26.08.2021 - 15:27 Uhr
Sulzbach-RosenbergOberpfalz

"Ich werde 200!" Drei Hundertjährige aus Sulzbach-Rosenberg und ihre Geschichte

100 Jahre oder älter sind in Deutschland etwa 16.500 Menschen, 80 Prozent davon sind Frauen. Auch in Sulzbach-Rosenberg gibt es inzwischen etliche Menschen, die länger als zehn Jahrzehnte leben. Drei Frauen erzählen aus ihrem langen Leben.

Spaß muss auch im Alter sein: Über einen Orden der Faschingsgesellschaft Knappnesia freuen sich Herta Friebe und Martin Preuß, der Leiter des Procurand-Seniorenzentrums am Erlheimer Weg in Sulzbach-Rosenberg.
von Helga KammProfil

Die Nachmittagssonne scheint durch die Fenster des Procurand-Seniorenzentrums am Erlheimer Weg. Auf einem langen Gang in der ersten Etage ist Herta Friebe mit ihrem Rollator auf dem Weg in ihr Zimmer. Die alte Dame ist hübsch gekleidet, gut frisiert, trägt eine Kette um den Hals. Ihr Alter ist kaum zu glauben: Sie ist 102 Jahre alt. „Am 3. Juni haben wir ihren Geburtstag gefeiert“, erzählt Sonia Haubelt, die die Seniorin in ihrem Zimmer besucht. Die Leiterin der sozialen Beschäftigung und Betreuung arbeitet seit der Eröffnung im Jahr 2006 im Seniorenzentrum am Herzogschloss und ist vertraut mit Herta Friebe, die im Herbst 2009 aufgenommen wurde. „Sie zählt zu denen, die am längsten da sind und sie hat sich gut gehalten“ sagt sie über die 102-Jährige.

Dass die betagte Dame vor der Pandemie noch regelmäßig in die Stadt gegangen ist und auch um den Block ihre täglichen Runden gedreht hat, nötigt auch Heimleiter Martin Preuss große Anerkennung ab. Außerdem bescheinigt er seinem ältesten Gast einen grünen Daumen: Herta habe sich jahrelang mit Geschick und Liebe um die Blumen im Haus gekümmert. Seit einem Sturz verlässt sie sich beim Gehen auf ihren Rollator. Das Hören fällt ihr schwer, das Erzählen aber nicht. „Ich habe immer arbeiten müssen“, schildert sie ihre Jugendjahre in Schlesien, „wir hatten eine Landwirtschaft mit hundert Morgen Land“.

"Ich werde 200!"

Nach dem Krieg kam Herta über Mecklenburg, Sachsen und Thüringen nach Bayreuth, arbeitete in einem Textilbetrieb, war in der Nähe ihrer ältesten Schwester. „Eigentlich ist sie erst mit 90 Jahren eine Sulzbach-Rosenbergerin geworden“, erklärt Sonia Haubelt, „als sie zu uns ins Haus kam“. Herta Friebe war auch in der langen Zeit im Heim noch am Arbeiten. Sie hat kunstvolle bunte Decken gehäkelt und verschenkt. Die hochbetagte Frau überrascht mit Humor, Schlagfertigkeit – und einem wachen Geist. „Dass nur die Zeitung damit nicht zu voll wird“, ist ihr Kommentar, als sie fotografiert wird. Und den Wunsch, sie möge auch den 105. Geburtstag erleben, korrigiert sie prompt: „Ich werde 200!“

Nicht so gut geht es Barbara Utz im Altenheim St. Barbara am Loderhof. „Ich hab heut einen schlechten Tag“, klagt sie, das Konzentrieren und Erinnern fällt ihr schwer. Auch Barbara Utz ist hochbetagt – am 20. Juni wurde sie 100 Jahre alt. Das Caritas-Altenheim ist ihr längst zur Heimat geworden, denn seit April 2005 bewohnt sie dort ihr freundliches und geräumiges Appartement.

Ehemann, Sohn und Geschwister überlebt

Gerahmte Fotos zeigen Stationen ihres Lebens: die Hochzeit mit ihrem Mann Georg Utz Mitte der 1950er Jahre ebenso wie das Hochzeitsbild ihres einzigen Sohnes, der ebenso wie ihr Ehemann früh verstorben ist. Auch eine Aufnahme ihres Enkels ist dabei. Geboren und aufgewachsen ist Barbara Utz in Luitpoldhöhe, ihre zwei Schwestern und ein Bruder sind bereits verstorben. Ihre Angehörigen schildern die Seniorin als sehr gesellige und lebensfrohe Frau, die über Jahrzehnte in der Gastronomie gearbeitet hat. In Rosenberger Wirtshäusern, die es schon lange nicht mehr gibt, war „die Betti“ eine beliebte und tüchtige Kellnerin, beim „Hackl“, in der „Waage“ oder im Café Lechner.

In den vergangenen Jahren im Heim ist ihr Leben ruhig geworden. So manche Beschwerden des Alters, Funktionsverluste und Stimmungstrübungen setzen ihr zu, vor allem, dass sie kaum mehr hören kann. Trotzdem, das versichern die Angehörigen und die Pflegekräfte im Heim, ist sie in ihren „guten Tagen“ zuversichtlich und froh, trotz ihrer hundert Jahre noch auf der Welt zu sein.

Finger malen nicht mehr

Gut drei Wochen jünger als Herta Friebe ist eine weitere hochbetagte Frau in Sulzbach-Rosenberg: Hildegard Christ wurde heuer am 27. Juni 102 Jahre Jahre alt. In ihrem Haus an der Vogelherdstraße trinkt sie beim Besuch von Oberpfalz-Medien gerade Grünen Tee aus einer feinen Porzellantasse, umsorgt von ihrem Mann Josef Christ und ihrer Pflegetochter Irmgard. Hildegard Christ ist Künstlerin, Malerin von feinsinnigen Pflanzenporträts, die sie vor einem Jahr dem Stadtmuseum für eine immer noch laufende Ausstellung zur Verfügung gestellt und geschenkt hat.

1919 geboren, hat sie in ihrem langen Leben Hunderte von Zeichnungen angefertigt, die laut Kritikern „die Harmonie der Schöpfung atmen“. Ihr Lebenswerk, Illustrationen von medizinischen und naturkundlichen Büchern, verhalfen ihr zu einem weiten Bekanntheitsgrad. Noch im Alter zeichnete und malte sie, bis Hände und Finger die feinen Arbeiten nicht mehr ausführen konnten. 1965 kam sie mit ihrem Mann Josef Christ nach Sulzbach-Rosenberg. Beide arbeiteten aktiv im Bund Naturschutz und bewiesen großes soziales Engagement.

Ansprüche werden kleiner

Für Josef Christ, selber schon in hohem Alter, ist es selbstverständlich, seine Frau zu Hause zu betreuen, „so lange es geht“. Auch bei dieser hochbetagten Frau gibt es gute und weniger gute Tage, das Interesse am Tagesgeschehen im Haus und darüber hinaus aber bleibt bestehen. Die Welt ist klein geworden für Hildegard Christ wie auch die anderen sehr alten Frauen, die Oberpfalz-Medien besucht hat. Die Ansprüche ebenso. Und wenn sie auch manchmal sagen, dass sie eigentlich sterben möchten, so entsteht im Gespräch mit ihnen doch der Eindruck, dass sie eigentlich noch ganz gern da sind auf dieser Welt und dass sie dankbar zurückschauen auf ihr langes Leben.

Die Tagespflege in Sulzbach-Rosenberg kommt super an - und entlastet Angehörige massiv

Sulzbach-Rosenberg

Hier der Bericht über Barbara Utz' 100. Geburtstag

Sulzbach-Rosenberg
Info:

Hochbetagte Einwohner in Sulzbach-Rosenberg

  • Ein Hundertjähriger wird selten auch als "Zentenar" bezeichnet - vom englischen "centenarian" stammend.
  • Wie auch anderswo, sind in Sulzbach-Rosenberg weibliche Hochbetagte in der Mehrzahl. Fünf Frauen sind über 100 Jahre alt, Männer dagegen nur zwei. Noch eindeutiger ist das Bild bei den Zahlen der 90- bis 99-Jährigen: 185 Frauen und 75 Männer verzeichnet das Einwohnermeldeamt in dieser Altersgruppe.
  • Statistik: Medizinischer Fortschritt und steigender Wohlstand führen dazu, dass die Menschen in unserer Gesellschaft immer älter werden. Die Zahl der über Einhundertjährigen war 2020 am höchsten, auch ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung steigt. Derzeit liegt er bei 0,25 Prozent, 80 Prozent der Hochbetagten sind Frauen.
  • Bevölkerungspyramiden in Deutschland: Die ältere Bevölkerung wird im Jahr 2034 mehr als doppelt so groß sein wie die junge Bevölkerung. 2100 wird sie 31,3 Prozent der Bevölkerung ausmachen – das Problem der Bevölkerungsalterung ist also sehr ernst.
  • Durchschnittsalter: Wer 2020 geboren wurde, hat als Frau eine statistische Lebenserwartung von 83,6 Jahren. Bei Männern sind es 78,9 Jahre.

 

 

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