30.06.2021 - 11:10 Uhr
StörnsteinOberpfalz

Raffinierte Sanierung in Störnstein: Eine Art Riesenkondom kleidet Kanal aus

Der Gemeinderat hat eine Weile um die teure Kanalsanierung gerungen, aber der Bürgermeister sieht sich in seinem Kurs bestätigt, dann zu handeln, wenn noch nicht alles kaputt ist. Die knapp 200.000 Euro hätten 800.000 Euro gespart.

Bürgermeister Markus Ludwig (links) und Ingenieur Jürgen Wolfrum vor dem Dampfgenerator, mit dessen Hilfe der Liner in den alten Rohren aushärtet.
von Gabi EichlProfil

Lieber sanieren, bevor alles kaputt ist. Nach der Devise handelt die Gemeinde Störnstein zurzeit bei der Kanalsanierung. Im Birkenweg und im Lindenweg in der „Steinleite“ dampft es deshalb stellenweise heftig. Ein Geruch nach verbranntem Plastik liegt in der Luft. Vor den Einfamilienhäusern stehen Lastwagen der Firma Aarsleff Rohrsanierung. Die Fachleute des ursprünglich dänischen Unternehmens blasen mit ihren Maschinen so etwas wie riesige Kondome in die brüchig gewordenen Kanalrohre, die dann mit Hilfe heißen Wasserdampfs zu Rohren aushärten. Zu Rohren im Rohr sozusagen. Damit ist der Kanal in diesen Straßenzügen für die nächsten Jahrzehnte saniert, ohne die Straße zu öffnen.

Schlauchlining mit Warmhärtung nennt der Fachmann diese Art der Rohrsanierung. Nichts Neues, auch wenn der unbedarfte Laie über die Details staunen mag. Die Technik existiert schon seit Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Aarsleff saniert eigenen Angaben zufolge jährlich über 180 Kilometer Kanal mit Synthesefaserlinern unterschiedlicher Dimensionen und Querschnittsformen.

Die Kanalsanierung in den beiden Straßen und die noch geplanten Maßnahmen in weiteren Straßenzügen haben dazu geführt, dass die Kanalbenutzungsgebühren deutlich von 2,26 pro Kubikmeter auf 3,39 Euro gestiegen sind. Eine Komplettsanierung der etwa 550 Meter hätte laut Bürgermeister Markus Ludwig jedoch etwa eine Million Euro gekostet. Die dann notwendige Erhöhung der Kanalgebühren kann man sich ausrechnen.

Der Tiefbau-Ingenieur Jürgen Wolfrum vom gleichnamigen Planungsbüro aus dem Raum Nürnberg erläutert Details der Lining-Technik. Die Bautrupp-Lkws werden seinen Worten zufolge noch längere Zeit im Birkenweg und Lindenweg zu sehen sein, denn so sehr die Methode die Straßen schont, so aufwendig ist sie im zeitlichen Ablauf. Die Liner, also die neuen Rohre in den alten brüchigen, müssen in den kommenden drei Wochen aushärten, dann sind die Fachleute erneut vor Ort und kümmern sich mit Robotern um die Hausanschlüsse. Denn diese werden von Robotern exakt gefräst, Voraussetzung ist eine vorhergehende millimetergenaue Vermessung.

Die Liner-Technik hat nicht nur den Vorteil einer „Riesenersparnis“ (Wolfrum), sie hat auch einen Vorteil, den die Anlieger schon bemerkt haben: Diese sollten lediglich wenige Tage nicht baden oder waschen, alle anderen Kanalangelegenheiten waren von der Sanierung unberührt. Kein Vergleich zu einer offenen Bauweise, wie Wolfrum sagt; der verständliche Ärger, den man bei einem Aufmachen der Straße mit den Anwohnern habe, stehe in keinem Vergleich. Wolfrum verhehlt aber nicht, dass das Lining-Verfahren nicht für jede Kanalsanierung das Mittel der Wahl ist. Es eigne sich vor allem dann, wenn über eine bestimmte Länge Undichtigkeiten und Verschleißerscheinungen aufträten.

Aber all das ist laut Wolfrum nur dann möglich, wenn man rechtzeitig saniert. Nämlich dann, wenn die alten Kanäle noch nicht gebrochen sind. Und das macht die Sache für einen Gemeinderat oder einen Bürgermeister schwierig. Denn dieser muss sich zu einer Sanierung entschließen zu einem Zeitpunkt, zu dem die Uhr noch nicht auf Fünf nach Zwölf steht. Muss die Gebührenerhöhung erklären zu einem Zeitpunkt, zu dem noch nicht massenhaft Rohrbrüche selbsterklärend sind.

Ein Naturdenkmal, das keiner will?

Störnstein
Souvenir für den Bürgermeister: Markus Ludwig mit einem Stück eines schon fertigen Liners.
So sieht es im Inneren eines der Aarsleff-Lastwagen aus: Mit viel Technik überwachen die Fachmänner hier jeden ihrer Schritte im Untergrund.
Hintergrund:

Liner-Technik im Kanalbau - was ist das?

  • In die brüchigen, in die Jahre gekommenen alten Rohre werden formbare Schläuche eingeblasen, die dann mittels verschiedener Techniken zu haltbaren Rohren aushärten
  • Die auf diese Weise vor Ort geschaffenen Rohre halten nach Herstellerangaben mindestens 50 Jahre
  • Der Vorteil: Die Straßen müssen bei dieser Art der Kanalsanierung nicht geöffnet werden
  • Der Nachteil: Die Methode funktioniert nur dann, wenn die alten Rohrleitungen noch nicht zusammengebrochen sind

 

 

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