02.05.2021 - 11:46 Uhr
Siegritz bei ErbendorfOberpfalz

Wie der bayerische Zwetschgen-Streuselkuchen aus Siegritz nach Usbekistan kam

Aus der Not eine Tugend machen: Dieses Motto steht für Uschi Stocker. Alle vier Jahre ist die Siegritzerin bereit, mit ihrem Mann umzuziehen. Und hat für sich einen schmackhaften Weg entdeckt, mit Land und Leuten in Kontakt zu kommen.

Uschi Stocker sagt über ihre Back-Erfahrungen im Ausland: "Ich merkte, dass die deutschen Kuchen im Ausland sehr gut ankamen: egal ob Zwetschgenkuchen, Apfelstrudel, Weihnachtsplätzchen, Schwarzwälder Kirschtorte oder Käsekuchen."
von Christa VoglProfil

Ursula Stocker ist eine waschechte Oberpfälzerin. Sie ist in Siegritz, einem kleinen Dorf im Naturpark Steinwald, aufgewachsen und dort hat sie auch vor gut 20 Jahren mit ihrem Mann ein Haus gebaut. An sich nichts Außergewöhnliches. Und doch etwas ganz Besonderes, denn Familie Stocker – Vater, Mutter und zwei Kinder – bewohnt das Haus nur, wenn sie ihren Urlaub in Deutschland verbringt.

Der Grund dafür: Ursula Stockers Mann arbeitet im Außenministerium, er ist Ministerialbeamter im Auswärtigen Dienst. Und wie das Wort „Auswärtig“ bereits vermuten lässt, ist damit der regelmäßige Einsatz im Ausland verbunden. Zum Beispiel an einer Botschaft oder einem Konsulat. „Alle vier Jahre heißt es da umziehen“, erzählt die 50-Jährige. Und dass auf diese Weise im Laufe eines Berufslebens „ganz schön viele Stationen zusammenkommen“, versteht sich von selbst. Bei den Stockers waren es bisher fünf verschiedene Einsätze: Taschkent in Usbekistan, Melbourne in Australien, Skopje in Mazedonien, Helsinki in Finnland und zuletzt Washington, D.C. in den USA.

Nach einem Jahr Koffer packen

Die verschiedenen Wechsel kamen jedoch nicht überraschend. Denn für Beamte im Auswärtigen Dienst ist die zeitliche Befristung des jeweiligen Einsatzes ein Stück Normalität. „Es ist nicht gewünscht, dass man sich zu sehr verwurzelt. Niemand soll sich an der Botschaft festsetzen, es wird rotiert.“ Daher stehe bereits nach drei Jahren an einem Ort die Vorentscheidung darüber an, wo es als nächstes hingehen soll. Hawaii? Malediven? Paris? „Nein“, lacht Uschi Stocker, „die Mitarbeiter erhalten eine Liste mit freien Einsatzorten und müssen daraus eine Vorauswahl treffen.“ Welcher Einsatzort ihnen dann aber letztendlich zugewiesen wird, liege im Ermessensspielraum des Außenministeriums. Sicher ist nur, dass binnen eines Jahres wieder die Koffer gepackt werden müssen.

Ganz leicht sei so ein Umzug aber nicht, weiß die Mutter von zwei erwachsenen Kindern aus jahrzehntelanger Erfahrung. „Für meinen Mann ist es einfacher als für mich und die Kinder“, sagt sie. Denn ein fester Arbeitsplatz bedeute gleichzeitig auch feste Strukturen: Ein Schreibtisch, Kollegen, ein konkretes Aufgabenfeld. Für die Kinder dagegen seien die regelmäßigen Umzüge immer wieder eine große Herausforderung gewesen: neue Freunde, neue Vereine, neue Sprache, neue Schule.

Ganz ohne Schwierigkeiten sei es nicht abgegangen, aber wie die Weitgereiste sagt: „Die beiden haben es ganz gut hinbekommen.“ Und sie selbst? Sie lacht und erzählt von der Bezeichnung „mitausreisender Partner“. Denn so lautet die offizielle Bezeichnung für die Lebensgefährten der Beamten. „Für den ,mitausreisenden Partner' ist am neuen Standort kein Arbeitsplatz vorgesehen. Also muss man sich alle vier Jahre wieder neu erfinden. Man beginnt die Sprache zu lernen, orientiert sich und versucht, eine Nische zu finden.“

Im Normalfall seien an der Botschaft oder am Konsulat aber bereits „Strukturen“ vorhanden. Es herrsche ein ständiges Kommen und Gehen. „Alle müssen immer wieder von Neuem beginnen, alle befinden sich in der gleichen Situation“, erklärt die gelernte Verwaltungsfachangestellte.

Treffen zum Kennenlernen

Daher gebe es im Umfeld der Auslandsvertretungen immer auch Anlaufstellen oder Vereine – zum Beispiel den International Women's Club -, die es den Neuankömmlingen erleichtern, Kontakte zu knüpfen und Teil der Gemeinschaft zu werden. Dort erhalten sie aber auch Informationen über Land und Leute, über Einkaufsmöglichkeiten oder über Sprachkurse.

Diese Vereine oder Clubs bieten regelmäßige Treffen an, um sich kennenzulernen. Meistens sind es Frauen, die sich dort treffen, um sich auszutauschen. Der Mann arbeitet in der Botschaft, geht in die Arbeit, die Kinder sind in der neuen Schule. Und die Frau? Was macht sie? „Ich backe“, sagt die temperamentvolle Oberpfälzerin und lacht dabei. „Ja, das klingt jetzt ein bisschen klischeehaft, aber es ist so.“

"Mensch Uschi, kann ich das Rezept haben?"

Frage von Bekannten und Freunden an Uschi Stocker

Und dann erzählt sie, wie alles begonnen hat: Dass sie anfangs – die erste Station war Usbekistan - mit anderen Frauen Kuchen gebacken habe, um einander besser kennenzulernen, um miteinander zu lachen, ja auch um zusammenzusitzen und eine Tasse Kaffee zu trinken. Dass sie mit der Zeit merkte, wie viel Spaß ihr das Backen, das Ausprobieren, das Dekorieren machte - und vor allem, dass die deutschen Kuchen im Ausland sehr gut ankamen: egal ob Donauwelle, Zwetschgenkuchen, Krapfen, Apfelstrudel, Weihnachtsplätzchen, Mohnkuchen, Schwarzwälder Kirschtorte oder Käsekuchen.

Immer öfter lautete daher die Frage von Bekannten und Freunden: "My dear Uschi, would you mind sharing your recipe with me?“ oder auch ganz einfach: "Mensch Uschi, kann ich das Rezept haben?" Dass sich daraus fast wie von selbst Tätigkeiten ergaben wie Backkurse, Kuchenbacken auf Bestellung oder Catering für ganze Kuchenbuffets. „Ich habe einfach gemerkt, dass die Menschen an selbst gebackenen Kuchen Interesse haben. Die waren mit meinen Kuchen und den Backkursen einfach happy.“

Backkurse in Siegritz

Grund genug für die Hobbybäckerin, den Schwung zu nutzen und während ihres Aufenthalts in Siegritz aus dem Hobby ein bisschen mehr zu machen: Nämlich Backkurse anzubieten, ihre eigene Internetseite zu gestalten und Kuchen und Torten auf Bestellung zu backen.

Aber rentiert sich denn der Aufwand? Immerhin ist der Heimaturlaub bereits in einem halben Jahr wieder zu Ende. Darauf hat Uschi Stocker eine erfrischend klare Antwort: „Ich bin ja erst 50 Jahre alt. Mir macht das Backen einfach Spaß, ich habe letztes Jahr die notwendigen Prüfungen an der Handwerkskammer abgelegt, ich habe mir eine Küche eingerichtet, in der ich später auch Kurse abhalten kann. Man lebt nur einmal und man lebt nur jetzt, deswegen habe ich einfach schon mal angefangen.“

Über Manuel Neugirg, der Reuther Dorfbeck

Reuth bei Erbendorf

Zwar ist fest eingeplant, nach weiteren zwei Stationen im Ausland, wieder endgültig in die Oberpfalz zurückzukehren. Aber das ist Zukunftsmusik. Keine Zukunftsmusik ist dagegen die nächste Etappe. Bereits Ende dieses Jahres ist nämlich wieder „großes Kofferpacken“ angesagt: Das nächste Zuhause für vier Jahre liegt irgendwo in Vancouver, Kanada. Noch ist nicht bis ins letzte Detail klar, was in den verschiedenen Reisekoffern Platz finden wird. Ganz bestimmt im Gepäck mit dabei sind aber die Rezepte für Bienenstich, bayerischen Zwetschgen-Streuselkuchen, Schwarzwälder Kirschtorte, Krapfen, Mohnkuchen und Co.

Hier geht's zur Homepage von Uschi Siegritz

"Ich merkte, dass die deutschen Kuchen im Ausland sehr gut ankamen: egal ob Zwetschgenkuchen, Apfelstrudel, Weihnachtsplätzchen, Schwarzwälder Kirschtorte oder Käsekuchen."

Uschi Stocker

Info:

Hintergrund

Zur Person Ursula Stocker

  • Die gebürtige Siegritzerin ist 50 Jahre alt.
  • Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
  • Mit ihrer Familie war sie bereits in Usbekistan, Australien, Mazedonien, Finnland und Amerika.
  • Vergangenes Jahr hat sie entsprechende Prüfungen bei der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz abgelegt.
  • Im November 2020 hat sie "Uschis Backstube" in Siegritz gegründet.

 

 

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