26.11.2021 - 11:59 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

Autor Uwe von Seltmann: "Das Judentum hat viele Gesichter"

„1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gebündelt auf 344 Seiten: Uwe von Seltmanns Opus magnum ist kein belehrender Schinken, sondern eine Einladung zum Entdecken. Am 2. Dezember stellt der Autor sein Buch in Sulzbach-Rosenberg vor.

Autor Uwe von Seltmann
von Anke SchäferProfil

Bei diesem Projekt kann man durchaus von einer Herkules-Aufgabe sprechen. Aber vor großen Herausforderungen ist Uwe von Seltmann noch nie zurückgeschreckt. Und auch die Unbillen der Pandemie konnten das Buch zum offiziellen Gedenkjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" nicht ausbremsen. Nur verzögern, wie der Autor im Nachwort bilanziert. Aber auch da hat sich der Erlanger Homunculus-Verlag als optimistischer und geduldiger Partner erwiesen.

Seit einem halben Jahr steht der umfassende wie vielschichtige Streifzug nun aber in den Buchhandlungen und erntet seither beachtliches Lob. Zu Recht, denn es gibt viel zu entdecken. Beispielsweise die Tatsache, dass Deutschland das einzige Land in Europa ist, in dem Jüdinnen und Juden ohne Unterbrechung seit der Antike leben, oder aber die Verbindung zwischen dem David- und dem Zoigl-Stern.

Jüdische Persönlichkeiten

Seine sorgfältig recherchierten Abrisse lockert Uwe von Seltmann unter anderem mit den wechselvollen Lebensgeschichten unterschiedlichster jüdischer Persönlichkeiten auf. Sein Chronisten-Blick bleibt dabei mitnichten nur an bekannten Ikonen ihrer Zeit wie Albert Einstein, Marcel Reich-Ranicki, dem ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner oder der "Stimme für sechs Millionen", Anne Frank, hängen. Er erinnert ebenso an das Gelübde des legendären Filmproduzenten Artur Brauner, an die Entwicklung der jüdischen Verlage Ullstein und Fischer oder die Erfolgsgeschichte der Kinder- und Jugendbuchautorin Mirjam Pressler und lässt den Liedermacher Wolf Biermann, den Rapper Ben Salomo oder den Star-Pianisten Igor Levit zu Wort kommen.

Auf völlig unbelehrende Art stößt das reich bebilderte Werk zudem ein Fenster auf zu den religiösen Hintergründen und Traditionen. Aber auch für die jüdische Gemeinschaft ist die Lektüre lohnenswert, will der Autor doch Antworten auf aktuelle Fragen anbieten wie "Wer sind wir?", "In welcher Gesellschaft wollen wir leben?" oder "Kann es ein ,normales jüdisches Leben' in einem Land geben, das sechs Millionen ermordete Jüdinnen und Juden auf dem Gewissen hat und bis heute nicht frei von Antisemitismus ist?".

Grundsätzlich sei es ihm wichtig gewesen, keine historische Abhandlung zu verfassen, die im Jahr 321 beginnt, 2021 endet und historische Fakten aneinanderreiht, so von Seltmann im Interview mit Verlegerin Laura Jacobi. Das zentrale Thema für ihn sei die Frage gewesen, warum das heutige jüdische Leben in Deutschland so ist, wie es ist. Den persönliche Bezug verdanke er seiner Großfamilie, die ihn einst im westfälischen Dorf in der "Liebe zum Volk Israel" erzogen habe.

Das Cover des Buches "Wir sind da!"

Lied "Wir sind da"

Den Buchtitel entlieh er übrigens einem Liedtext des jiddischen Dichters Leyb Rozenthal, die Inspiration zum Mammutprojekt kam im Sommer 2019 von Dr. Matthias Schreiber, dem Vorsitzenden des Vereins "312-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland". Im Zug der fortschreitenden Recherche habe ihn vor allem die Reichhaltigkeit und Vielfalt der jüdischen Kultur überrascht, resümiert der Autor im Verlagsinterview.

Nun hoffe er, dass das Buch dazu beitragen kann, dass der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft etwas von diesem Reichtum bewusst wird. In diesem Zusammenhang beklagt von Seltmann die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegebenen Vorurteile, die sich hartnäckig halten und sogar noch immer häufig in den - anderen - drei Gs verdichten: Geld, Ghetto und gelber Fleck.

Präsentation in der Synagoge

Das offizielle Gedenkjahr mit seiner Vielzahl an Veranstaltungen neigt sich nun dem Ende zu. Ob sich von Seltmanns damit verbundene Hoffnung, die vielen Gesichter des Judentums der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft bewusst zu machen, erfüllt hat, berichtet er bei der Präsentation von "Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" am Donnerstag, 2. Dezember, um 19 Uhr in der ehemaligen Synagoge in Sulzbach-Rosenberg statt. Veranstalter ist das Literaturhaus Oberpfalz in Kooperation mit der Stadt Sulzbach-Rosenberg. Der Eintritt kostet zehn Euro. Anmeldung per E-Mail an info[at]literaturarchiv[dot]de oder Telefon 0 96 61 / 815 95 90 (es gelten die tagesaktuellen Corona-Regelungen, nach aktuellem Stand 2G-plus). "Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", erzählendes Sachbuch,344 Seiten, Taschenbuch mit zahlreichen farbigen Abbildungen, erschienen im März 2021 im Homunculus Verlag; 35 Euro.

Auf Spurensuche: Jüdisches Leben in der Oberpfalz

Amberg
Info:

Uwe von Seltmann

  • Uwe von Seltmann, geboren 1964 in Müsen, ist freier Publizist und Dokumentarfilmer
  • er lebt abwechselnd in Deutschland, Polen und Kroatien
  • zu seinen vielbeachteten Werken zählen "Schweigen die Täter, reden die Enkel" (2004) und "Es brennt", die erste deutschsprachige Biografie des jiddischen Dichters Mordechai Gebirtig (2018)

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.