Die Natur mit anderen Augen sehen: Waldkindergarten "Haselstrolche" begeistert Kinder, Eltern und Erzieher

Egal, ob Sommer oder Winter: In der Kita "Haselstrolche" bei Sulzbach-Rosenberg verbringen die Buben und Mädchen fast jeden Tag in der Natur. Im Waldkindergarten lernen die Kinder Nachhaltigkeit, das Kochen, Gärtnern und Handwerken.

Ein Waldkindergarten braucht auch eine Werkstatt: Sägen, Hämmer und Feilen fordern die kleinen Heimwerker heraus.
von Helga KammProfil

2014 hat Manuela Pickel den Waldkindergarten in Stifterslohe bei Sulzbach-Rosenberg aufgebaut. „Mit fünf Kindern haben wir angefangen“, erinnert sich die staatlich anerkannte Erzieherin und ausgebildete Waldpädagogin. „Heute sind es 34.“ Wir, das sind sie und ihr Vater Wolfgang Reiff. Zusammen haben sie die Naturraum Schusterhof gGmbH (Gemeinnützige GmbH) gegründet. Mittlerweile gehören sechs weitere Erzieherinnen und Erzieher mit Schwerpunkt Wald- und Umweltpädagogik zum Team, die ein gemeinsames Ziel haben: Den Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur nahezubringen und die kindliche Entwicklung optimal zu fördern.

Zwei bis sechs Jahre alt sind die Haselstrolche, die aus Stifterslohe und den Nachbargemeinden kommen. Sie werden altersmäßig in Kleingruppen eingeteilt und machen sich mit ihren Betreuerinnen und Betreuern auf den Weg in den Wald. „Das kann schon mal länger dauern“, schildert Manuela, „bis wir den Märchengraben hinter uns lassen und unseren Platz an der Stauberberg-Hütte erreichen“. Zuvor werden am Morgenkreis-Platz beim bunten Bauwagen die kleinen Rucksäcke geöffnet und das von daheim mitgebracht Frühstück ausgepackt: Brote, Obst, Nüsse. „Damit wir keinen Müll machen“, erklärt eines der Mädchen den bereits „nackten“ Müsliriegel. Und ihre Betreuerin ergänzt: „Wir achten natürlich darauf, schon den Kindern Umweltschutz und Müllvermeidung beizubringen.“

Kinder beim Honigschleudern

Diese Zielrichtung wurde auch schon vom Bayerischen Naturschutz-Verband honoriert. Die „Haselstrolche“ sind zusammen mit anderen Oberpfälzer Einrichtungen 2020 mit dem Titel „ÖkoKids – KindertageseinRICHTUNG NACHHALTIGKEIT“ ausgezeichnet worden. „Sie tragen entscheidend dazu bei, einer neuen Generation den achtsamen und nachhaltigen Umgang mit unserer Erde zu vermitteln“, lautete die Würdigung der verschiedenen Projekte des Waldkindergartens.

Eines dieser erwähnten Projekte ist die Begegnung der Kinder mit der Welt der Bienen. Oben bei der Stauberberg-Hütte hat Sebastian Brzoza, ein Haselstrolch-Vater und Hobby-Imker, seine Bienenstöcke aufgestellt, in denen fleißig Honig produziert wird. Ein besonderes Ereignis im Kindergarten-Jahr ist das Honigschleudern, das in zwei Schichten im Flur des Schusterhofes stattfindet. Brzoza kann gut erklären, die Buben und Mädchen verfolgen gespannt, wie die Honigwaben geöffnet werden und goldgelber Honig aus der Schleuder fließt. Ein Stück Wabe kauen und anschließend ein Butterbrot mit frischem Honig genießen, das ist ein Erlebnis für Franz, Leni oder Anni – es lässt sie die Bienen mit anderen Augen sehen.

Matschplatz am Bauwagen

Währenddessen ist die andere Kindergruppe durch den Wald zur Stauberberg-Hütte hinauf gewandert. Ein warmer Juli-Tag, an dem das Sonnenlicht mit den Zweigen der Bäume spielt, ist Anlass für eine kurze Rast auf weichem Waldboden. An weniger schönen Tagen dagegen ist der Matschplatz am Bauwagen gefragt. "Kinder mögen, wenn es regnet", weiß Manuela, „mit der entsprechenden Kleidung und Gummistiefeln ist das auch kein Problem“.

Die geräumige Holz-Hütte ist wie der Bauwagen ein Schutzraum für alle Fälle. Ein Ofen zum Aufwärmen, Spiele, Bastelsachen, eine Kuschelecke und auch ein Wickeltisch gehören zur Einrichtung. Natürlich auch Erste-Hilfe-Sets, Waldhandys und andere „Nothelfer“. Die große Waldlichtung, auf der einst die Rinder des Schusterhofes weideten, ist für die Kinder ein ideales Gelände, um die Tier- und Pflanzenwelt zu erleben. In einem Hochbeet wachsen Zucchini und Kräuter, Obstbäume tragen Früchte, es gibt einen Brunnen und das obligatorische Häuschen.

Kartoffeln ernten und kochen

„Auch Kartoffeln bauen wir an“, erklärt Manuela, „wir werden sie ernten und gemeinsam kochen“. Felix hat eine kleine braune Kröte gefunden und trägt sie vorsichtig auf der Hand, seine drei Freunde betätigen sich mit Sägen und Feilen als Heimwerker in der überdachten „Werkstatt“. „Man muss ihnen auch mal was zutrauen“, verteidigt Wolfgang Reiff den Umgang mit den kindgerechten Werkzeugen. Auch im Hinblick auf das Wetter, sagt er. „Nur bei Gewitter, Sturm und Schneebruch, bleiben wir daheim, sonst sind wir jeden Tag im Wald.“

Der Aufenthalt dort endet am Mittag, dann geht es zurück in den Schusterhof. Wer möchte, kann dort Mittagessen bekommen und bis halb vier bleiben. Zum Essen und Spielen wird es in Kürze einen wesentlich größeren Bereich in dem neuen Schutzraum geben, der gerade in Holzbauweise im Hof des Anwesens errichtet wird. Wolfang Reiff und seine Tochter machen mit Unterstützung der Familie vieles in Eigenregie. Auch wenn die Stadt Sulzbach-Rosenberg finanzielle und ideelle Unterstützung leistet, muss der Waldkindergarten schauen, wie er über die Runden kommt, zumal die Beiträge nicht höher angesetzt sind als in anderen Kitas. Ein Plus ist die Mitarbeit vieler Eltern, die den „Kindergarten ohne Dach und Wände“ unterstützen.

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Hintergrund:

Was ist ein Waldkindergarten?

  • Der Kita-Alltag findet vormittags das ganze Jahr über unter dem Blätterdach des Waldes statt.
  • Nur bei Gewitter, Sturm und Schneebruch bleiben die Kinder daheim. Es gibt eine Holzhütte und einen Bauwagen als Schutzraum und zum Aufwärmen
  • Das Wald- und Wiesengebiet wird schon bald für die Kinder zu einer vertrauten Umgebung. Sie erleben die Natur im Wechsel der Jahreszeiten.
  • Sie können ihren Bewegungsdrang ungehindert ausleben, genießen die frische Luft und das Spiel im Freien.
  • Wie in jedem anderen Kindergarten spielen, basteln, singen und lernen dort die Kinder – aber fast immer unter freiem Himmel.
  • Wissenschaftliche Studien belegen die Vorteile und Chancen der Waldkindergarten-Pädagogik: Die Kinder dort haben eine bessere Entwicklung der kindlichen Motorik, der Wahrnehmung und Koordination. Sie sollen auf schulische Anforderung nicht weniger gut vorbereitet sein als Kinder in einem Regelkindergarten. Auch das Immunsystem ist stärker: Kinder im Waldkindergarten sind gesundheitlich stabiler, haben weniger Unfälle und fallen sicherer.

 

 

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