29.06.2021 - 15:20 Uhr
SchwarzenfeldOberpfalz

Nonstop quer über die Oberpfalz und zurück: 21-jähriger aus Schwarzenfeld schafft das mit Gleitschirm

Die Luft ist sein Element, in Höhen über 2000 Meter versteht Johannes Schatz aus Schwarzenfeld seinen Gleitschirm so perfekt zu steuern, dass selbst Profis die Spucke wegbleibt. Jetzt ist ihm ein besonderer Coup gelungen.

Johannes Schatz aus Schwarzenfeld kennt die Thermik wie kaum ein anderer. Nur so ist ihm ein Flug im Dreieck-Kurs von Dürnsricht nach Sulzbach-Rosenberg, über Tschechien nach Nittenau und zurück gelungen.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Der 3. Juni 2021 wird Johannes Schatz noch länger im Gedächtnis bleiben. Und nicht nur ihm. Auch die Kollegen vom Fensterbachtaler Deltaclub, einem Verein von Drachen- und Gleitschirmfliegern, staunen über das jüngste Kunststück des 21-Jährigen aus Schwarzenfeld. Von Dürnsricht aus schafft es der Industriemechaniker, mit seinem Gleitschirm eine Route zu fliegen, die so kaum planbar erscheint. Nicht nur weil er sich sechseinhalb Stunden in der Luft hält und dort 172 Kilometer zurücklegt, sondern weil er nach einem perfekten Dreieck am Himmel ohne Motorkraft auch wieder punktgenau zwei Meter neben seinem Auto am Parkplatz in Dürnsricht landet.

Die Erlaubnis, überhaupt wieder per Seilwinde in die Luft zu gehen, war nach der Corona-Zwangspause gerade mal zwei Tage alt. Der Himmel war strahlend blau, eigentlich nicht optimal für die Thermik, als Johannes Schatz kurz nach Mittag an den Start ging. "Aber der Tag hat sich gut entwickelt", sagt er und grinst dabei. "Es gab wenig Wind, das war vor allem für den Rückflug gut." Eigentlich lieben Gleitschirmflieger ein paar Wolken, sind die doch quasi Wegweiser zu den Luftmassen, die Thermik erwarten lassen. Und gerade die braucht der Gleitschirmflieger, um der Schwerkraft zu entgehen und sich immer wieder in die Höhe zu schrauben.

Doch der 21-Jährige kennt noch andere Tricks: "Ideal sind beispielsweise Getreidefelder, am besten aufgeheizt und ausgetrocknet. Dann noch ein Wald daneben, das sind so Punkte, wo es aufwärts gehen könnte." Manchmal sind es kleine Bewegungen am Boden, die ihm verraten, wo die Energie wohnt, manchmal die Fahnen am Schwarzenfelder Milchhof, die sich anders bewegen, als die Wettervorhersage vermuten lässt. Doch reiner Zufall ist es nie, wohin die Reise am Himmel geht.

Johannes Schatz hat sich seine anvisierte Tour und markante Punkte in der Landschaft im Kopf schon eingeprägt, diese Vorplanung ist ihm wichtig. So geht es ab nach Sulzbach-Rosenberg, immer voll konzentriert, vor allem beim "aktiven" Teil an den Punkten mit Thermik, sicher vorbei an gesperrten Lufträumen wie Flugplätzen und Truppenübungsplätzen. Mit dem Variometer kontrolliert er die Höhe, geht nicht ganz auf die 3000 Meter, die möglich wären, weil im Bereich 2000 ein schnelleres Tempo drin ist. Dafür schmelzen die Reserven, ein Balanceakt. In Sulzbach-Rosenberg biegt er ab Richtung Westen, überfliegt die tschechische Grenze bis Rozvadov (Roßhaupt) und schwenkt dann nach Süden Richtung Nittenau. Hat er so etwas schon einmal gemacht? "Einen Neun-Stunden-Flug mit 200 Kilometern gab es schon, beispielsweise bis Linz, aber etwas in dieser Dimension noch nicht", räumt der 21-Jährige ein und vergleicht die Strategie bei so einer Route in Dreieck-Form mit einem Schachspiel.

"Voll Kopfsache" sei es, sich von Thermik zu Thermik zu hangeln, wie man dabei steuert, das ist dem jungen Flieger schon längst in Fleisch und Blut übergegangen. Freilich muss er auch so manches Tief auf einer solchen, stundenlangen Reise überwinden, wenn er länger an einer Stelle hängen bleibt. Zur guten Vorbereitung gehört aber auch ein Urinal-Kondom, falls er zwischen den Wolken mal pinkeln muss – und eine Brotzeit. "Ein erfrischendes Getränk ist immer gut, um im Flug fit zu bleiben", erzählt der erfahrene Hobby-Sportler. Bei seinem Rekordflug hatte er auch noch eine Wurstsemmel dabei und einen Müsliriegel, um das Magenknurren auf dem Rückflug von Nittenau nach Dürnsricht in Schach zu halten – und damit die Konzentration nicht nachlässt.

Bei der Landung war es 19 Uhr, die Vereinskollegen saßen längst beim Abendessen. Keiner da, um den Erfolg zu teilen, den der Schwarzenfelder per Flugaufzeichnung auch belegen kann. "Tatsächlich hat das noch keiner in der Umgebung so gemacht mit dem Rückflug, aber das habe ich da noch gar nicht recht realisiert", gesteht der 21-Jährige, der seinen Sieg über das Element Luft dann später mit Freunden am Lagerfeuer doch noch ein wenig gefeiert hat. Und bei allem Stolz auf sein jüngstes Abenteuer legt er doch Wert darauf, dass das Gleitschirmfliegen kein waghalsiges Hobby ist, vielmehr Präzisionsarbeit mit intensiver Vorbereitung. Dass da ein Aktivist vor einem EM-Spiel das Stadion anfliegt, empfindet er als Rufschädigung. "Über den ärgert sich die ganze Gleitschirmflieger-Szene", stellt er fest. Nur zu genau kennt er den Zug, der beim Spiel mit den Lüften schachmatt setzen kann: "Die meisten Unfälle passieren durch einen Pilotenfehler."

So trainieren die Gleitschirmflieger ohne Seilwinde

Dürnsricht Gemeinde Fensterbach

Hier die Flugdetails der Fensterbachtalflieger

"Gleitschirmfliegen ist kein waghalsiges Hobby. Die meisten Unfälle passieren durch einen Pilotenfehler."

Johannes Schatz

Johannes Schatz

Hintergrund:
  • Verein: Der Fensterbachtaler Delta Club vereint Drachen- und Gleitschirmflieger, aktuell hat er rund 50 Mitglieder.
  • Teamarbeit: Für den Start muss jeweils eine Person die Seilwinde bedienen, eine weitere die Kommandos geben. Nummer drei darf dann abheben.
  • Gelände: Im Süden von Dürnsricht verfügt der Verein über eine Kirchner K6-Doppeltrommelwinde. Mit Hilfe dieser Technik können sich die Gleitschirmflieger etwa 200 Meter in Höhe ziehen lassen.
  • Kontakt: Gastpiloten mit gültiger Fluglizenz willkommen, Tandemflüge auf Anfrage (www.fenstbachflieger.de).

 

 

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