: In der Pestalozzi-Grundschule hat die Regierung der Oberpfalz die Zahl der 3. Klassen reduziert. Das führt jetzt zu Protesten. Sie kamen stellvertretend für viele andere Eltern in die Redaktion, um das Problem zu schildern: Sabine Pilhofer sowie Christine und Paul Wolf haben ihre Kinder in der 3. Jahrgangsstufe und berichteten den Sachverhalt: Nach den Sommerferien wurden auf Entscheidung der Regierung der Oberpfalz die 3. Jahrgänge in der Pestalozzischule von vier auf nur drei Parallelklassen reduziert. "Davon sind auch unsere Kinder betroffen. Daher ist es uns ein persönliches Anliegen, auf diesen Missstand gerade in Zeiten von Covid hinzuweisen."

Fast maximal belegt

Die Zusammenlegung führe zu einer kompletten Neuverteilung und somit zu künftigen Schülerzahlen von 27, 27 und 28 Kindern pro Klasse. Die Entscheidung der Regierung werde mit der Schüleranzahl von 82 begründet und zum anderen mit Lehrermangel. "Die gesetzlich festgelegte Höchstgrenze für einen vierzügigen Jahrgang ist scheinbar geringfügig unterschritten. Die Klassen werden nach der Zusammenlegung also knapp maximal belegt sein", erklärt Sabine Pilhofer.

Die Hauptaufgabe in der Abwendung einer Infektion liege in den bekannten AHA-Regeln: Abstand halten, Hygienemaßnahmen und Alltagsmaske. "Wie soll das in einem maximal besetzten Klassenzimmer möglich sein?" Kinder säßen wieder dicht an dicht an den üblichen Schultischen, Maskenpflicht sei für die Grundschüler aufgehoben, und Händewaschen nach Pausen nur im Klassenzimmer erlaubt, um Ansammlungen in Toilettenräumen zu minimieren. Das führe zu absurden Situationen: "28 Schüler und ein Waschbecken - bei 30 Sekunden reiner Handwaschzeit sind das bei 28 Schülern 14 Minuten ohne Abtrocknen etc. - dann ist die Pause rum", rechnet Paul Wolf vor, und seine Frau Christine moniert: "Das ist auch wertvolle Unterrichtszeit, die bei jedem Handwaschgang verlorengeht - hier scheitert es doch wirklich an der Praxis."

Dann sollten die Fenster möglichst offen bleiben und gut gelüftet werden - im Herbst und Winter. "Da die Kinder wegen der Klassenstärke keinen möglichen Abstand halten können, wissen wir jetzt schon, wer durch ständige Zugluft - vor allem an Fensterplätzen - krank wird. Wir können nicht glauben, dass die verantwortlichen Stellen in dieser Zeit so eine Entscheidung treffen", kritisierte Paul Wolf. Gerade jetzt finden es diese Eltern grob fahrlässig, die Klassengrößen aufs Maximum zu erhöhen.

Schüler profitieren

Wichtig sei, dass qualitativ hochwertiger Präsenzunterricht stattfinden könne. Zudem könnten die Herausforderungen des Schulalltags mit solchen Klassenstärken unter normalen Umständen schon kaum angemessen gemeistert werden. Sehr positiv dagegen, so Sabine Pilhofer, habe sich da die Teilung der Klassen vor den Ferien erwiesen. Die Schüler konnten im Präsenzunterricht viel intensiver gefördert und betreut werden, was sogar in Zeugnissen positiv erwähnt wurde. Vor allem schwächere Schüler profitierten von kleinen Klassenstärken. Deren Vergrößerung stehe dem komplett konträr gegenüber.

"Nicht zu verantworten"

Gemeinsames Abschlussstatement: "Was müssen unsere Kinder noch über sich ergehen lassen? Haben sie in den letzten Monaten nicht schon genug mitgemacht, mit Homeschooling etc.? Müssen sie nun auch noch aus der bestehenden Klassengemeinschaft gerissen und in vollgepackten Zimmern ohne ausreichenden Schutz einem unbekannten Ausmaß an Infektionsgefahr und Folgeschäden für Schüler und Familien ausgesetzt werden? Das ist nicht zu verantworten!"

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Die Forderungen

Die Eltern fordern im Interesse ihrer Kinder und der Gesundheit, die bestehenden Parallelklassen auch im nächsten Schuljahr wie gehabt fortzuführen. Kurzfristig müsse ein Lehrer her, langfristig müsse das Kultusministerium handeln und den Lehrberuf attraktiver gestalten. „Diesen versäumten Lehrermangel nun auf dem Rücken unserer Kinder auszutragen, ist verantwortungslos. Er existiert schon seit vielen Jahren. Die Pandemie wird nun vorgeschoben, um sich der Verantwortung zu entziehen.“ Die einzige Stimme der Kinder seien die Eltern: „Wir müssen uns für ihre Gesundheit und Zukunft einsetzen und laut werden.“ Nur so komme es hoffentlich zu grundsätzlichen Reformen, um den zukünftigen, aber vor allem den von der Pandemie betroffenen Jahrgängen die gleichen Chancen zu bieten. Eltern von anderen Schulen könnten sich melden, um dem Ganzen noch mehr Nachdruck zu verleihen: fuerunsereschulkinder[at]gmail[dot]com.

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