27.07.2021 - 14:52 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Das sind die Pläne des Landkreises Schwandorf für den Katastrophenfall

Nach den Flutschäden der vergangenen Wochen stellt sich auch im Landkreis Schwandorf die Frage: Wie sind die Behörden aufgestellt? Gut, sagt das Landratsamt – obwohl viele der Sirenen nicht als Alarmsignal für die breite Bevölkerung taugen.

Die Sirene auf dem Dach des Gasthauses Birner in Inzendorf ist eine von 245 im Landkreis Schwandorf.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Während die Folgen der Flutkatastrophe im Süden und Südwesten Deutschlands immer deutlicher werden, richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf die Gründe. Warum waren die Behörden dermaßen unvorbereitet, so überrascht von einer Wetterlage, die sich bereits Tage zuvor angekündigt hatte?

Eine wichtige Rolle in der Analyse soll in Bayern nun die Kommunikation spielen, insbesondere vor Ort. Das lassen Ankündigungen aus dem Kabinett Söder erahnen. So will Innenminister Joachim Herrmann die Zahl der Alarmsirenen erhöhen. Diese hatte es zu Beginn der Neunzigerjahre noch flächendeckend gegeben, nach Ende des Kalten Krieges gab der Bund das Netz allerdings entweder auf oder inklusive Kosten an die Kommunen ab – die deshalb, aber auch aufgrund der augenscheinlich verschwundenen Gefahr kaum darauf zugriffen.

Unterschiedliche Geräusche

Nun, da die Staatsregierung die Sirenen als akustische Warnung wiederentdeckt hat, soll die Zahl in Bayern wieder erhöht werden, rund 26 000 sollen es letztendlich werden. Ein Problem dabei: Es gibt keine belastbaren Daten darüber, wie viele Sirenen in Bayern vorhanden und einsatzfähig ist, das Innenministerium kommt in einer Schätzung auf 12 000 bis 14 000.

Auf Schätzungen muss sich Hans Prechtl nicht verlassen. Der Pressesprecher des Landkreises Schwandorf zählt insgesamt 245 Sirenen, 18 davon offizielle Warnsirenen. Das macht vor allem, aber nicht nur in der Geräuschkulisse einen Unterschied: Die 18 Warnsirenen haben ein Modul, das ihnen erlaubt, unterschiedliche Geräusche zu erzeugen – beispielsweise den nun so viel diskutierten Katastrophenalarm für die Bevölkerung, ein an- und abschwellender Heulton von einer Minute Dauer. Die übrigen 227 Sirenen verfügen über die Grundausstattung, sie setzen den Alarm für Einsatzkräfte, meistens die der Feuerwehr. Ihr Signal ist ein dreimal in der Höhe gleichbleibender Ton von je zwölf Sekunden Dauer mit je zwölf Sekunden Pause zwischen den Tönen. Darüber hinaus, erklärt Prechtl, gebe es jederzeit die Möglichkeit, Menschen durch die sogenannte Mobela, die mobile Lautsprecheranlagen einiger Einsatzfahrzeuge, zu warnen.

Eine eigene App stellt der Landkreis Schwandorf momentan nicht zur Verfügung. „Hier verweisen wir auf die bundesweiten Apps KATWARN und NINA, die jeder Bürger frei zugänglich und kostenlos auf sein Smartphone laden kann“, erklärt Hans Prechtl.

Ansonsten sieht der Pressesprecher den Landkreis gut auf etwaige Katastrophenszenarien vorbereitet. Verantwortlich dafür ist der Katastrophenschutz des Landkreises. Der stellt das Vorliegen einer Katastrophe fest, leitet den Einsatz und stellt sicher, dass alle Maßnahmen aufeinander abgestimmt sind. Im Landratsamt ist die Behörde mit zwei Mitarbeitern besetzt. Außerdem gehören ihr der Leiter der Abteilung Öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie der Sachgebietsleiter Sicherheitsangelegenheiten und Gewerbewesen an.

Im Katastrophenfall hat der Katastrophenschutz die Möglichkeit, eine größere, nicht genauer festgelegte Gruppe aus Mitarbeitern des Landratsamtes einzuberufen, die sogenannte Führungsgruppe Katastrophenschutz.

Neues Fahrzeug im Herbst

Sollte der Landkreis von einem Hochwasser getroffen werden, so sieht Hans Prechtl das Landratsamt auch hierfür gut vorbereitet. „Alle relevanten Gemeinden im Landkreis sind verpflichtet, einen Melde- und Einsatzplan Hochwasser zu erarbeiten. In diesen wird geregelt, wann, wer und mit welchen Einsatzmitteln zu alarmieren ist und welche weiteren Maßnahmen getroffen werden müssen“, erklärt der Pressesprecher. Schon bei der niedrigsten Meldestufe – stellenweise kleinere Ausuferungen – werde die Kreisverwaltung zu jeder Tageszeit und zu jedem Wochentag alarmiert. Zusätzlich seien alle benötigten Rufnummern ebenso hinterlegt wie die Standorte der Einsatzmittel wie Sandsäcke oder Sandsackfüllmaschinen. Der Melde- und Einsatzplan Hochwasser werde jährlich aktualisiert und liegt der integrierten Leitstelle in Amberg vor.

Für die kommenden Monate steht für den Katastrophenschutz eine Verbesserung an, die bereits im Jahr 2019 beschlossen wurde. Damals bewilligte der Kreistag die Ersatzbeschaffung eines neuen Einsatzleitwagens. Das Fahrzeug ist laut Hans Prechtl technisch und einsatztaktisch auf dem neuesten Stand und wird voraussichtlich in diesem Herbst an das Landratsamt geliefert.

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Katastrophen-Apps in Deutschland

  • Es ist keine neue Erkenntnis, dass es in Deutschland an Warnsirenen mangelt. Bereits vor 19 Jahren, im Jahr 2002, stellte die Sächsische Staatsregierung fest: "Im Freistaat Sachsen – wie in den meisten Bundesländern – ist eine Ausstattung mit Sirenen nicht mehr vorhanden." Verbunden war dies mit der Empfehlung, die Wiederbeschaffung zu prüfen.
  • Im Jahr 2011 entwickelt das Fraunhofer-Institut die Katwarn-App. Doch auch hier gibt es Probleme: Beim Amoklauf in München 2016 beschweren sich Nutzer, sie hätten Warnungen zu spät oder gar nicht erhalten.
  • 2015 startet Nina, die Katastrophenschutz-App des Bundes. In den Folgejahren gibt es immer wieder Probleme. Laut „ZDFheute“ wurde im Landkreis Ahrweiler, den das jüngste Hochwasser besonders hart getroffen hat, keine einzige Warnmeldung über die Nina-App ausgespielt. Ein möglicher Grund: Die Warnungen der Katwarn-App wurden wohl nicht wie vorgesehen automatisch an Nina übertragen.
  • Der bundesweite Warntag gerät im September 2020 zur Farce: Kaum eine Sirene geht los, die Apps spielen keine Warnungen aus. Bis heute gibt es kein funktionierendes System, auf das sich Bund, Länder und Kommunen geeinigt hätten. Der für diesen Herbst geplante Warntag wurde bereits auf das kommende Jahr verschoben. (jus)

„Alle relevanten Gemeinden im Landkreis sind verpflichtet, einen Melde- und Einsatzplan Hochwasser zu erarbeiten“.

Landratsamts-Sprecher Hans Prechtl

Landratsamts-Sprecher Hans Prechtl

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