22.12.2020 - 10:21 Uhr
Oberpfalz

Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Asyl sucht die Heilige Familie in Ägypten, nachdem sie der Engel vor dem Kindermord gewarnt hat, den Herodes anordnet. Die Kunst beschäftigt sich vielfältig mit diesem Thema. Nach ein paar Jahren können Jesus, Maria und Josef zurückkehren in die Heimat. Seit dem 9. Jahrhundert existiert dafür ein Gedenktag am 7. Januar.

von Rainer ChristophProfil

Sinngemäß kann die Geschichte des Bibeltextes nach Matthäus (2,13-23) wie folgt erzählt werden: Im kleinen Städtchen Bethlehem spürte Josef mitten in der Nacht, wie jemand an seinem Ärmel zog. Dabei flüsterte eine Stimme: "Josef, Josef, wach auf!" Josef rieb sich die Augen und erblickte einen Engel. Dieser sprach unmissverständlich zu ihm: "Josef, du musst sofort Maria wecken. Ihr müsst von hier verschwunden sein, bevor es hell wird. Die Soldaten von König Herodes werden in den Morgenstunden kommen und nach dem Kind suchen, um es zu töten." Josef erschrak. Weiter sprach der Engel: "Nehmt euer Kind und flieht nach Ägypten. Dort bleibt ihr, bis ich euch sagen kann, dass die Gefahr vorbei ist." Dann war der Engel verschwunden.

War es ein Traum? Nein, die Situation war ihm klar. Aufgeregt weckte er Maria, und erzählte ihr hastig von dem Engel. Schnell packten sie ihre Sachen zusammen. Maria wickelte ihr Kind in ein großes Tuch und band sich das Bündel vor den Bauch, um es vor der Kälte zu schützen. Eilig verließen sie den Stall mit dem Esel als Fluchttier. Als die Sonne am Horizont aufging, lag der Ort Bethlehem bereits weit hinter ihnen.

Unter dem Dattelbaum

Im Klosterneuburger Evangelienwerk aus dem 14. Jahrhundert steht die Geschichte, dass die Familie unter einem großen Dattelbaum Rast machte. Da sie Hunger hatten, befahl das Kind dem Dattelbaum, sich zu neigen. Maria und Josef schauten verwundert zu, pflückten von den Ästen die köstlichsten Datteln und stärkten sich.

Am Abend des nächsten Tages hatten sie das Ufer des Nils erreicht. Die Angst, dass die Soldaten des Königs hinter ihnen her waren, war groß.

Sie ahnten nicht, dass es den Befehl Herodes gab, alle Kinder bis zum Alter von zwei Jahren in Bethlehem und der Umgebung zu töten, da er den neuen "König der Juden", fürchtete. In Ägypten wuchs Jesus heran, findet Freunde, obwohl die Kinder dort eine andere Sprache hatten.

Nach vier Jahren wird Josef des nachts wieder von einem Engel geweckt. Dieser berichte ihm: "Ihr könnt wieder zurück, König Herodes ist gestorben, ihr seid nun sicher." Freudig weckte er Maria und erzählte ihr von der guten Nachricht. Am nächsten Tag packten sie ihre Sachen und machten sich auf den Weg zurück. Nach zirka einer Woche erreichten sie Nazareth in Galiläa. Endlich wieder zu Hause!

Der Rückkehr der Heiligen Familie aus Ägypten wird nachweislich spätestens seit dem 9. Jahrhundert am 7. Januar gedacht.

Im Neuen Testament berichtet nur der Evangelist Matthäus über einen Kindermord. Da ist die Rede von Tyrannei des Herodes, von Flucht und Vertreibung. Und das soll zu Weihnachten gehören? In den Weihnachtsgottesdiensten ist wenig von Brutalität zu hören, die Auswüchse der Geschichte treten in den Hintergrund von Engelsgesang und Harmonie.

Kindermord

Viel steckt hinter der Erzählung von Matthäus. Da offenbart sich ein Drama. Im kirchlichen Kalender kommt gleich das Fest der unschuldigen Kinder - für nicht wenige eine Zumutung. Knallhart wird die Geschichte von der Ermordung der Kinder Bethlehems, befohlen durch Herodes, erzählt.

Ägypten ist schon im Alten Testament Zufluchtsort für Menschen aus Judäa. Detailliert beschrieben wird die Route von Abraham. Auch in der Literatur wird die Geschichte der Flucht nach Ägypten aufgegriffen. Wir alle kennen die weltweit bekannten Geschichten vom "Räuber Hotzenplotz" und der "Kleinen Hexe" von Otfried Preußler.

Aus dem Rahmen fällt Preußlers Buch "Die Flucht nach Ägypten" aus dem Jahre 1978. Es richtet sich an erwachsene Leser. Hier öffnet sich eine Weihnachtsgeschichte voller Humor und Sprachwitz, die der Autor dem "geschätzten Leser zu erbaulicher Unterhaltung vorlegt".

Es sind Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im böhmischen Reichenberg (Liberec). Er musste, wie Millionen Sudetendeutscher, nach dem 2. Weltkrieg das Land verlassen. Er stellt klar fest: "Der Weg von Bethlehem nach Ägypten muss in den damals heiligen Zeiten durchs Königreich Böhmen geführt haben." Warum? Ganz einfach: König Herodes bat Kaiser Franz Josef telegrafisch um Amtshilfe. So verfolgte der Gendarmeriepostenkommandant Hawlitschek aus der Gemeinde Hühnerwasser zusammen mit dem Herrn Teufel Pospisil in Gestalt des Fleischerhundes Tyras die Heilige Familie durch das tief verschneite Böhmen.

Auf dem Fluchtweg parodiert Preußler k.-u.-k.-Hofräte und Beamte im typisch böhmischen Volkston. Ein amüsantes, ja barockes Buch und doch nachdenkenswert. Der Oberpfälzer Autor Bernhard Setzwein machte daraus mit dem Duo "De Clarinettes-Basses" ein Hörbuch.

Relief von Veit Stoß

Vielfältig wurde das Thema "Flucht nach Ägypten" auch von berühmten Malern in den christlich orientierten Ländern - von der Gotik bis zum Manierismus - aufgegriffen. Kaum eine große europäische Gemäldeausstellung, in der nicht ein Bild gezeigt wird. Nicht wenige Kirchen präsentieren Bilder über das Geschehen. So der Dreikönigsaltar (um 1460) in der Lorenzkirche in Nürnberg oder das Relief von Veit Stoß im Bamberger Dom.

Rembrandt und Tiepolo

Auch Rembrandt oder Giovanni Battista Tiepolo bearbeiteten das Thema. 1834 entstand das Bild von Ritter Josef von Führich, geboren in Böhmen. Das Bild der Flucht ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen.

Vergessen wir nicht die Landschafts- und Einzelkrippen in unserer Region. Die Flucht aus Ägypten war schon immer ein beliebtes Thema. Zum Plößberger Stil gehört die anschauliche Darstellung vieler biblischer Geschichten. Es gibt kaum eine Krippe, die das Thema auslässt.

Drei Menschen, ein Esel, oft noch ein Engel - schon ist ein "Stückl" geschnitzt. Die Szene ist meist etwas abseits im Wald oder vor einer Schlucht, aber stets unübersehbar aufgestellt. In tschechischen Krippen allerdings scheint die Flucht nach Ägypten nicht vorzukommen. (cr)

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