28.07.2021 - 18:40 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Urteil: Frauen bei Brauchtums-Fischen nicht ausschließen

Dürfen Vereine aus Tradition Frauen ausschließen? Im Allgäu verklagte eine Frau ihren eigenen Verein – und bekam vor Gericht zweimal recht. Befürchtet jetzt auch Schmiedmühlens Bürgermeister Auswirkungen auf seine Männerbastion?

Eine Statue der Justitia hält eine Waage und ein Schwert in der Hand.
von Celina Rieß Kontakt Profil

Von dpa und Celina Rieß

Schon im Gerichtssaal war die Vorfreude bei Christiane Renz groß: „Die Schuhe stehen parat“, sagte die Allgäuerin mit Blick auf den nächsten Fischertag. „Dann wird pünktlich am Bach gestanden und reingejuckt.“ Jahrelang war Renz das „Jucken“, das jährliche Ausfischen des Stadtbachs in Memmingen mit Tausenden Zuschauern, vom eigenen Verein verwehrt worden – weil sie eine Frau ist. Am Mittwoch urteilte das Memminger Landgericht: Die Teilnahme darf nicht aus Tradition Männern vorbehalten bleiben.

Dieses „Sonderrecht“ für männliche Mitglieder in der Satzung des Vereins sei „nicht mehr gerechtfertigt“, sagte Vorsitzender Richter Konrad Beß. Vereine dürften zwar die Regeln für eine Teilnahme frei festlegen. Doch wenn sie Mitglieder dabei unterschiedlich behandeln, müsse dies mit dem Zweck des Vereins begründbar sein. Das Brauchtums-Fischen in Memmingen sei aber „keine absolut getreue Nachbildung“ eines historischen Geschehens. Daher könnten Frauen teilnehmen, ohne dass das Ziel der Heimatpflege in Gefahr gerate.

Spießrutenlauf in Schmidmühlen?

Auch im Landkreis Amberg-Sulzbach ist der jährliche Fischzug nur für Männer. Am Aschermittwoch ziehen die Herren schweigend mit Frack und Zylinder durch die Straßen. Wer redet, zahlt eine bierige Strafe. Das Urteil könnte auch den Fischzug betreffen. Schmidmühlens Bürgermeister Peter Braun sieht’s gelassen. Er glaubt nicht daran, dass die Frauen wirklich mitgehen werden.

„Wenn sie sich den Spießrutenlauf antun wollen, kann und will ich sie nicht davon abhalten“, sagt er augenzwinkernd. Als Bürgermeister werde er darum bitten, den Frauen die Entscheidung freizustellen. „Ich glaube aber nicht, dass sie Spaß dabei haben und dem Druck, der bei der Teilnahme entsteht, standhalten.“ Zudem gehe er davon aus, dass es Männer gebe, die in diesem Fall auf ihre Teilnahme verzichten würden.

Erst seit 1931 ausgeschlossen

Beim Fischertag in Memmingen springen die Teilnehmer jedes Jahr im Sommer in den Stadtbach und holen Forellen aus dem Wasser. Wer den größten Fisch fängt, wird Fischerkönig. Die Veranstaltung geht darauf zurück, dass der städtische Bach einmal jährlich leergefischt wurde, um den Kanal zu reinigen.

Diese Tradition ist nach Angaben des Vereins bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Frauen sind davon seit dem Jahr 1931 per Satzung ausgeschlossen. Dagegen hatte Mitglied Christiane Renz vor dem Amtsgericht Memmingen geklagt und gewonnen. Der Fischertagsverein hatte Berufung eingelegt.

Könnte viele Vereine betreffen

Das Urteil des Memminger Landgerichts könnte nun Auswirkungen auf andere Männertraditionen haben. Das Verfahren sei „über den Einzelfall hinaus für die Allgemeinheit von besonderer Bedeutung“, sagte Beß. Der Erste Vorsitzende des Fischertagsvereins, Michael Ruppert, sprach von einem „Tag, der viele, viele Vereine in ganz Deutschland betreffen könnte“. Er finde es „schade, dass die Vereinsautonomie nicht im Vordergrund war“.

Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege mahnte nach dem Urteil zur Gelassenheit. Die Annahme, dass sich Bräuche nicht verändern würden oder dürften, sei ein historisches Missverständnis, sagte der Referent des Fachbereichs „Brauch, Tracht, Sprache“, Michael Ritter. Bräuche und Traditionen böten die Chance, Gesellschaft neu zu denken: „Wir müssen nur erkennen, dass in der Veränderung kein Verlust liegt – sondern ein Gewinn.“

Möglichkeit zur Revision

Ob nun auch beim Fischertag in Memmingen Frauen gleichberechtigt teilnehmen dürfen, ist mit dem Urteil vom Mittwoch noch nicht endgültig entschieden. Das Landgericht ließ wegen der Bedeutung des Falls die Möglichkeit zur Revision am Bundesgerichtshof in Karlsruhe zu. Der Fischertagsverein will nach eigenen Angaben bei einer Delegiertenversammlung am Donnerstag über diesen Schritt entscheiden.

Memmingens Oberbürgermeister Manfred Schilder (CSU) findet, das Urteil des Landgerichts sei klar. „Es gilt jetzt, den Fischertag entsprechend auszurichten. Unser Heimatfest, der Memminger Fischertag, wird sich verändern.“

Kommentar zum Urteil

Bayern

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