06.05.2021 - 16:34 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Corona-Partys melden: Kein Denunziantentum

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

300 Anzeigen allein wegen Corona-Verstößen im Jahr 2020: Die Pandemie hat auch die Aufgaben der Sulzbach-Rosenberger Polizei verändert. Die illegale Corona-Party des Nachbarn zu melden, sei moralisch vertretbar, sagen die Polizei-Chefs.

Die Polizei ist angehalten, bei der Kontrolle von Corona-Bestimmungen mit Augenmaß zu agieren. Doch der Spielraum bei Verstößen ist klein - ein Jahr nach Pandemiebeginn sollten die Regeln allen Bürgern bekannt sein.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Auch für die 32 Polizisten der Sulzbach-Rosenberger Inspektion ist es eine permanente Gratwanderung zwischen Menschlichkeit und gesetzlichem Auftrag. Zum einen sollen sie im Umgang mit den Bürgern die teils sehr strikten Corona-Vorgaben durchsetzen und zugleich als nahbare Freunde und Helfer Milde zeigen. Wie die Ordnungshüter mit diesem Dilemma umgehen und wie Corona die Arbeit der Polizei verändert hat, erklären der Inspektionsleiter Michael Kernebeck und dessen Stellvertreter Alexander Ehemann im Sicherheitsgespräch im Rathaus mit Bürgermeister Michael Göth und Ordnungsamtsleiterin Rosalia Wendl.

Der Blick in die Einsatzstatistik für das Jahr 2020 zeigt, dass für die Polizei durch die Pandemie zwar manche Aufgaben weniger wurden – wie zum Beispiel die Aufnahme von Unfällen, weil sich der Verkehr reduzierte. Dafür hatten die Sulzbach-Rosenberger Ordnungshüter deutlich mehr damit zu tun, die Einhaltung des bayerischen Infektionsschutzgesetzes durchzusetzen.

250 Anzeigen im Stadtgebiet

Nicht alle Bürger sind freiwillig bereit, sich bei Sozialkontakten oder der Bewegungsfreiheit einschränken zu lassen. 2020 musste die Polizei deshalb im Stadtgebiet 250 Anzeigen wegen Verstößen gegen Corona-Auflagen nachgehen. Wird der gesamte Dienstbereich von Weigendorf im Westen bis Gebenbach im Osten mit einberechnet, sind es rund 300 Anzeigen. „Meistens geht es darum, dass die erlaubte Personenanzahl überschritten wurde oder die Leute sich nicht an die nächtliche Ausgangssperre oder die Maskenpflicht gehalten haben“, sagt Polizeihauptkommissar Alexander Ehemann.

„Blockwart-Mentalität“

Auf viele Verstöße wird die Polizei auch nur deshalb aufmerksam, weil Bürger andere Menschen wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Corona-Verstöße melden. Wenn das unter Nachbarn passiert, ist der Ärger bei den Angezeigten oft groß – böse Worte wie „Blockwart-Mentalität“ oder „Denunziantentum“ fallen dann, manche bringen gar Nazi-Vergleiche. Und dennoch handelt es sich bei illegalen Corona-Treffen oder gar Partys um Gesetzesverstöße, bei denen die Gesundheit nicht nur der Teilnehmer, sondern vieler weiterer durch die Verbreitung des Virus riskiert wird.

Ist eine Anzeige moralisch vertretbar? Dass die Frage heikel ist, weiß auch Michael Kernebeck. „Ich will die Leute nicht dazu aufrufen, den Anruf bei uns zu unterlassen“, sagt der Erste Polizeihauptkommissar. Und weiter: „Man kann es menschlich schon nachvollziehen, wenn jemand durch die Pandemiezustände den Großteil seiner Zeit in einer womöglich kleinen Wohnung verbringen muss und beim Nachbarn geht abends der Punk mit etlichen Gästen ab.“ Ein solches Verhalten würde er niemanden negativ anrechnen, sagt Kernebeck.

Zudem seien der Polizei die Hände gebunden. „Bei einem Anruf überprüfen wir, was uns mitgeteilt wird. Und nicht immer liegen dann Verstöße vor.“ Dass sich durch die Pandemie die Sulzbach-Rosenberger nur noch gegenseitig anschwärzen würden, sei sowieso falsch, sagt Alexander Ehemann. „Ein Denunziantentum kann ich nicht bestätigen. Aber wir haben Verständnis, dass jemand eine illegale Party nicht dulden kann, wenn er sich selbst streng an alles hält.“ Dies seien aber meistens Ausnahmen.

Die Sulzbacher Altstadt-Wirte wollen mehr Platz zum Bewirten

Sulzbach-Rosenberg

„Polizisten sind auch menschlich“

Grundsätzlich würden sich die meisten Bürger vorbildlich verhalten. Einige wenige zeigten sich zwar widerspenstig, aber: „Ich spreche eine großes Lob an die Bevölkerung aus, weil die Bürger trotz der Pandemie ein großes Verständnis für unsere Kontrollen haben.“ Doch wie streng setzen die Polizisten die Corona-Regeln durch? Ein gutes Beispiel ist hier die nächtliche Ausgangssperre. Seit Mittwoch gilt diese im Landkreis zwar nicht mehr – doch monatelang durften die Bürger zwischen 22 Uhr und 5 Uhr nur mit einem triftigen Grund das Haus verlassen.

Auf die Frage, ob die Polizei hier hart durchgreifen würde, sagt Kernebeck: „Die Vorschriftenlage ist eindeutig.“ Zwar habe niemand damit rechnen müssen, eine Minute nach 22 Uhr gleich abgeführt zu werden, aber: „Es gibt keine Karenzzeit. Die Regeln sind inzwischen seit einem Jahr allen hinlänglich bekannt.“ Dennoch gelte für die Sulzbach-Rosenberger Polizisten: „Die Kollegen sind auch menschlich. Wir sehen uns als bürgerfreundliche Polizei und wir agieren mit Augenmaß“, sagt Kernebeck.

So gebe es in der Stadt auch keine gesonderten Corona-Streifen, die nachts nur auf der Lauer liegen oder gezielt in Wohnzimmer-Fenster spähen würden, um die Einhaltung der Kontaktbeschränkung zu kontrollieren. „Wir verfolgen hier kein proaktives Vorgehen, wir dringen nicht in den Privatbereich vor und überwachen, wie viele Haushalte zusammensitzen“, erklärt Polizeihauptkommissar Ehemann. Außer eben, es gibt einen Hinweis.

Corona-Kontrollen

Allerdings würde die Stadt-Polizei dem stellvertretenden Inspektionsleiter zufolge gelegentlich Verstärkung von den Einsatzzügen der Bereitschaftspolizei erhalten. „Die unterstützen die örtlichen Dienststellen. Und diese Streifen sind oftmals schon gezielt nur mit einem Corona-Kontrollauftrag unterwegs.“

Von der Leistung der Sulzbach-Rosenberger Polizisten gerade in Corona-Zeiten zeigte sich auch Bürgermeister Michael Göth beeindruckt. Der Rathauschef dankte Kernebeck und Ehemann stellvertretend für die gesamte Inspektion für die geleistete Arbeit im vergangenen Jahr. „Die Bürger haben ein Bedürfnis nach Sicherheit, und das wird erfüllt. Sie können sich in unserer Stadt wohlfühlen, und das sollten wir den Menschen auch kommunizieren.“

Bei vermuteten Corona-Verstößen der Mitbürger ist Nervenstärke gefragt, findet Tobias Gräf

Sulzbach-Rosenberg

Als Monteure getarnte Kriminelle sind in Sulzbach-Rosenberg für eine Einbruchserie verantwortlich

Sulzbach-Rosenberg
Erster Bürgermeister Michael Göth und Ordnungsamts-Leiterin Rosalia Wendl (von links) ließen sich von EPHK Michael Kernebeck und dessen Stellvertreter PHK Alexander Ehemann über die Polizeiarbeit in Coronazeiten informieren.

„Wir haben Verständnis, dass jemand eine illegale Party nicht dulden kann, wenn er sich selbst streng an alles hält.“

Polizeihauptkommissar Alexander Ehemann über Anzeigen wegen Corona-Verstößen

Polizeihauptkommissar Alexander Ehemann über Anzeigen wegen Corona-Verstößen

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Stephanie Kink

Shzrvh

07.05.2021