10.11.2020 - 17:55 Uhr
SchönseeOberpfalz

Marktrat Mantel kippt Wohnheim-Plan: Jetzt ist Schönsee wieder am Zug

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Die Sozialtherapeuthische Einrichtung (STE) Lindau zieht nicht nach Mantel um. Der Marktrat macht trotz dem 2019 genehmigten Bauplan einen Rückzieher. Der Schönseer Bürgermeister nutzt die Chance, die 30 Arbeitsplätze zu halten.

Spätestens Ende 2021 muss das STE-Wohnheim aus dem ehemaligen Hotel Drechselberg ausziehen. Seit 2008 standen hier 28 Therapieplätze für chronisch suchtkranke Menschen zur Verfügung.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Neue gesetzliche Vorschriften in Sachen Barrierefreiheit und ein auslaufender Pachtvertrag führten dazu, dass sich die Sozialtherapeutische Einrichtung (STE) Lindau seit drei Jahren um einen neuen Standort und einen Investor bemühte. "Wir haben eine Odyssee hinter uns", sagt Leiterin Ingeburg Hirschleb im Gespräch mit Oberpfalz-Medien und ergänzt: "Viele finden unsere Arbeit toll, wollen sie aber nicht vor der Haustüre haben. Dabei gab es in den 21 Jahren in Schönsee nie ein Problem mit den Bürgern." Sie freut sich, dass es jetzt eventuell eine Lösung gibt, damit das Wohnheim in der Stadt bleiben kann.

30 Arbeitsplätze sind für uns sehr wichtig. Darauf können und wollen wir nicht verzichten.

Bürgermeister Reinhard Kreuzer

Bürgermeister Reinhard Kreuzer

Der Marktrat Mantel stellt das Verfahren zum STE-Neubau ein

Mantel

Bauträger gefunden

Seit mehr als zwei Jahrzehnten gibt es in Schönsee die Sozialtherapeutische Einrichtung "STE Lindau" für ehemals suchtkranke Menschen. Neben einer Außenwohngruppe "Am Buchenberg" stehen im Haupthaus, dem ehemaligen Hotel am Drechselberg, 28 Therapieplätze zur Verfügung. "Der gesetzlich geforderte Umbau des Hotels würde Jahre dauern, das können wir den Bewohnern nicht zumuten", erklärt Hirschleb die Gründe für die Neuorientierung. Die nicht einfache Suche nach einem Bauträger hatte schließlich Erfolg. Dessen Pläne für Weiden und Vohenstrauß-Altenstadt seien laut Hirschleb von den Bürgermeistern sehr begrüßt worden, scheiterten dann aber "an der Akzeptanz".

Seit 3. November ist klar, dass der Neubau auch in Mantel nichts wird. Der dortige Marktrat beschloss mit nur einer Gegenstimme, dass das Verfahren um den Bau einer sozialtherapeutischen Einrichtung eingestellt wird. Der Grund: Widerstand der Anwohner und anliegender Firmen. Dabei hatte der Marktrat im November 2019 den Bauantrag der R & K Projektbau GmbH & Co. KG auf Neubau einer sozialtherapeutischen Einrichtung mit großer Mehrheit (zwei Gegenstimmen) genehmigt. Bei der anschließenden Bürgerversammlung im November 2019 erläuterten Einrichtungsleiterin Ingeburg Hirschleb und Alexander Robl vom Bauträger das Projekt: "In der Einrichtung werden suchtkranke Menschen betreut, die alkohol-, drogen- oder tablettenabhängig waren, aber bereits clean sind." Hirschleb bekräftigt: "Diese Menschen kommen freiwillig zu uns. Viele sind aus zerrütteten Familien und alle haben den Wunsch, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen." Der im Durchschnitt einjährige Aufenthalt fördere mit einer festen Tagesstruktur die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Abends seien die Bewohner aufgrund des fordernden Programms müde und würden im Haus bleiben.

Die Absage aus Mantel trifft Ingeburg Hirschleb nicht ganz unvorbereitet. Aber die drei "Nullnummern" haben sie vorsichtig gemacht, und so will sie - ebenso wie Bürgermeister Reinhard Kreuzer - erst die schriftliche Zusage aus dem Landratsamt Schwandorf abwarten, bevor sie mit dem möglichen Baugrundstück in Schönsee an die Öffentlichkeit geht. Ausdrücklich lobt die STE-Leiterin das Engagement des neuen Bürgermeisters: "Herr Kreuzer ist auf mich zugekommen, hat Kontakte geknüpft und in der kurzen Zeit viel herausgestemmt." Wie Reinhard Kreuzer im Gespräch mit Oberpfalz-Medien betont, habe er für das ins Auge gefasste städtische Grundstück bereits eine mündliche Zusage ("würde passen") von Landrat Thomas Ebeling.

Bürgermeister Reinhard Kreuzer zeigt sich im August 2020 zuversichtlich, dass die STE in Schönsee bleiben kann

Schönsee

Caterer für Kindergarten

"30 Arbeitsplätze sind für uns sehr wichtig. Darauf können und wollen wir nicht verzichten", bekräftigt der Bürgermeister. Deshalb sei er den drohenden STE-Wegzug, zusammen mit seinem Stellvertreter Andreas Hopfner, offensiv angegangen, "das wurde die zurückliegenden Jahre versäumt". Falls das Landratsamt die Vorab-Baugenehmigung positiv prüft, werde der Bauträger im Frühjahr 2021 mit dem Neubau starten. "Das wäre für uns sehr wichtig", betont Kreuzer und ergänzt, dass die STE Lindau auch das Essen für die Kindergarten- und Schulkinder liefert. Im Haus arbeiten Diplom-Psychologen, Sozialtherapeuten, Ergotherapeuten, Heilerziehungspfleger, medizinisches Personal, Verwaltungskräfte, Hauswirtschaftspersonal und Hilfskräfte. Von den 30 Leuten wären nur zehn mit nach Mantel gegangen. Leiterin Ingeburg Hirschleb dankte im Jahr 2014, beim Jubiläum "15 Jahre STE Lindau", auch Privatleuten dafür, dass sie den Abhängigen eine Stütze geben. Denn zu einer neuen Lebensqualität gehöre ein angemessenes Freizeitverhalten und auch das Wissen, wie mit Problemen und schwierigen Situationen umzugehen ist. Sie stellte damals auch klar: "Wenn jemand rückfällig wird, wird er sofort in den Entzug zurückgeschickt."

Hintergrund:

Daten und Fakten zur STE

  • Sozialtherapeutische Einrichtung (STE)
    Im Wohnheim der Sozialtherapeutischen Einrichtung Lindau (private Trägerschaft) werden chronisch suchtkranke Menschen betreut, die alkohol-, drogen- oder tablettenabhängig waren, aber bereits "clean" sind. Es gibt eine feste Tagesstruktur mit Mahlzeiten, Holz- oder Metallarbeiten, Malen, Basteln sowie einem evolutions- und erlebnispädagogisches Programm. Der im Durchschnitt einjährige Aufenthalt fördert die Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
  • 21 Jahre in Schönsee
    Im Jahr 1999 nahm die STE in Lindau die Arbeit auf. Im Mai 2005 wurde im "Haus Buchenberg", einem ehemaligen Apartmenthaus in Schönsee, eine Außenwohngruppe für Arbeitstherapien mit acht Plätzen eröffnet. Das Haupthaus wurde im April 2008 von Lindau nach Schönsee in das ehemalige Hotel Drechselberg verlegt. Hier ist Platz für 28 Bewohner. Verschärfte gesetzliche Vorschriften zur Barrierefreiheit können dort nicht erfüllt werden. Da auch der Pachtvertrag Ende 2020 ausläuft, begann 2017 die Suche nach einem Bauträger sowie nach einem Standort für einen Neubau mit Vorgabe "Mischgebiet". Pläne in der Stadt Weiden sowie in Vohenstrauß-Altenstadt scheiterten an der Ablehnung der Bevölkerung.
  • Markt Mantel interessiert
    Der Bauträger wurde schließlich im Markt Mantel fündig. Im November 2019 genehmigte eine große Mehrheit des Marktgemeinderates (zwei Gegenstimmen) den Bauantrag der R & K Projektbau GmbH & Co. KG auf Neubau einer sozialtherapeutischen Einrichtung im Bereich "Am Mühlbach" mit zwei Gebäuden für Verwaltung, Speiseräume und Büro sowie für 41 Kleinstwohneinheiten.
  • Schönsee will STE halten
    Aber auch Bürgermeister Reinhard Kreuzer, ab Mai 2020 im Amt, wollte die STE mit ihren 30 Arbeitsplätzen am Ort halten. Bei einem Besuch von MdL Joachim Hanisch im August 2020 blickte er der Realisierung eines Neubaus auf städtischem Grund zuversichtlich ins Auge, ein Investor habe bereits Interesse gezeigt. Er verwies auf Gespräche mit der Regierung, auch hinsichtlich des Förderprogramms "Innen statt außen".
  • Mantel kippt Projekt
    Der Markt Mantel sprach sich bei der Marktgemeinderatssitzung am 3. November gegen den Bau einer sozialtherapeutischen Einrichtung aus und stellte das Verfahren für die erste Änderung des Bebauungsplanes "An der Hüttener Straße" ein. 25 Seiten mit Stellungnahmen und Widersprüchen lagen vor. Besonders ein ansässiger Betrieb fürchtet um seine Erweiterungsmöglichkeiten.
  • Bauplatz im Visier
    Der Schönseer Bürgermeister Reinhard Kreuzer ist zuversichtlich, dass der STE-Neubau im Frühjahr 2021 auf dem anvisierten Grundstück starten kann. Die schriftliche Zusage aus dem Landratsamt erwartet er nach der Prüfung circa Mitte November. Danach will er die Öffentlichkeit informieren.

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