05.03.2021 - 18:13 Uhr
SchönseeOberpfalz

Medical Valley in der Oberpfalz

Der ländliche Raum darf bei der Gesundheitsversorgung nicht ins Hintertreffen geraten. Wie das im Zusammenspiel von Wissenschaft, Kommunen und Ärzten geht, vertiefte ein Online-Symposium zur Gesundheitsversorgung

Am Online-Symposium beteiligten sich uk: v. oben links im Uhrzeigersinn: Professor Clemens Bulitta (oben links), Moderator Josef Schönhammer (oben rechts), Dr. Jan Bělobrádek (unten rechts) und Dr. Richard Wagner, medizinischer Leiter des MVZ in Neunburg vorm Wald (unten links).
von Hans EibauerProfil

Trotz aller wissenschaftlichen Impulse der OTH Amberg-Weiden, eigener Anstrengungen vor Ort wie in der Stadt Neunburg vorm Wald und seitens regionaler Kliniken bleiben die Ärztinnen, Ärzte und das Pflegepersonal mit ihren Patienten der Dreh- und Angelpunkt. Medizinisches Personal aus Tschechien und der Slowakei kann in grenznahen Regionen Lücken füllen. Aus verschiedensten Blickwinkeln beleuchtete die Neunburger Akademie Bayern-Böhmen mit ihrem Kooperationspartner Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in einem Online-Forum die „Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum – Situation und Perspektiven“. Versierte Experten waren zugeschaltet.

Das Gesundheitszentrum Ostoberpfalz

Neunburg vorm Wald

Josef Schönhammer, Vorsitzender der Akademie, moderierte vom Raum bb-dialog im CeBB die zwei Stunden Online-Symposium, thematisch in vier Blöcke gegliedert. In den ersten beiden stellten Professor Steffen Hamm und der Mediziner Professor Clemens Bulitta von der OTH Amberg-Weiden die „Gesundheitsregion plus Nordoberpfalz“ mit ihrem Projekt 5G4Healthcare vor. Auf Basis der am OTH Standort Weiden im Gesundheits- und Medizintechnikcampus etablierten Bachelor- und Masterstudiengänge Gesundheitswirtschaft und Medizintechnik werden derzeit die Weichen für ein „medical valley“ mit neuen Studiengängen gestellt.

Nah am Rentenalter

Für die immer älter werdende Bevölkerung ist es beruhigend, dass es den Medizinwissenschaftlern an der OTH Amberg-Weiden ein echtes Anliegen ist, die Auswirkungen des demografischen Wandels in der Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum frühzeitig zu benennen, um auf allen Ebenen reagieren zu können. Nicht nur der Altersdurchschnitt in der Bevölkerung steigt, auch überdurchschnittlich viele der niedergelassenen Ärzte mit Praxen am flachen Land sind schon nah am Rentenalter oder praktizieren weiter, auch jenseits der 65.

Sich dieser Entwicklung entgegenzustemmen, schafft die Stadt Neunburg vorm Wald mit dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ). „Es musste alles wahnsinnig schnell gehen“, sagt Bürgermeister Martin Birner, zusammen mit Geschäftsleiter Georg Keil und Dr. Richard Wagner Gastreferenten beim Online-Symposium. Der Grund, warum 2019 absolut keine Zeit verloren gehen durfte, war die Gefahr, binnen vier Monaten den chirurgischen Facharztsitz nach Schwandorf abgeben zu müssen, wenn nicht ein Nachfolger für die plötzlich vakante Stelle gefunden würde. Dank einem Stadtrat, der sich einig war, einem anschiebenden Bürgermeister, einem zuarbeitenden Verwaltungsleiter und fachlich kompetenten Internisten lief vom runden Tisch Ende September über den Grundsatzbeschluss im Stadtrat im Oktober, der rechtsaufsichtlichen Genehmigung für den Eigenbetrieb im November 2019 und der Besetzung der freigewordenen Chirurgenstelle alles wie am Schnürchen. Bereits Mitte des Jahres 2020 nahm das MVZ als Eigenbetrieb der Stadt seine Arbeit auf.

Vorteile zeichnen sich ab

„Ganz so selten ist ein MVZ nicht, in Deutschland gibt es etwa 3.500 davon“ antwortete Dr. Richard Wagner auf eine Zuschaueranfrage. Als Betreiber ist die Stadt inzwischen Arbeitgeber für drei Facharzt-, einer Hausarztstelle und zwölf Fachangestellte. Die Vorteile nach einem halben Jahr Betrieb zeichnen sich nach Dr. Wagner schon ab: Erhalt der fach- und hausärztlichen Versorgung, das wirtschaftliche Ergebnis ist besser als erwartet und für die MVZ interessieren sich deutlich mehr junge Kollegen, denn für angestellte Ärzte stehen Verträge mit flexiblen Arbeitszeiten weit oben auf der Wunschliste.

Abschließend offenbarte Dr. Jan Bělobrádek, Allgemeinarzt in Červený Kostelec in der Region Königgrätz im Osten Tschechiens in seiner Präsentation die Dramatik der ärztlichen Versorgung im Nachbarland. Die Charts, die er dabei hatte, verdeutlichen die ärztliche Unterversorgung auf dem flachen Land. So praktizieren 50 Prozent der Zahnärzte in Tschechien in Prag. In der Nachbarregion konzentrieren sich die wenigen Kinderarztpraxen auf die Bezirkshauptstadt Pilsen, ähnlich sieht es in der Gynäkologie aus. Der Aderlass durch abwandernde junge Ärzte ins europäische Länder wird beschleunigt durch geringe Zukunftschancen in ländlichen Regionen und durch den im Vergleich zu Deutschland erheblich niedrigeren Verdienst. Die derzeit extrem hohe Corona - Inzidenzzahl erschwert die Situation zusätzlich. Da verhallen Vorschläge des tschechischen Arztes zusammen mit einigen seiner Kollegen, seitens des Staats massiv gegenzusteuern, derzeit wohl ungehört.

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