14.05.2021 - 14:51 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Wenn Fichten Eichen weichen: Dürre erfordert Waldumbau

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Der Klimawandel macht vor allem den heimischen Wäldern zu schaffen. Trockenheit und Schädlinge setzen vielen Bäumen zu. Die Bayerischen Staatsforsten versuchen gegenzusteuern - teils mit ungewöhnlichen Mitteln.

Forstbetriebsleiter Philipp Bahnmüller mit einem Eichensetzling, der im vergangenen Herbst mit vielen anderen zwischen die Nadelbäume gepflanzt wurde.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

"Die Situation ist stellenweise dramatisch." Philipp Bahnmüller, Leiter des Forstbetriebs Schnaittenbach der Bayerischen Staatsforsten, blickt mit Besorgnis auf die Werte zur Bodentrockenheit, die das Helmholtz-Institut für Umweltforschung tagesaktuell in seinem "Dürremonitor" erhebt. Tatsächlich weist die Karte große Teile der Oberpfalz als tiefrot aus. Das heißt: Hier herrscht bis 1,80 Meter Bodentiefe "außergewöhnliche Dürre". Schlimmer geht es nicht mehr.

Der Staatsforst zwischen den Ortschaften Etzenricht und Oberwildenau, wo wir den Förster treffen, zählt mit zu den trockensten Regionen der Oberpfalz, ebenso wie der gesamte westliche Landkreis Neustadt/WN, der Nordosten bis zur Mitte des Kreises Amberg-Sulzbach und der daran anschließende zentrale bis südwestliche Teil des Kreises Schwandorf. Doch auch im Rest des Regierungsbezirks gibt es keine Entwarnung - dort verzeichnen die Umweltforscher eine ungewöhnliche Trockenheit bis extreme Dürre. Für den Wald verheißt das nichts Gutes.

Pflanzenverfügbares Wasser

Das Wasser-Defizit, das sich in den vergangenen viel zu trockenen Jahren aufgebaut hat, lasse sich nur noch über einen langen Zeitraum ausgleichen, sagt Bahnmüller. "Dafür bräuchten wir jetzt den ganzen Sommer Regen, Regen, Regen." Während das pflanzenverfügbare Wasser in Bodennähe, wie es für die Landwirtschaft wichtig ist, aktuell noch ausreicht, sieht es in 1,80 Meter Bodentiefe völlig anders aus. Gerade aus solchen tieferen Schichten aber beziehen die Wurzeln von Bäumen ihr Wasser. "Der liebste Förstersommer ist nass oder zumindest feucht", erklärt Bahnmüller, "und zwar sollte es ein eher unangenehmer, ständiger leichter Nieselregen sein." Geballt auftretende Niederschläge brächten im Wald hingegen weniger Nutzen, da zu viel Wasser oberflächig abfließen würde.

Die Trockenheit belastet die Bäume, die versuchen, den Wasserverlust zu begrenzen. Manche Baumarten werfen dann grüne Blätter oder ganze Zweige ab, andere verfärben sich frühzeitig herbstlich. Photosynthese, Wachstum und Fruchtbildung sind eingeschränkt, im schlimmsten Fall sterben Wipfel oder der ganze Baum ab. Auch Schädlinge setzen den gestressten Pflanzen leichter zu, wie etwa der Buchdrucker, eine Borkenkäferart: "Er ist auf Fichten spezialisiert", erklärt Förster Bahnmüller. "Eine gesunde Fichte kommt mit ein paar Käfern gut zurecht, sie bildet dann Harz, das die Mundwerkzeuge verklebt." Das gehe jedoch nur so lange gut, wie der Baum vital sei. "Dafür braucht er Wasser und es dürfen nicht zu viele Schädlinge werden."

Kampf gegen Käfer

In Extremjahren, die zu trocken sind oder in denen es vermehrt zu Sturmwürfen kam, träten sogenannte Massenphänomene auf. Die Staatsforsten bekämpfen den Käfer dann verstärkt. "Wir suchen alle Gebiete ab, wo es Fichten gibt", erklärt Bahnmüller. "Jeder einzelne Baum wird angeschaut, ob sich ein Käfer eingebohrt hat." Befallene Bäume würden gefällt und so schnell wie möglich abtransportiert. Ziel sei es, das Holz innerhalb von sechs Wochen aus dem Wald zu bringen. "So vermeiden wir den Einsatz von Pestiziden." Diese Methode sei teuer und zeitaufwendig, lohne sich aber. "Würden wir den Fichtenborkenkäfer nicht bekämpfen, dann würde es zu flächigen Waldschäden kommen, wie es in anderen Bundesländern der Fall ist", ist Bahnmüller überzeugt.

Im Kampf gegen die Folgen der zunehmenden Trockenheit reicht direkte Schadensbegrenzung wie beim Borkenkäfer allerdings nicht aus. Bayerns Staatswälder sollen vielfältiger werden, erklärt der Forstbetriebsleiter. "Wir brauchen künftig mehr Struktur im Wald, in jeder Hinsicht." Alte sollen neben jungen Bäumen wachsen, große neben kleinen, und vor allem soll es keine Reinbestände mehr geben, die nur eine einzige Baumart aufweisen. "Wir müssen die Wälder so aufstellen, dass sie resilienter (widerstandsfähiger, die Red.) sind, und das Risiko streuen." Bahnmüller öffnet einen Zaun, der ein größeres Areal mitten im Wald umgibt. Auf den ersten Blick ist nicht erkenntlich, was hier besonders geschützt werden soll. Der Förster kniet sich hin und zeigt auf ein dünnes Stämmchen: Im Dezember wurden in jeweils eineinhalb Metern Abstand Stieleichensetzlinge zwischen die Fichten und Kiefern gepflanzt. Der Zaun bewahrt die Bäumchen vor Wildverbiss.

Eichen statt Fichten

"Wir haben uns bewusst für Eichen entschieden", sagt Bahnmüller. "Erstens kommen hier noch keine Eichen vor, zweitens passt der Standort und drittens wächst die Eiche dort, wo es warm und trocken ist." Letzteres bringt ihr im Klimawandel einen Vorteil. Bevor die kleinen Bäumchen gesetzt wurden, erntete der Forstbetrieb zunächst einige Nadelbäume. Denn die Eiche braucht zum Wachsen viel Licht, das durch die Kronen der großen Kiefern nicht ausreichend bis zum Boden durchkommen würde. Ziel sei, so Bahnmüller, ein "zweischichtiges System": "Wir wollen alten und jungen Wald haben." Auf einen Hektar Fläche würden rund 8000 Eichen gepflanzt.

Der "Waldumbau" brauche natürlich viel Zeit, sagt Bahnmüller. Letztendlich soll der Forst sich als Mischwald eines Tages natürlich verjüngen. Wo das schon heute geschieht, fördere man dies. Bahnmüller erklärt: "Bei den Nachkommen der Bäume, die bereits im Wald heimisch sind, kann man davon ausgehen, dass sie gut an den Standort angepasst sind." Zudem sei die Wurzelentwicklung bei natürlich aufkommenden Pflanzen immer besser als bei gepflanzten. Bahnmüller deutet auf hohe Kiefern: "Es ist schon erstaunlich, dass sie bis jetzt so gut mit der Trockenheit zurechtkommen. Das liegt wohl auch daran, dass sie eben seit Generationen hier wachsen und sich an die Umgebung angepasst haben."

Zedern und Baumhaseln

Dennoch laufen auch mehrere Versuche mit Baumarten aus anderen Regionen der Welt. Der Klimawandel verlaufe vielleicht zu schnell, als dass sich alle Bäume natürlich anpassen könnten. In einem Revier in der Gemeinde Mantel hat der Forstbetrieb Schnaittenbach deshalb probeweise Atlaszedern gepflanzt. So wird getestet, ob diese Baumart unter hiesigen klimatischen Verhältnissen wachsen kann. "Wir können nur vermuten, wie sich unser Klima entwickelt, und schauen deshalb in Regionen, wo bereits heute so ein Klima vorherrscht, wie es für uns eventuell erwartet werden kann", erläutert Bahnmüller. Da die Staatsforsten auch zukünftig Holz nutzen wollen, ziehen sie bei den Anbauversuchen neben der Klimaeignung auch die Holzqualität der neuen Baumarten mit in Betracht. Neben Atlas- und Libanonzeder hat man die Baumhasel im Blick, sagt Bahnmüller: "Wir haben mit ihr einen kleinen Anbauversuch in der Nähe von Neuhaus an der Pegnitz laufen."

Es geht allerdings auch weniger exotisch. Grundsätzlich, betont der Förster, setzten die Staatsforsten beim Waldumbau auf heimische Baumarten wie eben die Eiche, wollten aber auch andere Möglichkeiten nicht ausschließen. Im Herbst plant der Forstbetrieb Schnaittenbach etwa einen Versuch mit Weißtannen aus den rumänischen Karpaten. Diese Baumart kommt in der Oberpfalz natürlich vor. "Es besteht also bereits ein eingespieltes System." Die rumänischen Tannen seien jedoch eventuell genetisch besser an unser vermutetes künftiges Klima angepasst. "Wir versuchen bewusst, mindestens vier Baumarten zu etablieren, weil wir ja nicht wissen, was auf uns zukommt", erklärt der Förster. Dass die staatlichen Forstbetriebe dafür in die Natur eingreifen, sei mithin nichts Neues. "Es gibt keine unberührten Landschaften in Deutschland", betont Bahnmüller. "Alle Wälder um uns herum sind von Förstern und Waldbesitzern gestaltet worden. Jetzt ist es unsere Aufgabe, sie natürlicher werden zu lassen und auf den Klimawandel vorzubereiten."

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Oberpfalz

Hier geht es zum Dürremonitor des Helmholtz-Institutes für Umweltforschung

"Wir brauchen künftig mehr Struktur im Wald."

Philipp Bahnmüller leitet den Forstbetrieb Schnaittenbach der Bayerischen Staatsforsten.

Philipp Bahnmüller leitet den Forstbetrieb Schnaittenbach der Bayerischen Staatsforsten.

Hintergrund:

Der aktuelle Waldschadensbericht

Gegenüber 2019 hat sich der Zustand der Waldbäume im Jahr 2020 im Freistaat insgesamt weiter verschlechtert. Zu diesem Ergebnis kommt der Waldbericht 2020 der Bayerischen Forstverwaltung. Im Folgenden einzelne Werte:

  • Der mittlere Nadel-/Blattverlust aller Baumarten stieg für ganz Bayern im vergangenen Jahr von 24,7 auf 28,0 Prozent.
  • In der Oberpfalz lag der Mittelwert für Nadel-/Blattverluste im Jahr 2020 bei 23,5 Prozent.
  • Die Fichte ist mit 41,8 Prozent Flächenanteil nach der letzten Bundeswaldinventur die häufigste Baumart in Bayern. Sie weist im Jahr 2020 mit einem mittleren Nadelverlust von 24,9 Prozent schlechtere Werte als im Jahr 2019 auf. Der Anteil der Fichten mit deutlich sichtbarer Verlichtung nahm um 9,2 Prozentpunkte auf 36,9 Prozent zu.
  • Die Kiefer ist mit einem Flächenanteil von 17,1 Prozent die zweithäufigste Baumart in Bayerns Wäldern. Sie weist im Jahr 2020 einen hohen mittleren Nadelverlust von 35,1 Prozent auf und damit das schlechteste Ergebnis aller Inventurjahre seit 1983. Der Anteil deutlicher Verlichtungen stieg um 8,3 Prozentpunkte auf 59,8 Prozent.
Kommentar:

Natur nur auf den ersten Blick

Den Deutschen wird eine besondere Liebe zum Wald nachgesagt. Er ist romantischer Sehnsuchtsort und grüne Lunge. Er beflügelt die Fantasie nicht nur im Märchen. Den einen dient er als Ort der Entspannung und Entschleunigung, den anderen als eine Art Sport- und Freizeitpark: Der deutsche Wald hat viele Facetten. Was man dabei leicht übersieht - die vermeintlich unberührte Natur ist tatsächlich eine Kulturlandschaft. Den deutschen Wald, den wir so gerne schützen, hätte es ohne Zutun des Menschen in dieser Form nie gegeben. Generationen haben ihn immer wieder gerodet und immer wieder angepflanzt. Dabei standen nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen im Mittelpunkt. Wenn wir also heute versuchen, unsere Wälder den Herausforderungen des Klimawandels anzupassen, setzen wir nur fort, was schon unsere Vorfahren getan haben - wir verändern unsere Umwelt und gestalten sie immer wieder neu. Unberührte Natur gibt es in Deutschland seit Jahrhunderten nirgends mehr. Es kann also nur besser werden, wenn der Klimawandel es mit sich bringt, dass wir unsere Wälder jetzt naturnäher gestalten.

Gabriele Weiß

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