23.07.2021 - 14:50 Uhr
SchönseeOberpfalz

Streit um Schönseer Kulturerbe: Klöppelkreis kündigt Zusammenarbeit mit der Stadt

Filigrane Fäden sind ihr Spezialgebiet: Seit Jahrzehnten sorgen die Klöpplerinnen dafür, das ihr Kulturerbe nicht untergeht. Die Stadt Schönsee profitiert. Doch jetzt gibt es Streit – mit scheinbar unüberwindbaren Gräben.

Für Frieda Roith, hier mit einer Nachwuchs-Klöpplerin, ist ein Punkt erreicht, an dem sie mangels Wertschätzung keine Chance für eine weitere Zusammenarbeit des Klöppelkreises mit der Stadt Schönsee sieht.
von Monika Bugl Kontakt Profil

In der Schönseer Volksschule hat Frieda Roith, Sprecherin des örtlichen Klöppelkreises, gerade ihre letzte Schülerin verabschiedet, eine von zehn, die hier freiwillig ehrenamtlichen Unterricht bekommen. Geklöppelt wird mit bunten Fäden ein Fisch fürs "Aquarium" der Schule. Etwa 25 Erst- bis Viertklässler haben das Klöppeln sogar als Wahlfach ausgesucht, ihr Unterricht war schon am Montag. Doch an diesem Mittwoch steht der 64-Jährigen nicht der Sinn nach feinen Fäden, eher nach einem Schlussstrich: Sie will die Zusammenarbeit mit der Stadt Schönsee beenden. "Ich übernehme keine Arbeit mehr für die Stadt, nur noch für die Verwaltungsgemeinschaft", stellt die Sprecherin des Klöppelkreises klar und sieht dabei die rund 20 lose organisierten Klöpplerinnen hinter sich.

Dabei hatte es noch vor wenigen Wochen so ausgesehen, als wären Unstimmigkeiten bei einer Aussprache mit Vertretern der Stadt und Bürgermeister Reinhard Kreuzer endlich weitgehend ausgeräumt, das Verhältnis befriedet. Stadtrat Xaver Bayer hatte sich bei dieser Gelegenheit als Vermittler angeboten, von einer neuen Ära der Zusammenarbeit war laut einer Pressemitteilung der Stadt die Rede. Doch nun der Paukenschlag. Ausschlaggebend dafür: Schon zehn Minuten nach dieser Aussprache soll der Bürgermeister eine abfällige Bemerkung gegenüber einer Klöpplerin gemacht haben, die für Frieda Roith das Fass zum Überlaufen brachte. Bereits zum dritten Mal habe er dabei auf das Alter der Klöpplerinnen angespielt.

Wunder Punkt Verein

Bei einem Pressegespräch in der Schule wird deutlich, wie tief die Gräben sind, die nun zur Aufkündigung der Zusammenarbeit geführt haben. Ein wunder Punkt ist dabei die Frage, ob sich aus dem Klöppelkreis heraus ein Verein entwickeln soll. Während Roith dafür keine Notwendigkeit sieht, pocht der Bürgermeister darauf, weil es da auch um Fördergelder geht. Ein weiterer Knackpunkt ist der Klöppel-Trafo mit seinen Ausstellungsflächen für das Kulturerbe. Nach einem Zwist hatte der Klöppelkreis die Ausstellungsstücke abgeräumt, die nach Ansicht von Roith die moderne Seite dieser Handarbeitskunst beleuchten sollten, nachdem es in Tiefenbach ein Museum für alte Werke gibt. "Tiefenbach hat die alte Spitze, wir haben die neue", so hatte die 64-Jährige das Konzept verstanden, in das beispielsweise Innovatives wie geklöppelte Kuchen und Torten gut passten.

Und es gibt noch mehr Indizien, die die Klöpplerinnen als Grund für den Bruch mit der Stadt ausgemacht haben: vom Vorwurf, jemanden nicht zu grüßen über einen zu spät bearbeiteten Flyer und Einmischung in den Einkauf beim Klöppelbedarf bis hin zu einem neuen Schloss im städtischen Archiv. Roith wirft das umfassende Engagement der Klöpplerinnen in die Waagschale. "Die ganze Stadt hat von unserer Arbeit profitiert, ein Lob haben wir dafür von diesem Bürgermeister nie gekriegt", sagt die 64-Jährige: "Wenn man so ein Engagement nicht schätzt, sind wir hier fehl am Platz." Rückendeckung erhält sie von Maria Hanauer, die mit 38 Jahren zu den jüngeren im Klöppelkreis gehört und dort seit einem Jahr aktiv ist. "Es ist alles sehr schwierig und sehr traurig", bedauert sie und spricht von "tollen Ideen", die nicht anerkannt würden. "Wenn das Kulturerbe nicht geschätzt wird, stirbt es aus", warnt sie. Dabei sei doch gerade das Klöppeln ein Alleinstellungsmerkmal für Schönsee, weiß sie aus ihrer Zeit als Schwangerschaftsvertretung in der Tourist-Info: "Die Leute fragen: Wo ist die Spitze?"

Bürgermeister spricht von Verleumdung

Bürgermeister Reinhard Kreuzer wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, er habe sich mehrfach abfällig über den Klöppelkreis geäußert. "Es ist eine Unverschämtheit, was hier behauptet wird. Es war doch schon alles in trockenen Tüchern", empört er sich, spricht von Lügenmärchen und Verleumdung und droht damit, dass die Sache "gerichtsmassig" werde, falls Roith die Vorwürfe aufrecht erhalte. Gleichzeitig steht er zu seiner Kritik an dem "nicht organisierten" Klöppelkreis, der seiner Ansicht nach nur als Verein in den Genuss von Fördergeldern kommen könne. Ein Verein biete auch die Chance, jungen Leuten ohne schulischen Zwang das Klöppeln schmackhaft zu machen. Was den Einkauf des Klöppelmaterials betrifft, so bemühe sich die Stadt eben, ein ortsansässiges Fachgeschäft zu erhalten. Und im Archiv habe Frau Roith schon gar nichts zu suchen, ob Schlösser ausgetauscht würden, das sei allein seine Sache, so der Rathaus-Chef. Den Klöppel-Trafo werde künftig eben die Stadt bestücken, kündigt er an . "Ich werde diese Kunst, dieses immaterielle Kulturerbe genauso weiterverfolgen wie meine Vorgänger."

Stadtrat Xaver Bayer, der sich erst bei der jüngsten Aussprache als Vermittler angeboten hatte, steht vor vollendeten Tatsachen. "Den Job hab' ich ihm wieder genommen", sagt Roith. "Wirklich schade, dass ich nun nicht vermitteln darf" bedauert Bayer. "Hier ist das Kind offensichtlich schon in den Brunnen gefallen."

Noch vor wenigen Wochen herrschte "Waffenstillstand"

Schönsee
Nicht nur Fische, auch anderes Getier lässt sich mit Spitze für das Aquarium kreieren.
So sieht ein fertiger Klöppelfisch aus, der bereits in dem – allerdings mit Luft gefüllten – Aquarium der Schönseer Schule schwimmt, unbelastet von den Querelen ums Kulturerbe .
Info:

Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald

  • Geschichte: Nach Rückgang der Hausweberei gab es um um 1840 einen Versuch der bayerischen Regierung, Klöppeln als Heimarbeit zu etablieren. 1901 wurde die erste "Königlich Bayerische Klöppelschule" in Stadlern eröffnet. 1906 und 1907 folgten weitere in Schönsee und Tiefenbach. In den 70er Jahren wurden die drei staatlichen Schulen geschlossen.
  • Kurse: Die Volksschule Schönsee bietet Klöppelunterricht als Wahlfach. Für Feriengäste und Einheimische werden mehrmals jährlich Kurse von der Tourist-Information angeboten.
  • Auszeichnungen: 2016 ist Spitzenklöppeln auf der Landesliste Bayern des Immateriellen Kulturerbes, 2017 Aufnahme in das Bundesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes nach Unesco-Richtlinien, 2018 Heimatpreis Oberpfalz und Zukunftspreis, verliehen durch den Verein Partner für den Landkreis Schwandorf.
  • Ausstellungsorte: Klöppelmuseum Tiefenbach, Klöppel-Trafo Schönsee sowie vorübergehend an zahlreichen weiteren Orten
  • Klöppelkreis: aktuell 20 Personen im Alter von 35 bis 87 Jahren

"Die ganze Stadt hat von unserer Arbeit profitiert, ein Lob haben wir dafür von diesem Bürgermeister nie gekriegt."

Frieda Roith, Sprecherin des Klöppelkreises

Frieda Roith, Sprecherin des Klöppelkreises

"Es ist eine Unverschämtheit, was hier behauptet wird. Es war doch schon alles in trockenen Tüchern."

Bürgermeister Reinhard Kreuzer

Bürgermeister Reinhard Kreuzer

 

 

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