20.04.2020 - 11:55 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Stationen einer langen Irrfahrt

Für Günter Maria Bregulla ist dieses Buch eine Herzensangelegenheit. "Ich habe meinem Vater am Sterbebett versprochen, dass seine Geschichte nicht vergessen wird." Es ist eine Geschichte voller Momente größter Tragik und zartester Hoffnung.

In dem neuen Buch „Todeswinter – Erinnerungen eines Flüchtlingskindes“ verarbeitet Günter Maria Bregulla die traumatischen Erlebnisse seines Vaters Wolfgang während Winter und Frühjahr 1944/45.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Bregulla (58), ein gebürtiger Schwandorfer mit Haus auf dem Oberen Markt, hat seinen ständigen Wohnsitz in München, wo er seit 2002 eine Marketing-Agentur betreibt. Sein beruflicher Werdegang weist unter anderem Stationen als Tageszeitungsjournalist und Musikjournalist auf. Seine Leidenschaft aber ist das Malen, und das kam ihm bei seinem ambitionierten Buchprojekt zugute. Das Werk ist kürzlich unter dem Titel "Todeswinter - Erinnerungen eines Flüchtlingskindes" erschienen.

Erzählt wird die dramatische Geschichte von Vater Wolfgang Bregulla (1934-2017). Er flüchtete gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Alter von zehn Jahren zusammen mit seiner achtjährigen Schwester vor der heranrückenden Ostfront aus Oppeln in Schlesien in Richtung Westen. Getrennt von Vater und Mutter erlebten die Kinder eine mehrwöchige, traumatisierende Reise über Breslau, Görlitz und - nach der Bombardierung von Dresden - nach Schwandorf in der Oberpfalz. Dass die Geschwister die Flucht überhaupt überlebt haben, grenzt an ein Wunder.

Mit Aquarellzeichnungen

Die Erinnerungen wurden von seinem Sohn Günter editiert, mit Aquarellzeichnungen illustriert und zur zeitlichen Einordnung den relevanten offiziellen Statements des Oberkommandos der Wehrmacht gegenübergestellt.

"In zahlreichen Aquarellzeichnungen habe ich im Reportagestil die verschiedenen Stationen dieser Flucht von den Flüchtlingsströmen in den Städten im Osten des Deutschen Reichs über das Bombeninferno in Dresden bis hin zur Bombardierung Schwandorfs wenige Tage vor der Einnahme durch die amerikanischen Truppen illustriert", beschreibt Bregulla jun. seine Herangehensweise an das Thema.

Künstler Günter Maria Bregulla (58), ein Schwandorfer, ist in München als Gesellschafter und Verlagsleiter beim Corporate Publishing-Dienstleister "Va bene publishing" tätig.

Flucht unausweichlich

Der dramatische Bericht beginnt mit dem Weihnachtsfest 1944, nach dem schon bald die Welt der Familie Bregulla - und mit ihnen vieler anderer Familien - vernichtet werden würde. In jenen Tagen gab es laut Wolfgang Bregullas Erinnerungen nur ein Gesprächsthema in der Stadt: Die wohl unausweichliche Flucht. "Offiziell hieß es zwar, dass bald der Gegenschlag der deutschen Wehrmacht erfolgen würde, aber kaum jemand glaubte mehr daran." Eine ganze Stadt war im Aufbruch. "Jeder versuchte von hier fortzukommen, denn wir hatten Schlimmes aus den Flüchtlingstrecks gehört, die seit Dezember aus dem Osten kamen."

Auf den rund 90 Seiten des Buches werden die Stationen der Flucht ausgebreitet, die die beiden Kinder zu Teilen alleine bewältigen müssen - die Mutter war unterwegs schwer krank geworden und wurde in ein Hilfskrankenhaus gebracht und später in einen Lazarettzug umgeladen. Der Vater befindet noch immer an der Front und weiß nichts vom Schicksal seiner nächsten Angehörigen. Auch wenn unterwegs ein Wiedersehen der Kinder mit der todkranken Mutter gelingt und die kleine Familie schließlich mehr schlecht als recht Schwandorf erreicht, bedeutet das noch kein Happy End: Die Mutter stirbt sehr bald im "Städtischen Hilfskrankenhaus Oberschule" (heute Mädchenrealschule St. Josef) und die Geschwister, untergebracht bei einer Pflegefamilie, erleben den Angriff auf Schwandorf am 17. April mit - von Fronberg aus und damit in relativer Sicherheit.

Schwandorf zerstört

Bilanz des Bombenangriffs am 17. April 1945, wie es Wolfgang Bregulla erlebt hat: „Verschont geblieben waren nur Teile der Altstadt um den Marktplatz herum. Aber auch diese Häuser waren beschädigt, die Dächer abgedeckt, die Fensterscheiben zerbrochen.“

Aber die Innenstadt ist danach dem Erdboden gleichgemacht. Entsetzt hören die Menschen in Fronberg von Überlebenden, "dass unter einer Rauch- und Staubglocke das lag, was noch vor kurzer Zeit die Stadt ausgemacht hatte. Vom Bahnhof aus hatte man einen freien Blick bis zum Weinberg und zum Kreuzberg. Sämtliche Häuser waren verschwunden. Überall brannte und rauchte es. Von den vielen Zügen am Bahnhofsgelände war nur noch Schrott übrig. Die Waggons lagen wild durch- und übereinander. Die Reste eines Lazarettzuges brannten lichterloh! Immer wieder explodierte etwas. Es war die Ladung des Munitionszuges, die durch die Brände zur Explosion gebracht wurde. Alles um den Bahnhof herum war völlig verwüstet und mit Bombentrichtern übersät."

Lange geschwiegen

Vater Wolfgang Bregulla und Sohn Günter, 1963.

Wolfgang Bregulla hat lange Jahre kein Wort über diese dramatischen Ereignisse verloren. Erst im Ruhestand brachte er seine Geschichte zu Papier. "Im letzten Jahr vor seinem Tod am 11. Juli 2017 vertraute er mir die Aufzeichnungen an, damit sie vor dem Vergessen bewahrt und für zukünftige Generationen erhalten bleiben", schreibt sein Sohn im Nachwort des beeindruckenden Buches.

Info:

Erstauflage

"Todeswinter - Erinnerungen eines Flüchtlingskindes" (ISBN: 978-3-00-064 665 -2) Verlag: va bene publishing GmbH, Linprunstr. 23a, 80335 München, Hardcover, Fadenbindung, 92 Seiten, Limitierte Erstauflage: 100 Stück, Preis: 49 Euro. In Schwandorf ist das Buch in der Galerie M17 (Marktplatz 17) erhältlich. Ansonsten kann es über den Verlag bestellt werden.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.