26.05.2020 - 15:46 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Unglaublicher Prozess in Amberg: Ein Mädchen und sein Sterbehelfer

Sie kommt in die Oberpfalz, um zu sterben. Gerade einmal 12 Jahre alt, des Lebens überdrüssig und auf der Suche nach jemandem, der ihr beim Tod hilft. Das will ein Altenpfleger aus Schwandorf gerne tun.

Im Mittelpunkt einer nahezu unglaublichen Geschichte: Der Altenpfleger (37) aus Schwandorf (rechts) wollte einer 12-jährigen Schülerin beim Sterben behilflich sein und lotste sie dazu von Baden-Baden aus in den Stadtpark von Teublitz. Durch eine Scheibe von ihm getrennt, sitzt Verteidiger Georg Karl (Regensburg) im Gerichtssaal.
von Autor HOUProfil

Die Geschichte ist so unglaublich, dass die Richter der Ersten Strafkammer beim Landgericht Amberg immer wieder nachfragen. Es geht um den äußerst seltenen Tatbestand des "Bereiterklärens zum Totschlag". Oberpfalzweit ist so etwas noch nie verhandelt worden. In der Anklageschrift von Staatsanwältin Barbara Tutsch steht aber auch sexueller Missbrauch.

Sie lernten sich per Handy-Chat kennen. Eine 12-Jährige aus Baden-Baden und ein 37 Jahre alter Krankenpfleger, der seine Wohnung in Schwandorf hatte. Er firmierte unter dem Pseudonym "Robby19", beschrieb damit seinen Vornamen und sein Alter. Bald schon erfuhr der wegen sexueller Auffälligkeiten bei den Behörden bekannte Mann, dass seine Chat-Partnerin des Lebens überdrüssig war. Sie wollte "so nicht mehr weitermachen" und erkundigte sich, wie sie denn zum Weg ins Jenseits finden könne. Um die Zusammenhänge genau auszuleuchten, ließ die Kammervorsitzende Roswitha Stöber durch ihre beiden Beisitzer einen fast zweistündigen Chat-Verlauf verlesen. Was sich dabei verdeutlichte, löste Fassungslosigkeit aus. "Robby" bot Unterstützung an. Er wollte beim Sterben behilflich sein. Sie hätte gerne seine Dienste in einem Wald nahe Baden-Baden in Anspruch genommen, er sprach vom Stadtpark in Teublitz (Kreis Schwandorf).

"Sicher und schnell"

Die Dialoge formten sich zunehmend bizarrer. Die 12-Jährige hätte einen Kopfschuss bevorzugt. Doch der Altenpfleger offerierte eine andere Problemlösung: "Erst Alkohol, dann zerkleinerte Schlaftabletten". Bei Eintritt der Bewusstlosigkeit schlug er vor, ihr das Genick zu brechen. "Tut das weh?", fragte sie und bekam die Antwort: "Tut nicht weh." Dann folgte, zu ihrer Zufriedenheit: "Ich mache es sicher und schnell."

Er nannte sie "Prinzessin", die Schülerin erkannte in dem vermeintlichen Freund ihren "Prinzen". Der 37-Jährige signalisierte, sich ebenfalls zu töten. "Dann", so formulierte er, "mache ich dir im Himmel einen Heiratsantrag." Am 28. Mai 2019 kam die Schülerin ohne Wissen ihrer Eltern per Zug aus Baden-Baden nach Maxhütte-Haidhof, fuhr mit dem Bus weiter nach Teublitz, traf beim Rathaus auf "Robby" und wurde in den Stadtpark geführt.

Die Tötungsaktion, von dem depressiv veranlagten Mädchen sehnlichst gewünscht, hätte beginnen sollen. Doch vorher musste die 12-Jährige aus einer nahen Apotheke Schlaftabletten besorgen und bekam sie tatsächlich. Im Park zurück, wurde rasch deutlich, was "Robby" im Schilde führte: Er nahm ihre Hand und legte sie zwischen seine Oberschenkel. Dann kamen plötzlich Leute vorbei und beendeten das Treffen im Park. Der 37-Jährige erhielt Hiebe, die Polizei wurde alarmiert.

"Nur Gutes beabsichtigt"

Den Chat-Verlauf konnte der Altenpfleger nicht leugnen. Er gab ihn zu und ließ verlauten: "Ich wollte mit ihr reden und das Mädchen von seinem Vorhaben abbringen." Da staunten die Richter ungläubig. "Keine sexuellen Absichten?", fragte die Vorsitzende mehrfach. Der 37-Jährige verneinte entschieden. Dabei wusste man aus den Akten: Der Schwandorfer stand unter Führungsaufsicht und hatte aus vorausgegangenen Begebenheiten das Verbot, Parks und Kinderspielplätze zu betreten. "Robby" sitzt in U-Haft. Er will eigentlich nur Gutes beabsichtigt haben. Der Prozess gegen ihn wird fortgesetzt.

Für den Angeklagten geht es nicht ins Gefängnis sondern in die Psychiatrie

Amberg
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