01.08.2021 - 14:11 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Schwandorf/Cham: Der Wahlkreis der Frauen

CSU, Grüne und SPD haben im Wahlkreis 234 Direktkandidatinnen aufgestellt – für Sitze in einem Parlament, in dem Frauen massiv unterrepräsentiert sind. Drei Frauen mit drei grundverschiedenen Geschichten.

Tina Winklmann, Martina Englhardt-Kopf, Marianne Schieder.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Sommer 1991: Eine Gruppe Jugendlicher sammelt in Wernberg-Köblitz Werstoffe, es ist Pioniersarbeit. Klimaschutz ist im deutschen Politikdiskurs eher ein Nachsatz, Recycling nicht annähernd so omnipräsent wie heute. Die Gruppe ist so erfolgreich, dass das Landratsamt den jungen Menschen den Umweltpreis verleiht. Mit dabei ist Tina Winklmann, damals gerade elf Jahre jung. Fünf Jahre später tritt sie den Grünen bei.

Wir springen in den Sommer 2021, Winklmann ist 41 Jahre alt. Was als Recycling-Aktion auf den Wernberg-Köblitzer Straßen begann, hat sich verwachsen, inzwischen ist sie Co-Vorsitzende der Grünen in der Oberpfalz. Bald soll ihre politische Karriere den bisherigen Höhepunkt erreichen: Tina Winklmann will in den Bundestag.

Ihre Chancen stehen gut. Aufs Direktmandat macht sie sich – wie die meisten bayerischen Nicht-CSU-Kandidatinnen – keine großen Hoffnungen, doch Listenplatz 17 gibt ihr bei den momentanen Umfragewerten ihrer Partei beste Chancen auf den Einzug in Deutschlands mächtigstes Parlament. Sie ist damit nicht alleine: Im Wahlkreis 234, der die Landkreise Cham und Schwandorf umfasst, treten neben Winklmann zwei weitere Frauen mit guten Aussichten an: Die SPD schickt Marianne Schieder ins Rennen, die CSU Martina Englhardt-Kopf.

Wie Gerhard Schröder

„Frauenpolitik ist mir ein wichtiges Thema. Hier kämpfen Frauen und Männer Seite an Seite“, sagt Winklmann über die Grünen. Die Politik hänge der Realität noch hinterher. „Frauen machen über die Hälfte der Bevölkerung aus. Warum sollen wir uns damit zufrieden geben, dass das in der Politik so deutlich anders ist?“ Frauen seien oft die Managerinnen im Kleinunternehmen Familie. „Wir wissen, wie Leben funktioniert. Das können und wollen wir politisch einbringen.“

Sie wolle noch erleben, dass eine Frau in Gerhard-Schröder-Manier am Kanzleramt rütteln und klar zu ihrem Ziel stehen kann. „Wir sind da sehr deutlich: Wir wollen Annalena Baerbock im Kanzlerinnenamt sehen. Warum auch nicht? Sie ist eine sehr kompetente Fachpolitkerin.“ Was Politikerinnen wie Baerbock, aber auch anderen Grünen-Politikerinnen wie Katharina Schulze und Ricarda Lang entgegenschlage, „das muss sich kein Mann der Welt geben“, sagt Winklmann. „Die Leute haben das Recht, uns ganz furchtbar zu finden, aber dann kritisiert doch meine Aussagen, nicht meinen Hüftspeck.“

Von Grün zu Schwarz: Martina Englhardt-Kopf ist Direktkandidatin der CSU im Wahlkreis Schwandorf-Cham, was sie zur Favoritin macht. Seit 20 Jahren besetzt die 40-Jährige politische Ehrenämter. Ihre Weiblichkeit, sagt Englhardt-Kopf sei dabei nie Thema gewesen: „Wenn man sich engagiert, dann kommt man weiter. Man muss sich halt durchsetzen.“

Die CSU hat zwar ihre Liste in diesem Jahr erstmals paritätisch aufgestellt, doch davon hat eine Direktkandidatin wie sie nichts. Ihre Nominierung, so Englhardt-Kopf, verdanke sie keiner Quote sondern ihrem langjährigen Engagement. Immer wieder verweist sie auf ihre Anfänge im Jahr 2000 bei der Jungen Union (JU), ihre Kandidatur für den Stadtrat 2008, ihren Einzug mit gerade 26 Jahren. Seit 2015 sitzt sie außerdem im Kreistag, ist seit 2019 dort Fraktionschefin. Nach der Kommunalwahl 2020 wurde die zweifache Mutter Zweite Bürgermeisterin von Schwandorf. Gab es Widerstände? Oft, ja, aber: „Die sind eben da.“

Doch genau das sei der Punkt, sagt Englhardt-Kopf. „Ich lebe Politik, deshalb kann ich das ab. Aber das kann man keiner Frau aufzwängen.“ Wäre ein paritätisch besetztes Parlament nicht wünschenswert? „Doch, natürlich, darauf sollte es hinauslaufen. Aber wenn mir gesagt wird, dass das nicht klappt, muss ich das akzeptieren.“ Es solle im Optimalfall so laufen, wie in diesem Jahr bei der CSU: „Wir haben auf der Landesliste für Parität gesorgt, als wir gesehen haben, dass sich viele Frauen einbringen. Ich will nicht in die Situation kommen, in der ich Frauen auf eine Liste zwingen muss, um die Quote zu erfüllen.“

„Vieles ist besser geworden“, findet Marianne Schieder. Seit über einem Vierteljahrhundert steht sie für die SPD auf größeren politischen Bühnen, begonnen im Landtag, heute in Berlin. Und doch: „Es gibt weiter eine gläserne Decke.“ Ein Beispiel: In fast allen Studiengängen gebe es ebenso viele Männer wie Frauen, in den Professuren aber kaum. „Es fällt oft schwer, Familie und Führungspositionen zu vereinbaren – auch, weil Arbeitgeber das als Problem sehen.“

Sowohl in der Berufswelt als auch in der Politik sieht Schieder die Gefahr eines Rückfalls in längst überwunden geglaubte Zeiten. „Wir sehen eine Rückkehr der Seilschaften, ein Junge-Männertum, das sich unter allen Umständen nach vorne drängt.“

"Zirkus um die Quote"

Ein Problem, das auch eine Frauenquote nicht zuverlässig lösen kann, so Schieder: „Es ist immer wieder derselbe Zirkus um die Quote.“ Männlich dominierte Seilschaften versuchten, sie zu umgehen. Diese Netzwerke, diese Strukturen gingen besonders politisch unerfahrenen Frauen noch ab. „Wenn du in der Unterzahl bist, wirst du schnell zum Opfer der vernetzten Mehrheit.“

Doch auch Frauen machten es einander nicht immer leicht: „Gerade ältere Wählerinnen sehen Frauen in Führungspositionen manchmal kritisch. Entweder, du reißt nichts, oder du hast Haare auf den Zähnen. Bei Männern würde man das Durchsetzungskraft nennen.“

„Männer nehmen sich oft Dinge heraus, von denen sie wohl nicht einmal merken, dass sie sich das bei einem anderen Mann nicht trauen würden“, sagt Schieder. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Schieder kandidiert gegen einen männlichen Parteikollegen um einen Spitzenposten, als eines Abends das Telefon klingelt: „Was fällt dir eigentlich ein, gegen mich anzutreten?“ Die 59-Jährige ist kurz überrumpelt, sammelt sich und sagt: „Mein Lieber, du trittst hier gegen mich an.“

Zum Thema: Junge Menschen auf dem Weg in den Bundestag

Kümmersbruck
Info:

Der Frauenanteil im Bundestag

  • Die Frauenquote im aktuellen 19. Deutschen Bundestag ist fast fünfmal so hoch wie die des ersten 1949.
  • Wer allerdings glaube, dass damit auch nur im Ansatz Parität geschaffen wurde, der irrt: Nicht einmal eines von drei Parlamentsmitgliedern ist weiblich.
  • Die Entwicklung ist sogar rückläufig: Niedriger als die aktuellen 30,7 Prozent war der Frauenanteil zuletzt zwischen 1994 und 1998 (26,2 Prozent). Den bisher höchsten Frauenanteil hatte der 18. Bundestag zwischen 2013 und 2017 – 36,5 Prozent.
  • Den höchsten Frauenanteil unter den Fraktionen haben die Grünen mit 58,2 Prozent. Ganz anders sieht es bei der AfD aus: Hier ist rund eines von zehn Parlamentsmitgliedern (10,8 Prozent) eine Frau. (jus)
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