02.12.2020 - 17:03 Uhr
SchönseeOberpfalz

Bleibt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf der Strecke?

Das Corona Virus hat die grenzüberschreitende Zusammenarbeit durcheinander gewirbelt. Das zeigt die Diskussionsreihe bb-talk des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB). Statt der Live- war die Onlinediskussion eine gelungene Premiere.

Die Diskussionsteilnehmer (von links oben nach rechts unten): Dr. Bernhard Edenharter, kommissarischer Leiter des Gesundheitsamtes Cham, Martin Kopecký, Bürgermeister der Stadt Poběžovice (Ronsperg), Thomas Ebeling, Landrat des Landkreises Schwandorf, und Moderatorin Bára Procházková. nicht auf dem Zoom-Foto: - MUDr. Václav Šimánek, Ph.D., Direktor der Universitätsklinik Pilsen
von Hans EibauerProfil

Nach dem Frühjahr jetzt im Herbst schon wieder coronabedingt Veranstaltungsabsagen verkünden zu müssen, macht CeBB-Leiterin Veronika Hofinger und ihrem Team keine Freude. Deshalb war die Entscheidung, den lange geplanten bb-talk zum Thema „Gesundheitswesen während der Covid-19-Pandemie“ in Bayern und Tschechien im Zoom-Format live, online und simultan übersetzt auf die Bildschirme zu transportieren, ein guter Ausweg mit viel Resonanz. Annähernd 1000 Personen verfolgten die Diskussion im Internet, dazu kamen noch einige mehr, die sich den Link zum Herunterladen auf bbkult.net holten. Eine Reichweite, mit der ein analoges Format mit realen Besuchern nicht aufwarten kann.

Hochkarätig besetzt

Auf der Oberpfälzer Seite teilten sich Landrat Thomas Ebeling und der kommissarische Leiter des Gesundheitsamts Cham, Dr. Bernhard Edenharter, mit den Gesprächspartner aus der Region Pilsen, Martin Kopecký, Bürgermeister der Stadt Poběžovice (Ronsperg) und MUDr. Václav Šimánek, Direktor der Universitätsklinik Pilsen, das virtuelle Podium auf dem Bildschirm. Mitten drin Moderatorin Bára Procházková, die beim tschechischen Fernsehen arbeitet. Nicht zu sehen, aber ständig präsent war Simultandolmetscher Alexander Kříž.

Dass bei den beiden Ärzten und bei Landrat Ebeling das Corona-Virus derzeit den Terminkalender diktiert, war nicht anders zu erwarten. Doch auch beim Bürgermeister der Partnerstadt der drei Schönseer Land-Gemeinden war zu herauszuhören, wie ein umsichtiger Rathauschef im Nachbarland seine Bevölkerung mitnimmt und zu solidarischem Handeln anspornt: „Wir mussten vieles improvisieren, Frauen haben im März/April die Masken für die ganze Bevölkerung selber genäht. Die Bürger zogen an einem Strang, die Bürgerschaft war ein Team. Nur damit gelang es, die Auflagen zu erfüllen. Ich möchte nicht prahlen, aber wir waren die erste Gemeinde weit und breit, die zusammen mit der Feuerwehr mit der Desinfizierung begann.“

Grenzüberschreitende Initiativen

Schönsee

Das einzige, was Bürgermeister, Landrat, Gesundheitsamtsleiter und Klinikdirektor der Corona-Krise abgewinnen können, sind die rapide zugenommenen digitalen Erfahrungen. Sie werden die Nach-Corona-Zeit nachhaltig prägen. Wenn sich heute fünf Leute via Bildschirm gegenübersitzen, dann fehlt doch was? Was machte die Grenzschließung des Frühjahrs mit uns? Hat Corona zwischen unseren beiden Nachbarländern etwas aufgerissen, das wieder mühevoll gekittet werden muss? Moderatorin Bára Procházková treibt diese Fragen um, denn ihr ist als Journalistin in der polarisierenden politischen Landschaft Tschechiens nicht entgangen, was für abstruse Äußerungen in den letzten Monaten in Umlauf kamen.

Der falsche Weg

Landrat Thomas Ebeling hält Grenzschließungen für den falschen Weg. Die täglich 1500 Grenzpendler im Landkreis Schwandorf und 4500 im Landkreis Cham zeigen, wie verwoben der bayerisch-tschechische Wirtschaftsraum ist. Unter Partnern, in der Kultur „ist der persönliche Austausch bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas in der Hand unersetzlich. Ich denke aber nicht, dass größere Gräben zurückbleiben werden.“ Für die beiden Kommunalpolitiker bleiben grenzüberschreitende Veranstaltungen, wie in den 14 Jahren des Bestehens vom CeBB hundertfach organisiert, für Begegnung, Austausch und Freundschaft eminent wichtig.

Überraschend der Einwurf von Dr. Edenharter, dass er nunmehr seit zwölf Jahren im öffentlichen Gesundheitswesen, zuerst im Landkreis Regen, jetzt im Landkreis Cham tätig ist und bisher noch keinen seiner tschechischen Amtsarztkollegen gesehen hat. Diesen weißen Fleck auf der Landkarte des grenzüberschreitenden medizinischen Erfahrungsaustauschs zu tilgen, wäre für Dr. Václav Šimánek gleich ein Job des CeBB mit der Organisation einer Digitalkonferenz. „Wird am Donnerstag schon Thema unserer Teambesprechung sein“ sagte David Vereš, bbkult.net-Redaktionsleiter. Die Zusammenarbeit der Kliniken in Ostbayern und Westböhmen und der Rettungsdienste behindert keine Grenze, wie sich erst kürzlich bei einem schwerer Unfall auf der Autobahn Richtung Pilsen zeigte, in der beide Seiten schnell, eingespielt und lebensrettend agierten.

Dies ist nach Meinung des Pilsner Klinikdirektors der langjährigen guten Kommunikation geschuldet. Neben der akuten Behandlung von etwa 40 Corona-Patienten auf der Intensivstation - drei sind an das Beatmungsgerät angeschlossen - bereiten dem Mediziner die teils langwierigen Verläufe der Post-Covid-Patienten große Sorgen. Er sieht sich als Medizinsoldat, der seinem medizinischen Ethos und den staatlichen Auflagen folgt. „Ich bin kein Schwejk“, der sich aus der Affäre zieht. „Wir müssen Leben retten, das ist unsere Aufgabe.“

Aus Pandemie gelernt

"Gibt es Hoffnungen, Perspektiven, was haben wir in der Pandemie gelernt?" Das will die Moderatorin am Schluss von den Diskussionsteilnehmern wissen. Für alle ist der Impfstoff der Silberstreifen am Horizont. „Wir sind in einem digitalen Diskussionsformat gelandet, das wir uns vor einem Jahr nicht vorstellen konnten“, merkte Landrat Thomas Ebeling durchaus positiv an. Ihm stimmte Bürgermeister Martin Kopecký zu, der sieht, wie sich das Leben effektiver gestalten lässt. Für Dr. Edenharter hat die Krise den Menschen wieder mal vor Augen geführt, dass die Gesundheit zu den höchsten Gütern gehört. Sehr aufbauend fand MUDr. Václav Šimánek, dass das medizinische Personal, die Pflegekräfte so viel Solidarität in der Bevölkerung erfuhren. Das hat sehr motiviert, die Krankheit zu besiegen. Der bb-talk zum Thema „Gesundheitswesen während der Covid-19-Pandemie“ ist auf www.bbkult.net abrufbar.

Hintergrund:

Publikum diskutiert mit

  • Ein Zuhörer griff im Chat die tagesaktuelle Meldung auf, dass der Bayerische VGH die Testpflicht an der Grenze aufgehoben hat. Dr. Bernhard Edenharter zeigte sich überrascht über die Entscheidung, da die Testpflicht an der Grenze gut funktioniert hat. Bei 4500 tschechischen Grenzpendlern im Landkreis Cham wurden allein in einer Woche 200 positiv getestet und in Quarantäne geschickt. Das vermied negative Auswirkungen auf die Betriebe, in denen diese Mitarbeiter zur Arbeit gehen.
  • Von der Diskussion in den Alpenländern beeinflusst, wollte einer der Zuhörenden wissen, ob es in Tschechien Einschränkung der Skisaison geben wird. Bürgermeister Martin Kopecký berichtete, dass in den von bayerischer Seite stark frequentierten grenznahen Skizentren Tschechiens die Vorbereitungen für die Wintersaison laufen: "Es ist aber ein großes Fragezeichen, auf welcher Stufe wir Weihnachten sind."
Landrat Thomas Ebeling in der Online-Runde am Zoom-Bildschirm.
Bürgermeister Martin Kopecký von der Schönseer Land Partnerstadt Poběžovice (Ronsperg).
Dr. Bernhard Edenharter, kommissarischer Leiter des Gesundheitsamtes Cham.
MUDr. Václav Šimánek, Ph.D., Direktor der Universitätsklinik Pilsen
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