14.04.2020 - 16:24 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Müllkraftwerk Schwandorf: Gerüstet für die große Welle

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Der Zweckverband Müllverwertung Schwandorf rüstet sich für ein gewaltiges Abfallaufkommen – wegen der Corona-Quarantäne werden tausende Tonnen Haushaltsmüll erwartet. Die Ruhe vor dem Sturm wird für eine Kurzrevision genutzt.

Die Ofenlinie 2 ist seit Freitag in Kurzrevision. Der Revisionsmeister des ZMS, Georg Höfler, inspiziert Kesselwände und Rost, bevor die Arbeiten beginnen.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil
ZMS-Pressesprecher Franz Grabinger (links) und Verbandsdirektor Thomas Knoll stehen vor einem der Müllbunker. Vor ein paar Wochen waren diese noch brechend voll.

Genau ein Jahr ist es her, dass das Müllkraftwerk einen Anlieferstopp für Gewerbemüll ausgab. Die Bunker quollen über. Jetzt ist die Situation genau umgekehrt. "Normalerweise kommen 3000 Tonnen Gewerbeabfall pro Woche. Jetzt sind es noch maximal 800," sagt Verbandsdirektor Thomas Knoll im Gespräch mit den Oberpfalz-Medien. Diese Menge kann als Seismograph für die Wirtschaft in der Region gelten: Sie bedeutet, dass mehr als zwei Drittel der Produktion still stehen. Aber: 7000 Tonnen Hausmüll kommen normalerweise pro Woche aus dem Verbandsgebiet von Hof bis Landshut in Schwandorf an. Diese Menge werde sich deutlich erhöhen, erwartet Knoll.

Denn seit 1. April gelten neue Regeln (wir berichteten): Haushalte, in denen ein Corona-Infizierter oder Menschen in Quarantäne leben, bei denen Infektions-Verdacht besteht, sollen ihren Abfall nicht mehr trennen. Alles - vom Papier über Verpackungen und Wertstoffe (außer Glas, Pfandflaschen und Elektrogeräte) bis hin zum Bioabfall - soll über den Hausmüll in der Tonne entsorgt werden. Nachdem im Verbandsgebiet wohl tausende Menschen in Quarantäne leben, wird die Hausmüllmenge steigen. "Die Tonnen werden binnen Tagen voll sein", sagt Knoll und verweist auf die Regelung, dass der Restmüll dann in stabile, reißfeste Säcke (nicht die dünnen Säcke für Wertstoffe verwenden!) verpackt werden muss.

Volle Kapazität nötig

Um auf die erwartbare Welle vorbereitet zu sein, hat der ZMS Vorkehrungen getroffen. Wartungsarbeiten wie die Kurzrevision an der Ofenlinie 2 wurden vorgezogen. Erstens, um die volle Kapazität zur Verfügung zu haben. Zweitens, weil nicht klar ist, wie lange die Fachkräfte zur Kesselreinigung und Ausbesserung noch verfügbar sind. Die Reiniger und Schweißer kommen in der Regel aus Osteuropa, erläutert Knoll. Die Revision in Schwandorf ist aber gesichert. Auch die Lager für Betriebsstoffe wurden aufgefüllt: unter anderem mit Ammoniakwasser, sowie Säuren und Kalk für die Rauchgasreinigung.

Auch Schutzmasken braucht das Müllkraftwerk, für den Arbeitsschutz der Mitarbeiter. Der ist ohnehin nötig, auch ohne Coronakrise. Es ist auch für Knoll eine neue Erfahrung, dass diese "Cent-Artikel" zu heiß begehrte und teure Ware geworden sind: "Vor ein paar Wochen haben wir sie noch nach ein paar Minuten Gebrauch weggeworfen." Schutzanzüge und Masken werden möglichst lange genutzt. Die Mitarbeiter im Kraftwerk werden so eingeteilt, dass möglichst wenig Kontakt besteht. Letzte Möglichkeit wäre, die Rumpfmannschaft zu kasernieren, die für den Betrieb unbedingt notwendig ist. Denn zum Seuchenschutz ist die Verbrennungsanlage unabdingbar (siehe Kasten).

Gesicherte Kabinen

Im Kraftwerk werden (wie sonst auch) auch Abfälle aus Kliniken verbrannt, also zum Beispiel gebrauchte Schutzkittel und Masken, auch weiteres Material. Staub aus dem Bunker kann nicht nach außen dringen, dort herrscht Unterdruck. Die Kranfahrer sind in hoch gesicherten Kabinen sicher. Hochbelastetes Material wird schon in den Kliniken gesondert verpackt und in einer besonderen Anlage in Augsburg verbrannt.

Nachdem die Wertstoffhöfe geschlossen sind und kaum Sperrmüll ankommt, ist die Sortieranlage in Bodenwöhr geschlossen. Das Personal arbeitet im Müllkraftwerk, wird fortgebildet, etwa zum Kranführer. Der Bahntransport des Abfalls ist laut Knoll aktuell gesichert. Das muss sein, denn auch zu wenig Müll wäre schlecht fürs Kraftwerk: Ofenlinien können nicht einfach dauernd abgeschaltet bleiben. Spätestens nach 72 Stunden würden Feuchtigkeit und Kondenswasser eine aggressive Verbindung mit den Ablagerungen in den Kesseln eingehen und für galoppierende Korrosion sorgen, so Knoll.

Verbandsdirektor Thomas Knoll sorgt dafür, dass das Müllkraftwerk mit möglichst voller Kapazität in die kommenden Wochen geht.
Im Blickpunkt:

Geschichte wiederholt sich

Die erste Müllverbrennungsanlage in Deutschland entstand vor 125 Jahren in Hamburg. An den Grund erinnert Verbandsdirektor Thomas Knoll im Gespräch mit den Oberpfalz-Medien: 1892 war in der Hansestadt eine Cholera-Epidemie ausgebrochen. Besonders in den Armenvierteln wütete die Seuche. Das Trinkwasser war damals noch aus der Elbe entnommen worden, in den prekären "Gängevierteln" gab es weder Abwasserentsorgung noch Müllabfuhr.

Der preußische Gesundheitsminister schickte einen gewissen Robert Koch zu Hilfe: Genau den Arzt und Wissenschaftler, nachdem heute das Institut benannt ist, das heute in der Bundesrepublik für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten zuständig ist. Der spätere Medizin-Nobelpreisträger (1905) stieß auf unhaltbare Zustände und setzte strenge Seuchenschutz-Maßnahmen durch.

Eine davon war der Bau eines Filterwerks für das Trinkwasser; eine andere der Bau einer Müllverbrennungsanlage für den Abfall von rund 300 000 Menschen. "Auch heute sorgen wir wieder für Seuchenschutz", sagt Knoll.

Möglicherweise infektiöses Material aus Kliniken, aber auch aus Privathaushalten, wird in der Schwandorfer Anlage verbrannt. "Bei mehr als 1000 Grad ist für jeden Erreger Schluss", sagt Knoll. Um so wichtiger ist es, dass die Anlage auch während der Krise reibungslos funktioniert. (ch)

Kommentar:

Rücksicht statt Pöbelei

Der ZMS hat seine Umladestationen für Privatleute weitgehend gesperrt. Logisch, wegen der Corona-Gefahr. Nur selbstkippende Anhänger oder Fahrzeuge können noch anliefern. Nun finden während der Ausgangsbeschränkungen aber viele Menschen Zeit, ihre Wohnungen auszumisten. Dass der aussortierte Abfall dann daheim zwischengelagert werden muss, bis der Müll wieder weg gebracht werden kann, ist nicht jedem klar wie ZMS-Verbandsdirektor Thomas Knoll erzählt. "Die Anrufe werden von Tag zu Tag unangenehmer", berichtet er.
Wüste Beschwerden und Beschimpfungen, warum gerade jetzt der ZMS seine Pforten schließt, werden da am Hörer laut. Das ist, mit Verlaub, eine Unverschämtheit. Die Müllwerker, die das ganze Jahr über unseren Dreck wegräumen, arbeiten weiter und haben nicht nur unser aller Respekt, sondern auch Rücksichtnahme verdient. Das bedeutet: Müll bitte sauber verpackt in die Tonne. Lose, vollgerotzte Taschentücher oder ähnliches sind schon ohne Virenbelastung eine Zumutung. Und: Lasst euren Schrott im Keller oder sonst wo daheim. Die Wertstoffhöfe werden wieder öffnen. Und, so viel ist gewiss: Pöbeleien werden die Zeit bis dahin nicht verkürzen.

Von Clemens Hösamer

Neustadt an der Waldnaab
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