27.11.2020 - 14:21 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Taktiles Leitsystem für Sehbehinderte bietet in Schmidmühlen ein Mehr an Sicherheit

Es ist eine Premiere für Schmidmühlen: Bei der Neugestaltung der Harschhofer Straße wird erstmals ein taktiles Leitsystem für Sehbehinderte eingebaut. Die Gemeinde macht damit einen Schritt hin zur Barrierefreiheit im öffentlichen Raum.

Bürgermeister Peter Braun (Mitte) sowie die beiden Inklusionsbeauftragten Karl Bauer und Michaela Meyer stellen das taktile Leitsystem für Sehbehinderte in der Harschhofer Straße in Schmidmühlen vor.
von Autor POPProfil

Es geht um ein hohes Gut in der heutigen mobilen und flexiblen Gesellschaft, nämlich um Chancengleichheit im und Teilhabe am öffentlichen Raum. Dieses Ziel versucht in der Marktgemeinde Schmidmühlen die politischen Vertreter zusammen mit den beiden Inklusionsbeauftragten zu verwirklichen. Sich im öffentlichen Raum von Städten und Gemeinden, im freien Natur- und Landschaftsraum unabhängig und frei bewegen zu können, ist für Menschen ohne Behinderungen oder Einschränkungen eine Selbstverständlichkeit.

Um diese Bewegungsfreiheit für alle Bürger, ob Alt oder Jung, sicherstellen zu können, müssen Barrieren und Hindernisse beseitigt werden. Dabei bedarf es keiner Vielzahl von individuellen Einzellösungen, quasi eines „Fleckerlteppichs individueller Anschauungen“, so sieht es Christine Degenhart, die Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer, sondern eines Gesamtkonzepts. Dies beginnt bei entsprechenden Regelungen für öffentlich zugängliche Gebäude und bei barrierefreie Wohnungen, es bedarf aber auch klarer Vorgaben im öffentlichen Verkehrs- und Freiraum. Die Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Kerstin Schreyer, formulierte einen Leitfaden für Planungsgrundlagen. Demnach gilt als Prämisse bei derartigen Vorhaben: „Mittendrin statt nur dabei – keine Benachteiligungen für Menschen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen".

Erstmals in der Marktgemeinde Schmidmühlen wurde nun dieses inklusive Gesamtkonzept umgesetzt, nämlich entlang der jüngst instandgesetzten Harschhofer Straße. Vielen Passanten, die dort die Gehwege nutzen, sind sicher schon die weißen Felder aufgefallen, die sich in regelmäßigen Abständen auf dem Trottoir befinden. Bürgermeister Peter Braun und Inklusionsbeauftragter Karl Bauer nutzten ein Treffen, um die Bevölkerung über diese gerillten und gepunkteten Felder zu informieren. Dabei handelt es sich um Überquerungsstellen für Fußgänger über die Fahrbahnen, ein sogenanntes „taktiles Leitsystem für sehbehinderte Menschen“. Die entsprechende DIN-Norm 18040-3 (Barrierefreies Bauen 03) definiert diese wie folgt: "Überquerungsstellen müssen für Rollstuhl- und Rollator-Nutzer ohne besondere Erschwernis nutzbar und für blinde und sehbehinderte Menschen eindeutig auffindbar und sicher nutzbar sein.“ Ähnlich wie in der Harschhofer Straße sind bereits bei der Bushaltestelle im Siedlungsgebiet Lauterachtalblick Sicherungsfelder für blinde oder sehbehinderte Menschen angebracht worden.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang ist, dass blinde und sehbehinderte Menschen gesicherte und ungesicherte Überquerungsstellungen anhand der jeweiligen Bodenindikatoren unterscheiden können. Dies ist nun in der Harschhofer Straße möglich. Sehr zufrieden zeigten sich Bürgermeister Peter Braun und die Inklusionsbeauftragten Michaela Meyer und Karl Bauer mit der Bauausführung entlang der Harschhofer Straße. Nachdem erst im Jahr 2018 die entsprechenden Bestimmungen veröffentlicht worden sind, zeigte sich Peter Braun sicher, dass der Markt Schmidmühlen wohl eine der ersten Gemeinden im südlichen Landkreis ist, welche die Vorgaben mustergültig umgesetzt hat. Für den Kommunalpolitiker ist Barrierefreiheit für jeden Menschen ein Gewinn. Im öffentlichen Raum kämen barrierefreie Wege oder Flächen nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen zugute, sondern beispielsweise auch Müttern mit Kinderwägen.

Er wisse aber, sagte Braun, dass es auch im Markt Schmidmühlen auf diesem Gebiet noch viel Handlungsbedarf gebe. In vielen Straßenzügen und öffentlichen Bereichen sei es sehr schwer, die Barrierefreiheit konsequent umzusetzen. Dem schloss sich auch der Inklusionsbeauftragte Karl Bauer an. Er zeigte sich durchaus zufrieden, was der Markt Schmidmühlen und seine Bauhofmitarbeiter bewegt haben. "Die Harschhofer Straße ist ein überaus gelungenes Beispiel für die Arbeit in der Lauterachtalgemeinde", betonte er.

Ein nächstes Projekt haben der Bürgermeister und die beiden Inklusionsbeauftragten bereits im Frühjahr ins Auge gefasst: den Umbau des ehemaligen Brotzeithäuschens im Bereich des oberen Schlosses (Rathaus) in eine öffentliche behindertengerechte Sanitär- und Toilettenanlage. Der Markt Schmidmühlen hat übrigens schon vor zwei Jahren eine sechsstellige Summe für ein Gesamtkonzept zur Barrierefreiheit in den Haushalt eingestellt.

Hintergrund:

UN-Konvention: Inklusion ist ein Menschenrecht

* Die UN-Konvention fordert Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. "Inklusion ist ein Menschenrecht", steht hier geschrieben.

* Kernpunkt der UN-Konvention ist es, Barrieren abzuschaffen und ein selbst bestimmtes Leben zu ermöglichen. Und zwar für alle Menschen, unabhängig vom Behinderungsgrad.

* Das bedeutet: keine Entmündigung oder Ausgrenzung von der Gemeinschaft, freie Wahl von Wohnart und -ort, Unterstützungsangebote und Assistenzen für ein selbst bestimmtes Leben.

* Menschen mit Behinderung sollen die gleichen Möglichkeiten haben wie alle Menschen. Zum Beispiel: Kinder mit Behinderung gehen auf eine allgemeine Schule. Jugendliche mit Behinderung machen eine Lehre oder studieren. (pop)

Taktiles Leitsystem am Amberger Busbahnhof

Zahlreiche Felder weisen Sehbehinderte auf Gefahrenstellen hin.
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