25.03.2021 - 16:56 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Aus den Fängen der Designerdroge befreit

Vor wenigen Jahren ist Christine (Name geändert) aus dem Landkreis Schwandorf schwer abhängig von Crystal Meth. Doch sie schafft den Absprung. Wie, schildert sie im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Eine gefährliche und schnell abhängig machende Droge: Eine Crystal-Szene gibt es auch im Landkreis Schwandorf.
von Benjamin Tietz Kontakt Profil

Ihren wirklichen Namen möchte die heute 23-Jährige lieber nicht in der Zeitung oder im Internet lesen. Er tut auch nichts zur Sache für die Geschichte, die sie zu erzählen hat. Deshalb nennen wir die junge Frau im folgenden Artikel Christine.

"Ein Liter Farbe": Das spielt in Christines Leben lange eine große Rolle. Keine echte Farbe. Natürlich. Für die heute 23-Jährige ist dies ein Codewort, eine Umschreibung für eine der gefährlichsten Drogen heutzutage: Crystal Meth. Christine ist vor wenigen Jahren schwer abhängig von der Droge, schnupft mehrere Lines á 0,2 Gramm am Tag. Sie magert auf bis zu 40 Kilo ab, schläft tagelang nicht mehr und geht tagsüber nicht mehr aus dem Haus.

Angefangen hat alles mit 16 oder 17. Im Bekanntenkreis spielte Crystal bei manchem eine Rolle, Christine fand das nie gut. Bis zu diesem Tag, der im Nachhinein betrachtet ihr Leben verändert hat. "Mir ging es nicht gut", schildert sie nun im Gespräch mit Oberpfalz-Medien, das in den Räumen der Fachambulanz für Suchtprobleme in Schwandorf stattfindet. Hinzu kommt eine gewisse Neugier. Christine sagt: "Ich möchte es selber probieren". Es ist der erste Kontakt mit Methamphetamin, ein paar Jahre zuvor hatte sie nur ab und zu gekifft - also Marihuana geraucht.

Gespräch mit der Suchttherapeutin

Schwandorf

"Ich hatte große Probleme mit mir selbst", erinnert sich die heute 23-Jährige an die Anfangszeit ihrer Drogenkarriere. Crystal schafft scheinbar Abhilfe: Es macht selbstbewusster, und man wird extrem aktiv: Die Ausbildung absolviert die junge Frau, ist extrem leistungsstark - und bemerkt anfangs nicht, wie die gefährliche Droge sie immer mehr in ihre Fänge zieht: "Das geht so schnell".

Bereits nach dem allerersten Mal kommt sie nicht mehr weg, ihre Gedanken kreisen um Crystal. Zunächst konsumiert sie an den Wochenenden, dann steigert sich die Menge kontinuierlich. Irgendwann nimmt Christine jeden Tag Crystal, später mehrfach täglich. "Man braucht die Droge, um durch das Leben zu kommen. Irgendwann schafft man es nicht mehr ohne", beschreibt sie ihre damalige Situation.

Das geht so weit, dass die Droge komplett die Regie übernimmt: "Das war das erste, was man morgens gemacht hat", schildert sie und warnt eindringlich: "Es geht innerhalb von Wochen, dass man ganz tief drin steckt".

Herzrasen und Paranoia

Wenn sie Crystal genommen hat, schildert Christine zwar auf der einen Seite ein euphorisches Gefühl, berichtet wie gesagt von großem Selbstbewusstsein, extrem viel Elan und großer Kreativität. "Es macht alles Spaß", beschreibt sie. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen sagt sie, dass man sich in einer Sache extrem verlieren kann, kein Hungergefühl mehr hat. Sie berichtet von "absolut verwirrten Gedanken", Angstgefühlen, Herzrasen oder einer gewissen Paranoia. Am Ende des Crystal-Trips steht dann ein großes Loch. Die 23-Jährige beschreibt das im Gespräch als "depressiven Schub": "Man weint und findet alles schlimm. Ich konnte gar nicht mehr aufstehen und war in einem absoluten Schwebezustand".

Zu alten Freunden bricht der Kontakt ab, Christine lernt neue Leute aus der Szene kennen. Man ist unter sich, wächst innerhalb kurzer Zeit zusammen. Und hilft einander. Es gibt unter den Konsumenten ungeschriebene Gesetze. Eines heißt zum Beispiel, dass man niemals jemanden verrät. Außerdem, dass man aufeinander aufpasst und sich gegenseitig hilft, etwas zu bekommen.

Die Droge zeigt sich auch am Äußeren: Wie Christine jetzt schildert, trug sie eher triste und keine farbenfrohe Kleidung. "Man versucht sich zu verstecken mit den Klamotten. Man fühlt sich unwohl, wenn man raus geht und etwas genommen hat. Um sich ein Gefühl von Sicherheit zu geben, versucht man sich zu verstecken - auch unter Basecaps oder Schminke".

Mit der Zeit des Konsums kommen bald auch körperliche Folgen hinzu. Christine verliert massiv an Gewicht, bekommt offene Stellen an der Haut, einmal massive Herzrhythmusstörungen, die Sehkraft lässt nach: Die Sucht fordert ihren Tribut. Einmal schläft sie fünf Tage am Stück überhaupt nicht. Es gibt aber auch eine psychische Seite: "Ich konnte nicht mehr raus gehen, wenn es hell war", schildert sie. Die junge Frau lebt sehr zurückgezogen, kann keinem Menschen mehr vertrauen. Dazu kommt: Der Kontakt zu ihrer Familie verschlechtert sich massiv.

"Habe mich gehasst"

Dabei wollte sie Crystal ab einem gewissen Zeitpunkt eigentlich gar nicht mehr nehmen: "Ich habe mich dafür gehasst, aber ich konnte nicht aufhören." Dann gibt es einen Knackpunkt: Christine verliert ihren Führerschein. "Dadurch habe ich mir selbst ein bisschen Freiheit genommen", sagt sie rückblickend.

Es ist August 2018. Die junge Frau geht zum ersten Mal zur Suchtambulanz. Dort sagt sie, dass sie versuchen will, ihr Drogenproblem in den Griff zu bekommen und unbedingt eine Therapie machen will. Zuvor zieht sie den Entzug zu Hause durch. Christine ist ehrgeizig: "Ich wollte es schaffen - und ich habe es geschafft", blickt sie nun auf diese Leistung zurück.

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Schwandorf

Sie hat das Therapieziel vor Augen, macht sich selber Mut und bekommt sehr viel Unterstützung von ihrer gesamten Familie, mit der das Verhältnis zwischenzeitlich sehr viel besser ist. "Mittlerweile sind wir ein Herz und eine Seele". Es folgen sechs Monate Therapie in München, sie ist clean.

Wieder zu Hause, bricht sie ihre Kontakte ab, macht eine Umschulung und steht wieder im Berufsleben: "Ich liebe arbeiten". Ihr altes Leben hat die 23-Jährige heute weit hinter sich gelassen. "Damit kann ich mich gar nicht mehr identifizieren. Ich kann oft selbst gar nicht glauben, dass ich das war", sagt sie und warnt eindringlich vor dem Konsum der Droge: "Das ist überhaupt nichts, was man ausprobieren muss. Das zerstört das eigene Leben und das Leben anderer."

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Hintergrund:

Was ist Crystal?

  • Geschichte: Schon im zweiten Weltkrieg wurde die Droge unter dem Namen „Pervitin“ eingesetzt, um Soldaten leistungsfähiger zu machen.
  • Zusammensetzung: „Crystal Meth ist ein weißes, gelegentlich auch gelblich eingefärbtes, geruchsloses, bitter schmeckendes, kristallines Pulver, das sich leicht in illegalen Laboren aus relativ preiswerten Zutaten herstellen lässt und vergleichsweise kostengünstig verkauft wird“: So wird die Droge in einer frei verfügbaren Informationsbroschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beschrieben.
  • Wirkung: Je nach der Dosis wirkt Crystal Meth laut Infobroschüre vier bis zwölf Stunden, „bei sehr hoher Dosierung bis zu 30 Stunden“. Es macht sehr schnell süchtig. (Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

„Das ist überhaupt nichts, was man ausprobieren muss. Das zerstört das eigene Leben und das Leben anderer.“

Christine, ehemalige Crystal-Konsumentin

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