25.03.2021 - 16:55 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Crystal: Sprunghafter Anstieg im Landkreis Schwandorf

Es klingt alarmierend: Die Crystal-Fallzahlen stiegen im Landkreis Schwandorf von 96 im Jahr 2019 auf 171 im vergangenen Jahr an. Diese Zahlen sind im Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums Regensburg zu finden. Was steckt dahinter?

Im Landkreis Schwandorf gab es im vergangenen Jahr merklich mehr Crystal-Fälle.
von Benjamin Tietz Kontakt Profil

Zunächst: Rauschgiftkriminalität fällt unter die Kontrolldelikte. Das bedeutet: Mit der Zahl der Kontrollen steigt in der Regel auch die Zahl der Treffer. Unter diesem Gesichtspunkt ist der deutliche Anstieg der Crystal-Fallzahlen von 96 im Jahr 2019 auf 171 im vergangenen Jahr im Landkreis Schwandorf zu sehen.

Das bestätigt auch das Polizeipräsidium Regensburg auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien: "Der deutliche Anstieg ist auf einen örtlichen Schwerpunkt in der Stadt und die damit verbundenen Kontrollen und Sicherstellungen von Betäubungsmitteln zurückzuführen. In der Folge führten diese Kontrollen zur Festnahme mehrerer Dealer", schreibt Polizei-Sprecherin Franziska Meinl.

Die Zahlen sind laut Polizei also zu einem großen Anteil auf den hohen Kontrolldruck - insbesondere im Zusammenhang mit dem bereits genannten Schwerpunkt in der Stadt Schwandorf - zu erklären. "Die durchgeführten Kontrollen führen dazu, dass die Betäubungsmittelkriminalität aus dem Dunkel- ins Hellfeld gerückt wird", betont die Polizeisprecherin.

Auf eine telefonische Nachfrage nach der besagten Örtlichkeit antwortete Sprecherin Meike Schröder, dass sich diese im privaten Bereich befindet und keinen öffentlichen Platz - wie etwa den Bahnhof oder den Stadtpark - betreffe.

Gibt es neben der Stadt Schwandorf noch weitere Crystal-Schwerpunkte innerhalb des Landkreises Schwandorf? Franziska Meinl nennt an dieser Stelle neben der Kreisstadt vor allem Nabburg sowie das Städtedreieck Burglengenfeld-Teublitz-Maxhütte-Haidhof. Anzumerken sei jedoch hierzu, dass die Zahl der Kontrollen naturgemäß in städtischen Regionen höher sei als in ländlichen Regionen. "In der Folge sind bei einem Kontrolldelikt dann auch höhere Zahlen in den Städten zu erwarten" so Meinl.

Der Weg aus der Sucht

Schwandorf

Ob man den Landkreis Schwandorf angesichts dieser Zahlen und des Spitzenplatzes in der Oberpfalz als Crystal-Hochburg bezeichnen kann, beantwortet die Polizei nicht eindeutig. Sie schreibt: "Im Landkreis Schwandorf ist eine räumliche Nähe sowohl zur Tschechischen Republik wie auch Regensburg gegeben. Diese räumliche Nähe wird für die Beschaffung von Crystal-Speed genutzt".

Zur Herkunft des Stoffs merkt die Sprecherin an, dass sie nicht immer geklärt werden könne. Der Grund: Das Recht der Beschuldigten, sich nicht selbst belasten zu müssen. Richtig sei jedoch, dass Crystal zu einem hohen Anteil aus der Tschechischen Republik stamme. "Gleichzeitig ist allerdings seit Jahren auch zunehmend der Versand aus dem Ausland, unter anderem aus den Niederlanden feststellbar".

Neben Crystal-Speed spielen laut Polizei hier auch Cannabisprodukte - insbesondere Marihuana - eine Rolle. Immer wieder würden auch Neue psychoaktive Stoffe (NpS) sichergestellt. Hierbei handelt es sich um Kräutermischungen, die über das Internet vertrieben werden und deren Zusammensetzung große Gesundheitsrisiken für den Konsumenten bergen.

Die Polizei begegnet der Drogenproblematik nicht nur durch Kontrolldruck, sondern auch durch Prävention. Sie bietet zum Beispiel Vorträge in Schulen an. "Speziell geschulte Präventionsbeamte referieren in Grund- und Hauptschulen, aber auch den weiterführenden Schulen und Berufsschulen zu den Themen Drogen, Missbrauch von Drogen und den Gefahren von Crystal-Speed'", schildert Meinl. Dies sei jedoch wegen der Corona-Pandemie seit März 2020 ausgesetzt.

„Wer sucht, der findet“, heißt es bereits in der Bibel. Dieser Satz ließe sich also ergänzen: „Wer Sucht sucht, der findet“. Das bedeutet: Drogen und Crystal gibt es im Landkreis Schwandorf schon lange – und zwar nicht zu wenig. Fälle gäbe es genug, weiß auch Oberstaatsanwalt Jürgen Konrad: „Je mehr Einsatzkräfte, desto mehr Verfahren“. Den sprunghaften Anstieg bei den Crystal-Fallzahlen im Landkreis Schwandorf sollte man also richtig einordnen: „Wenn die Polizei diese Zahlen hat, ist das ein Grund zum Loben und nicht zum Sorgen“, unterstreicht er.

Generell sieht der Sprecher der Staatsanwaltschaft Amberg keine Auffälligkeiten bei der Zahl der Verfahren wegen Crystal. „Das ist im normalen Schwankungsbereich“, schildert der Oberstaatsanwalt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Im Laufe der Ermittlungen ergeben sich oft mehrere Verfahren, weil mehrere Personen ermittelt werden. Konrad vergleicht das mit der Hydra.

Vornehmlich stammt das Rauschgift aus der Tschechischen Republik: „Crystal kommt in exorbitant guter Qualität über die Grenze“. Die Kleinmengen, die hier dann verkauft werden, seien dann oftmals gestreckt: „Das sind die Gewinnmargen“, schildert Konrad. Ins Netz gehen der Justiz oft die eher kleineren Fische. Das sind meist die, die handeln, um ihre eigene Sucht zu finanzieren. Laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft ist es eher selten, dass die Personen nicht selber konsumieren: „Das sind dann die, an die man nicht rankommt“.

Manchmal ist es auch eine Person, die für sich einen Schlussstrich ziehen will und den Ermittlern gegenüber auspackt. „Da kommt dann eines zum anderen“, schildert der Oberstaatsanwalt. Wenn jemand aber eine Lebensbeichte ablege, „geht das selten nach oben in der Handels-Ebene, eher nach unten“.

Generell wird es laut Konrad immer schwieriger, operative Maßnahmen vorzunehmen. Er denkt in diesem Zusammenhang zum Beispiel an den großen Aufwand, der für eine schlichte Telefonüberwachung betrieben werden müsse. „Das ist der Tribut, den wir dem Rechtsstaat zollen müssen“, sagt er im Gespräch. Grundsätzlich lobt der Oberstaatsanwalt die hervorragende Zusammenarbeit mit den Ermittlern auf tschechischer Seite. So stünden die Behörden auf deutscher und tschechischer Seite in einem engen Kontakt. Und wenn die personellen Ressourcen aufgestockt werden würden, ist Konrad sicher: „Die wären nicht arbeitslos“.

Gespräch mit der Suchttherapeutin

Schwandorf

Die meisten Patienten nach einem akuten Crystal-Missbrauch werden im Bezirkskrankenhaus oder in der Klinik in Wöllershof behandelt, sagt Karin Schmittner von der Fachambulanz für Suchtprobleme. Doch auch ins Krankenhaus St. Barbara in Schwandorf wurden Personen nach einem Drogenmissbrauch eingeliefert.

„Im Jahr 2020 wurden am Krankenhaus St. Barbara Schwandorf elf verschiedene Patienten insgesamt 17 Mal aufgrund eines Verdachts auf Missbrauch von Methamphetamin (Crystal) behandelt“, teilt Krankenhaus-Sprecherin Marion Hausmann auf eine Anfrage von Oberpfalz-Medien mit. Dabei handelte es sich um sieben Männer und vier Frauen im Alter von 18 bis 56 Jahren.

Im Jahr 2019 wurden laut Hausmann 14 Patienten – zehn Männer und vier Frauen im Alter von 18 und 55 Jahren – insgesamt 18 Mal aufgrund behandelt. Wie Hausmann weiter schildert, erfolgt bei Patienten, die sich mit Verdacht auf Drogenmissbrauch in der Zentralen Notaufnahme vorstellen, eine Blutabnahme und ein Tox-Screening des Urins.

"Manche Substanzen sind jedoch nur schwer nachweisbar. Je nach Zustand erhalten die Patienten dann Infusionen und werden überwacht – auf Normalstation, am Monitor oder manchmal auch auf der Intensivstation“, teilt die Sprecherin abschließend mit.

Drei Mütter erzählen über Drogensucht ihrer Kinder

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Crystal-Fallzahlen 2020

  • Stadt Amberg: 42 (-3 zu 2019)
  • Stadt Regensburg: 85 (+21)
  • Stadt Weiden: 31 (+2)
  • Landkreis Amberg Sulzbach 14 (+6)
  • Landkreis Cham 23 (+16)
  • Landkreis Neumarkt: 22 (+3)
  • Landkreis Neustadt/WN: 23 (+10)
  • Landkreis Regensburg: 24 (+11)
  • Landkreis Schwandorf: 171 (+75)
  • Landkreis Tirschenreuth: 55 (-9)
  • Oberpfalz: 490 (+132)
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