04.11.2020 - 16:03 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Pfreimderin zur US-Wahl: Amerika hat Vorbildfunktion als Leitnation verloren

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Ein Gegensatz zwischen Arm und Reich, eine gespaltene Gesellschaft und uferlose Kriege: Die versierte USA-Kennerin Christina Lanzl aus Pfreimd plädiert anlässlich der Präsidentschaftswahl für einen realistischen Blick auf die Großmacht.

Die Präsidentschaftswahl in Amerika hat die Spaltung der US-Gesellschaft weiter vertieft. Das Foto zeigt eine Seniorin, die sich mit einem Keep-America-Great-Hut als Trump-Anhängerin zu erkennen gibt.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Viele Oberpfälzer blicken auf Washington und verfolgen gespannt den noch immer unklaren Ausgang der US-Wahl. Kein Wunder: Ob Donald Trump Präsident bleibt oder Joe Biden ins Weiße Haus einzieht, hat Auswirkungen auf nahezu alle Weltregionen – auch auf den Landkreis Schwandorf. Wer die Entwicklungen in den USA verstehen will, sollte deshalb nicht nur auf die große Politik schauen, sondern auch Land und Leute kennen.

Genau das tut Christina Lanzl. Die promovierte Kunsthistorikerin ist seit knapp einem Jahr Leiterin des Schwandorfer Künstlerhauses und beruflich wie privat eng mit den USA verbunden: "Ich habe eine duale Perspektive sowohl der Vereinigten Staaten als auch Deutschlands und der Oberpfalz, da ich lange sowohl drüben als auch vor Ort gelebt habe", beschreibt sie ihren vielfältigen Blick auf die Staaten. Knapp sechs Jahre war Lanzl Chefin des Urban Culture Institute in Boston und unterrichtete dort auch Baugeschichte. Als Künstlerin und Kulturmacherin reiste die Oberpfälzerin in den USA umher und kennt deshalb die großen Probleme der Nation aus eigenem Erleben.

Menschen zusammenführen

Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl will sich Lanzl zwar neutral verhalten und nur als Privatperson äußern. "Ich mache keinen Wahlkampf und vertrete nicht die eine oder andere Seite. Was ich mir wünsche, ist eine gute Politik, die die großen Probleme unserer Zeit angeht." Dennoch schaut die Leiterin des Künstlerhauses aber mit Sorgen auf die zunehmende Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. "Politisch ist das Land gegenwärtig sehr polarisiert. Jahrelange Anstrengungen, die Menschen zusammenzuführen und miteinander zu versöhnen, sind zerstört worden", sagt sie mit Blick auf den Rassismus und die inzwischen fast zur Feindschaft gesteigerte Parteienrivalität von Demokraten und Republikanern.

Armut führt zu viel Frustration

Eine Gefahr für den Zusammenhalt ist Lanzl zufolge das "extreme Gefälle zwischen Arm und Reich, das führt zu sehr viel Frustration. Viele leben am Existenzminimum, sowohl in urbanen Zentren als auch in ländlichen Gegenden." Wer krank werde oder arbeitslos, sei auf sich selbst gestellt. "Eine Gesellschaftsordnung mit sozialer Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, gibt es dort nicht. Man verlässt sich auf den ökonomischen Wettbewerb."

Es ist schwierig, die USA zu beurteilen, wenn man sie nicht kennt und nie dort war.

Christina Lanzl

Christina Lanzl

Verstärkt würde die Spaltung der Gesellschaft durch ein großes Stadt-Land-Gefälle und Hürden in der Bildung. Hohe Kosten nicht nur an Privat-Unis, sondern auch im öffentlichen Bildungssektor versperren vielen jungen Menschen gerade aus den ärmeren Schichten die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg, sagt Lanzl. "Gerade im Bildungswesen spielt Geld eine entscheidende Rolle, das ist ein fundamentaler Unterschied zu Deutschland."

Afrika und Nahost: Kriege beenden

Egal ob Trump oder Biden, an den neuen US-Präsidenten stellt Lanzl hohe Erwartungen: "Wir brauchen jemanden, der einen rationalen Umgang mit Problemen pflegt und vor allem den extremen Gegensatz zwischen Arm und Reich bekämpft." Das neue Staatsoberhaupt müsse neben der Bekämpfung der Corona-Pandemie auch die US-Außenpolitik verändern. "Denken Sie an die Klimakrise oder die globalen Kriege. Wir leben seit Jahrzehnten quasi in einem Weltkrieg, die Konflikte in Afrika, Afghanistan, Syrien, Irak, Palästina und Israel werden in den Westnationen nur bedingt wahrgenommen", erinnert Lanzl an die Verantwortung der reichen Industriestaaten beim Schutz der Menschenrechte.

Unser Ticker zur US-Präsidentschaftswahl hält Sie auf dem Laufenden

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Das deutsch-amerikanische Verhältnis habe sich unter der Trump-Regierung verschlechtert, und: "In den letzten Jahren haben die Vereinigten Staaten ihre Vorbildfunktion als demokratische Leitnation leider verloren", bedauert die US-Kennerin. Dennoch sei in den USA nicht alles schlecht, das Land mit seinen knapp 330 Millionen Einwohnern dürfe nicht von Bayern aus über einen Kamm geschert werden. "Es ist schwierig, die USA zu beurteilen, wenn man sie nicht kennt und nie dort war." Actionfilme aus Hollywood, transportierten ein falsches Bild der USA. "Das ist nur eine gefilterte Welt und nicht die Realität. Es hilft, sich vorab zu informieren und ein Bild zu machen", warnt Lanzl vor einer vereinfachenden Schwarz-Weiß-Sicht.

Zusammenhalt und Pioniergeist

Während ihrer Zeit in Amerika hat sich Lanzl vor allem von den einfach Menschen beeindrucken lassen. "Was ich wirklich toll finde, ist der Pioniergeist der Amerikaner, die enorme Hilfsbereitschaft untereinander." Der Grund dafür liegt wohl auch darin, dass es in den USA keine staatlichen sozialen Sicherungssysteme gibt und die Bereitschaft der Menschen, sich untereinander zu helfen, deshalb stärker ausgeprägt ist.

"Die Leute helfen, unterstützen sich gegenseitig, das gibt es bei uns in Deutschland nicht immer und überall", zeigt sich Lanzl angetan. Gerade deshalb wünscht sie sich in den kommenden vier Jahren bis zur nächsten Wahl einen Präsidenten, "der endlich der Polarisierung entgegenwirkt, jemanden, der endlich die großen Probleme unserer Zeit wirklich anpackt".

Mehr persönliche Hintergründe zu Christina Lanzl gibt es hier

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