01.11.2020 - 16:45 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Arbeitsagentur Schwandorf: Corona macht Ausbildungsmarkt kaum zu schaffen – trotzdem deutlich weniger Stellen

Fachkräftemangel, Trend zum Studium, demografischer Wandel: Die Herausforderungen für Betriebe in der Oberpfalz sind enorm. Die Coronakrise kommt noch hinzu – hat aber kaum Folgen für den Ausbildungsmarkt. Das zeigen neue Azubi-Zahlen.

Die Baubranche in der mittleren Oberpfalz hat mit Abstand mit dem größten Bewerbermangel zu kämpfen. Berufe wie Maurer und Zimmerer leiden unter einem schlechten Image – zu Unrecht, erklären Experten.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der Ausbildungsmarkt im Bereich der Agentur für Arbeit (AA) Schwandorf hat sich in den vergangenen zwölf Monaten deutlich verändert. Erstmals seit über zehn Jahren gibt es nicht nur weniger Azubis als im Vorjahr, sondern auch die Zahl der Ausbildungsstellen ist spürbar eingebrochen. Das zeigt der neueste AA-Bericht zum Ausbildungsmarkt. Was das bedeutet und welchen Anteil die Coronakrise hat, erläutern Markus Nitsch, Vorsitzender der Geschäftsführung der AA Schwandorf, Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz und Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung bei der IHK Regensburg.

So meldeten dem Bericht zufolge die Arbeitgeber in der mittleren Oberpfalz von Oktober 2019 bis Ende September 2020 insgesamt 4603 Ausbildungsstellen. Die Bewerberzahl für Azubi-Stellen reduzierte sich von 2424 in 2018/19 um über 7 Prozent auf 2247 im Jahr 2019/20. Während dieser Trend landesweit bekannt ist, gingen jedoch auch die Ausbildungsstellen von 4997 um 394 auf nur noch 4603 zurück – ein deutlicher Einbruch von rund 8 Prozent. Agentur-Chef Nitsch sagt dazu: "Zuvor wurde die Situation auf dem Ausbildungsmarkt für Azubis immer besser, weil es mehr Stellen aber weniger Bewerber gab. Jetzt gehen die Zahlen aber in beiden Bereichen zurück: Es gibt weniger Bewerber – und auch weniger Stellen."


Zwei Stellen auf einen Bewerber

Dennoch gibt es laut Nitsch für Bewerber nichts zu klagen. "Azubis haben auf dem Arbeitsmarkt in der mittleren Oberpfalz eine ausgezeichnete Situation. Auch im deutschlandweiten Vergleich stehen wir da sehr gut da." Im AA-Bezirk Schwandorf - wozu neben dem Landkreis Schwandorf auch die Kreise Cham, Amberg-Sulzbach und die kreisfreie Stadt Amberg zählen - kommen im Schnitt zwei Ausbildungsstellen auf jeden Bewerber. Dieser Meinung ist auch der Vertreter der Handwerkskammer, Hans Schmidt. "Die Situation auf dem Bewerbermarkt ist ideal. Alle Branchen kämpfen um Nachwuchs, die Jungen können es sich quasi aussuchen, wohin sie wollen."

Eklatantes Fehl in Baubranche

Den größten Lehrlingsmangel gibt es dem Bericht zufolge in der Baubranche. Auf 733 Ausbildungsstellen kamen nur 164 Bewerber - die erschreckend hohe Zahl von 569 Stellen blieb somit im Berichtsjahr unbesetzt. Nitschs Erklärung: "Die Tarifstruktur im Baugewerbe hat aufgeholt, man zahlt inzwischen sehr gut, aber es gelingt nicht, das in ein positives Image zu übersetzen." Heißt im Klartext: Das Gewerbe hat einen schlechten Ruf, viele ziehen das Studium oder weniger harte Arbeit im Büro vor - obwohl man am Bau inzwischen gut verdienen kann. Schmidt erinnert zudem an gute Karrierechancen: "Man hat sehr gute Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, zum Beispiel zum Meister oder Techniker."

Das Handwerk kann gerade in der Coronakrise punkten. Wir bieten sichere Arbeitsplätze und eine „Karriere daheim“.

Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

Einen ebenfalls großen Stellenüberhang gibt es im Metall- und Maschinenbau (741 zu 414), im Dienstleistungsbereich (732 zu 276) und bei Elektroberufen (534 zu 208). Keine Probleme, Nachwuchs zu finden, gibt es dagegen im Bereich Forst, Tiere, Floristik und Gartenbau (54 Stellen zu 51 Bewerbern). Und auch im Pflege- und Erziehungsbereich ist der Mangel - zumindest in der Region - nicht so groß, wie die öffentliche Debatte suggerieren könnte: Auf 298 Stellen haben sich 223 Azubi-Interessenten beworben. "Die aktuelle Diskussion um Wertschätzung der Pfleger und Erzieher ist die beste Werbung", sagt Nitsch dazu.

Corona wiederum hatte auf den Ausbildungsmarkt kaum Auswirkungen. Das Handwerk sei mit einem "blauen Auge davongekommen", berichtet Schmidt. So hätten Bauarbeiter und Handwerker den Auftragsstau von 14 bis 16 Wochen abarbeiten können auf nun nur noch 8 bis 9 Wochen. Dass es immer noch Engpässe gibt, liege vor allem am Fachkräftemangel.

Corona verhinderte Bewerbungen

"Gerade jetzt in der Krise suchen die Betriebe nach Azubis, weil der Fachkräftemangel trotz Corona da ist", betont der Vertreter der Handwerkskammer. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Gebiet der Handwerkskammer ging bis Ende August 2020 um 6,9 Prozent auf 2214 zurück. Das sei angesichts der Pandemie-Einschränkungen ein guter Wert. Ursächlich für den Rückgang laut Schmidt: "Im Frühjahr gab es keine Bewerbungsgespräche, keine Berufsmessen, aber seit Juli ist ein Aufholeffekt spürbar." Schmidt wirbt um Schulabgänger: "Das Handwerk kann gerade in der Coronakrise punkten. Wir bieten sichere Arbeitsplätze und eine Karriere daheim."

Ein Rückgang von fast zwölf Prozent bei den Azubi-Verträgen ist alarmierend. Die Pandemie ist hier aber ein großer Einflussfaktor.

Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung IHK Oberpfalz

Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung IHK Oberpfalz

Ralf Kohl wiederum muss für den IHK-Bereich Mittlere Oberpfalz allein im Oktober 2020 einen durchschnittlichen Rückgang an neuen Ausbildungsverträgen von 11,75 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum vermelden. "Das ist schon alarmierend. Die Pandemie ist hier ein großer Einflussfaktor, weil es im Frühjahr kaum Bewerbungsgespräche gegeben hat. Schwerwiegender ist aber der demografische Wandel und der Trend zum Studium", erklärt der IHK-Experte die Zahlen. Aber: "Die Nachholeffekte sind im Gange, es sind auch nach dem 1. September noch Bewerbungen möglich und unsere Betriebe sind sehr engagiert, sie geben trotz problematischer Coronabedingungen ihr bestes."

Kampagne zielt auf Eltern ab

Wichtig sei, mit den zwei Ausbildungskampagnen "AusbildungsScouts" und "Elternstolz" dem Trend zum Studium entgegenzuwirken und wieder mehr Schulabgänger zu einer Ausbildung zu bewegen. "Wir müssen es schaffen, dass eine Ausbildung wieder positiv besetzt ist" sagt Kohl. Weil Eltern die "zentrale Entscheidungsquelle für Kinder bei der Berufswahl" seien, ziele die Kampagne deshalb auf einen Bewusstseinswandel bei den Erziehungsberechtigten ab.

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