20.06.2021 - 19:09 Uhr
Steinberg am SeeOberpfalz

Braunkohlemuseum fördert Geschichte zutage

In Steinberg am See (Kreis Schwandorf) gibt es eine Museumsperle: das einzige Braunkohlemuseum in Süddeutschland. Es erzählt Geschichte(n) aus einer Oberpfalz, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Der Blickfang im sakralen Raum: Museumsleiter Christan Scharf ist stolz darauf, den restaurierten Altar der Dorfkapelle im Ortsteil „Oder“ mit dem Bild des „Bauernheiligen“ Wendelin für das Museum „gerettet“ zu haben.
von Rudolf Hirsch (RHI)Profil

Das einzige Braunkohlemuseum Süddeutschlands erinnert heute in Steinberg am See an die schmutzig-arbeitsreiche Vergangenheit des heutigen Freizeit und Erholungsorts. Träger des Museums ist der „Heimatkundliche Arbeitskreis“ des 2000-Seelen-Ortes im Oberpfälzer Seenland. Bei einem Rundgang lässt Leiter Christian Scharf die Ausstellungsstücke erzählen.

Die Corona-Pause hat der Verein zur Umgestaltung der Ausstellung genutzt. „Wir wollen den Bestand multimedial präsentieren“, sagt Scharf. 75000 Euro investiert der Arbeitskreis in eine digitale Medienstation, neue Vitrinen mit LED-Leuchten und in die Umgestaltung des Sakralraums. Das Museum an die heutige Zeit anzupassen und gleichzeitig die Verweildauer der Besucher zu erhöhen, ist auch der Wunsch von Dr. Wolfgang Neiser. Der Mitarbeiter am „Historischen Museum Regensburg“ begleitet die Umgestaltung wissenschaftlich.

Die Exponate erinnern an die „Bayerische Braunkohlenindustrie“ (BBI), die 76 Jahre lang das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben des Ortes geprägt hat. Bis zu 1700 Menschen waren in der Blütezeit bei der BBI beschäftigt. 1982 waren die Vorräte erschöpft und 180 Millionen Tonnen Kohle abgebaut. Die ausgekohlten Tagebaugruben füllten sich mit Wasser. Es entstanden sechs Seen mit 650 Hektar Fläche und 30 Kilometern Uferzonen. Aus der Industriegemeinde Steinberg ist die Tourismusgemeinde Steinberg am See geworden.

Mit dem Museum will der 100 Mitglieder starke „Heimatliche Arbeitskreis“ die Erinnerung wachhalten. Vorsitzender des Vereins ist der stellvertretende Schwandorfer Landrat und Steinberger Altbürgermeister Jakob Scharf. Er blickt nicht nur dankbar auf die Zeit der „Bayerischen Braunkohlenindustrie“. Zur Erinnerung hat er am Eingang zum Museum die Büste eines Bergmanns in Festtracht aufstellen lassen. Sie ist den verstorbenen BBI-Beschäftigten, den verunglückten Bergarbeitern und den Gefallenen der Weltkriege gewidmet.

Die Karte zu den Museen

Das Braunkohle- und Heimatmuseum ist im historischen Pfarrhof untergebracht. Bildtafeln, Baggermodelle, Mineralien, Fossilien, Grubenlampen und Werkzeuge erinnern an die Arbeitsabläufe in den Kohlegruben und an den Förderbändern. Museumsleiter Christian Scharf möchte aber auch ein Stück Heimatgeschichte bewahren und an die Volksfrömmigkeit und das Leben in der Gemeinde erinnern. Der Lehrer an den „Privaten Döpfer-Schulen“ in Schwandorf will neben den Touristen vor allem Familien mit Kindern ins Museum locken. In einer Lego-Ecke können sie gemeinsam einen Schaufelradbagger nachbauen.

Scharf hat auch seine Tochter Lea-Sophie für die Mitarbeit gewinnen können. Die 14-Jährige lässt Zeitzeugen zu Wort kommen und stellt einen Bezug zu den Museumsstücken her. Vor Corona traf sich der „Museumsstammtisch“ regelmäßig vor Ort, um die Geselligkeit zu pflegen und neue Leihgaben von privaten Haushalten in den Bestand zu integrieren. Diese Tradition will Christian Scharf beibehalten und nach Möglichkeit ausbauen. Platz dafür bietet der angrenzende Garten, der sich bestens für gesellige Veranstaltungen eignet. Frühschoppen und Museumstage sollen noch mehr Menschen ansprechen. Auch die regelmäßigen Flohmärkte sind ein Geheimtipp. Dabei gibt es auch Gegenstände zu kaufen, die im Museum keinen Platz mehr finden.

Der sakrale Raum ist voll mit Kreuzen, Rosenkränzen, Weihwasserkesseln und Heiligenfiguren. Stolz ist Christian Scharf besonders auf den restaurierten Altar der Dorfkapelle im Ortsteil „Oder“ mit dem Bild des „Bauernheiligen“ Wendelin. Auch das Modell der alten Steinberger Kirche fällt ins Auge. Sterbebilder und Fahnen des Kriegervereins erinnern an die Gefallenen des Ortes.

Ein Museumslehrpfad verbindet das „Braunkohlemuseum Steinberg“ mit dem „Heimat- und Industriemuseum Wackersdorf“. Am Rande des 4,8 Kilometer langen Wanderweges durch das rekultivierte Bergbaugelände liegt auch das „Geotop 99“, das das frühere Abbaugebiet „Westfeld“ abbildet. Ein Kohleflöz erinnert an die gemeinsame Vergangenheit der Nachbarorte Wackersdorf und Steinberg am See. Das „Geotop 99“ gilt als bedeutendes Dokument der Bergbaugeschichte und Geologie in der Region.

Die Braunkohle entstand im „Tertiär“ vor 20 Millionen Jahren. Am 5. Februar 1906 schlug die Geburtsstunde der „Bayerischen Braunkohlen-Industrie“. Da waren bereits 100 Jahre vergangen, seit der Schneidermeister Andreas Schuster beim Graben eines Brunnens „schwarze Erde“ gefunden hatte. Bei den Berggeistwanderungen durch den „Tertiärwald“ erzählen die Begleiter Geschichten von guten und bösen Geistern, die damals die Glaubenswelt beherrschten. Besonders empfänglich dafür waren die in der Finsternis der Schächte arbeitenden Bergleute. Der „Berggeist“ war überall, er strafte und belohnte.

Zurück zum Museum: Christian Scharf begrüßt die Besucher im Vorführraum, der momentan neu gestaltet wird. „Er soll die Visitenkarte des Hauses werden“, so der Wunsch des Museumsleiters. Dort kann sich der Gast einen Überblick verschaffen über die Themen der Dauerausstellung. Hier befindet sich auch der Monitor für digitale Interaktionen. Auf einem Touchdisplay kann der Nutzer Bilder, Texte und Graphiken laden und sich über die Geschichte des Bergbaus informieren. Mit der Neugestaltung will der Trägerverein auch wieder die einheimische Bevölkerung anlocken, die schon längere Zeit nicht mehr da war. „Wir wollen zeigen, dass es in unserer Tourismusgemeinde neben der Kugel auch noch andere Ausflugsziele und Sehenswürdigkeit gibt“, erklärt der Museumsleiter. Er denkt dabei auch an die vielen Radfahrer, die durch das Oberpfälzer Seenland radeln und den Ausflug mit einem Museumsbesuch verbinden sollen.

Service :

Das Braunkohlemuseum in Steinberg am See

  • Der Museumsstandort liegt im „Oberpfälzer Seenland“ im Landkreis Schwandorf. Plantschen, Segeln, Windsurfen, Wasserskifahren und am Abend die Stimmung am See genießen: Die Seenlandschaft zieht Wassersportler, Camper, Badegäste und Radtouristen aus nah und fern an. In unmittelbarer Nähe befindet sich auch Deutschlands größte Kartbahn, das Pro-Kart-Raceland, mit einer 1275 Meter langen Outdoor- und einer 610 Meter langen Indoor-Bahn.
  • Das Museum ist bis Ende Oktober immer am Sonntag von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Auf der Homepage befinden sich die Kontaktdaten. Der Eintritt ist frei. Unmittelbar neben dem Museum stehen ausreichend Parkplätze zur Verfügung. Der Zugang ist barrierefrei. Die Führungen übernimmt der Vorsitzende des „Heimatkundlichen Vereins“, Jakob Scharf. Er ist unter Telefon 09431/5819 oder www.hak-steinberg-am-see.de zu erreichen.
  • Das „Braunkohle- und Heimatmuseum“ befindet sich in der Pfarrer-Gschwendtner-Straße 5 in 92449 Steinberg am See. Das Haus wurde 1750 von Christoph Freiherr von Reisach erbaut und diente den Geistlichen der Pfarrei und den Lehrern der Gemeinde als Wohnung. 1852 erfolgte ein Anbau für die Schule. Später eröffnete dort die Post eine Filiale. Heute ist in diesem Anbau der Sakralraum des Museums untergebracht, das im Jahre 1994 eröffnet wurde.

Braunkohlemuseum fehlen die Besucher

Steinberg am See

 

 

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