08.07.2021 - 20:53 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Drogenkonsum und Missbrauch: Eklatanter Mangel an Klinikplätzen

Personalmangel im Jugendamt Schwandorf, kaum Plätze in Kinder- und Jugendpsychiatrien und Fälle von Drogenkonsum und sexuellem Missbrauch waren kürzlich Thema im Jugendhilfeausschuss. Die Lage ist ernst. Wie weit spielt Corona eine Rolle?

Im Landkreis Schwandorf berichtet das Jugendamt von einer hohen Drogenproblematik und sexuellem Missbrauch. Die Behörden geben zwar ihr Bestes, die Kliniken sind aber voll.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Die Stellungnahme von Kreisjugendamtleiter Martin Rothut kürzlich im Schwandorfer Jugendhilfeausschuss klang alarmierend: Fachmitarbeiter fehlen, die teilweise in andere Behörden gewechselt sind. Die Belastung sei hoch, es bleibe wenig Zeit, sich angesichts neu eingehender Fälle in "Bestandsfälle" einzuarbeiten. Treffen würde insbesondere die hohe Drogenproblematik und Fälle sexuellen Missbrauchs.

Ob und wie Corona hier mit hineinspielt, lässt sich allerdings noch kaum beurteilen, sagt Rothut auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. "Das ist noch völlig unklar und wird dauern, bis man hierzu belastbare Daten hat." Klar ist jedoch: "Das alles tritt mittlerweile verstärkt auf." Sowohl der Drogenkonsum von Jugendlichen - und auch deren Eltern - als auch Missbrauchsfälle. "Davor war das nicht so." Die Schwere der Fälle nehme spürbar zu.

Franz Klarner arbeitet bei der Schwandorfer Erziehungsberatungsstelle, ist seit 30 Jahren als Psychologe in dem Beruf. Er sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass die Zahl oder die Heftigkeit, insbesondere im Bereich des sexuellen Missbrauchs, wegen Corona höher geworden sei. Es gebe hier eher eine traurige Konstante. Der Landkreis sei bei den Fällen im Vergleich mit anderen Kreisen nicht überproportional vertreten, man könne bei Leibe nicht von einem Hotspot oder ähnlichem sprechen. "Die Bürger", sagt er, "schauen wegen guter Aufklärungsarbeit mittlerweile auch einfach ganz genau hin." Valide Fallzahlen gibt es kaum, sagt er. "Wir stochern in der Dunkelziffer herum."

Welle an Meldungen

Beide Experten bestätigen allerdings, dass es während des Lockdowns eine sogenannte "Delle" gegeben habe bei den gemeldeten Fällen von Kindeswohlgefährdungen. Ein Grund zur Freude war das keinesfalls - im Gegenteil. "Während des Lockdowns, als Schulen geschlossen oder Sportvereine nicht mehr trainieren konnten, sind gewisse Kontrollinstanzen weggefallen", schildert Psychologe Klarner. Nach den Öffnungen habe es dann eine schiere "Welle" an Meldungen gegeben.

Auffallend sei auch, dass es immer mehr Kinder mit diversen Auffälligkeiten gebe - und das auch schon vor Corona. "Die Gruppe der sogenannten Systemsprenger steigt extrem", sagt Jugendamtsleiter Rothut. Und die Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten würden immer jünger werden. "Ich erinnere mich an einen Fall im letzten Jahr, bei dem ein Kind zwischen fünf und sieben Jahren mit dem Messer auf seine Mutter losgegangen ist."

Gesellschaftliche Veränderungen

Es gibt unterschiedliche Erklärungsansätze für diese Fälle, die nicht nur hier, sondern bayernweit eine zunehmende Tendenz haben, sagt Klarner. Er führt die steigenden Zahlen von Auffälligkeit vor allem auf gesellschaftliche Veränderungen in den letzten Jahren zurück. So hätten schwierige Scheidungen einen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, fehlende Betreuung der Kinder durch die Arbeit der Eltern und auch die Medienwelt.

Die Nutzer von neuen Medien würden immer jünger werden. "Viele Kinder", so Klarner, "gehen nicht mehr raus, lernen so auch keine Interaktion mit anderen Kindern oder Personen". Soziale Kompetenzen würden dadurch merklich fehlen, eine "Verinselung" stattfinden. All das könne prägend sein für die spätere Entwicklung.

Kaum Plätze in Kliniken

Ein großes Problem sei schon seit vielen Jahren, dass es im Landkreis Schwandorf einen "eklatanten Fehlstand" im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie gebe - es gibt dort nämlich gar keine solche Einrichtung. "Überraschend" habe ein Psychiater, der eine Niederlassung in Schwandorf hatte, am 1. April "seine Tore geschlossen". Und bisher habe sich dahingehend, so Klarner, nichts mehr getan. Und die umliegenden Praxen und Kliniken in Regensburg, Cham, Weiden und Amberg hätten sehr lange Wartezeiten.

Das Jugendamt, so Leiter Rothut, gebe sein Bestes, trotz Personalmangels. In den nächsten Tagen würden bereits Vorstellungsgespräche laufen, um die fehlenden Stellen zu besetzen. Er macht klar, dass die Behörde bei konkreten Hinweisen eingreifen würde. Beide, Rothut und Klarner, appellieren, sich bei Verdachtsfällen oder persönlichen Schwierigkeiten jederzeit ans Jugendamt oder an die Erziehungsberatungsstelle zu wenden. Ein spezieller Arbeitskreis von der Erziehungsberatungsstelle, der sich im Landkreis Schwandorf hauptsächlich mit Missbrauchsfällen beschäftigt, existiert seit über 30 Jahren und bietet ebenfalls Hilfe an. "Wir können nicht in Familien reinschauen", sagt Klarner. "Aber bei Hinweisen können wir handeln."

Die Kosten der Jugendhilfe steigen im Kreis Schwandorf Jahr für Jahr

Schwandorf
Hintergrund:

Hier gibt es Hilfe

  • Das Schwandorfer Jugendamt sagt, bei Problemen oder bei Verdachtsfällen kann man sich jederzeit, auch anonym, an die Behörde wenden. "Dafür sind wir auch da", sagt Leiter Martin Rothut. Der Kontakt: 09431 471 396
  • Auch die Schwandorfer Erziehungsberatungsstelle unter der Leitung von Franz Klarner bietet jederzeit ihre Hilfe an. Mehrere Psychologen und Sozialarbeiter sind dort beschäftigt. "Eltern und Jugendliche können immer zu uns kommen bei Problemen oder Fragen." Der Kontakt telefonisch: 09431 99 7010 oder per E-Mail unter: info[at]beratungsstelle-schwandorf[dot]de

In wie weit Corona mit in diese Problematik hineinspielt, ist noch völlig unklar und es wird dauern, bis man hierzu belastbare Daten hat.

Martin Rothut, Leiter des Kreisjugendamtes Schwandorf

Martin Rothut, Leiter des Kreisjugendamtes Schwandorf

 

 

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