17.02.2021 - 11:04 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Kurioses rund um den Schmidmühlener Fischzug

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Die Schmidmühlener schätzen ihren Fischzug und sie stehen zu ihm, wenn es am Aschermittwoch heißt: "Oans is Mana, pack mas!" Die Traditionsveranstaltung ist unverwechselbar und bleibt es auch. Selbst wenn sie heuer ausfallen muss.

Eine Aufnahme aus den Anfängen: Das älteste noch erhaltene Bild des Schmidmühlener Fischzuges stammt aus dem Jahr 1928.
von Paul BöhmProfil

Sein Gehrock, den er einstmals vom Eichenseer-Großvater, dem "Lederer-Koarl", geschenkt bekommen hat, und sein Chapeau, ein schwarzer Claque-Zylinder von nobler Machart, haben einen Ehrenplatz bei ihm im Kleiderschrank. Müsste Ernst Wein, der ehemalige Zeremonienmeister, mit Frack, Zylinder und dem glänzenden schwarzen Schmieserl ausrücken, dann könnte dies innerhalb weniger Minuten geschehen. In den 50er-Jahren wurde Ernst Wein vom Fischzugfieber infiziert - und das hält bis heute weiter an. Gut 50 Mal war er bisher Zeremonienmeister.

Schmidmühlen träumt von Unesco-Ehren

Dem Fischzug wurde 2014 die Aufnahme als Weltkulturerbe verweigert. Doch die Schmidmühlener sind deswegen nicht mehr traurig. Denn das Alleinstellungsmerkmal hat der Kultur des Fischzugs immer gut getan, wie Ernst Wein sagt: "Wir haben am Prozedere nichts verändert, auch wenn in der Schlusslitanei beim Kirwabaumloch am späten Abend manche Fürbitten etwas fremd klingen. Wenn über längst abgeschaffte Steuern geklagt wird."

Thomas Wagner, der den Posten des Zeremonienmeisters von Wein übernommen hat, ergänzt: "Umstellen werden wir nichts, sonst ist der Fischzug in Schmidmühlen nicht mehr der Zug, wie ihn unsere Altvorderen schon zu Beginn der Fastenzeit vor 100 Jahren zelebriert haben." Doch heuer ist alles anders.

1991 wegen Golfkrieg abgesagt

Pandemie-bedingt musste der Fischzug abgesagt werden, so wie zuletzt 1991, in der Zeit des Ersten Golfkriegs. Wie Wein zu erzählen weiß, hat es während des Zweiten Weltkrieges ebenfalls eine Zeit gegeben, in der dieses Brauchtum von der Obrigkeit untersagt wurde: "Vor allem in den letzten Kriegsjahren war das so." Wegen der Fliegerangriffe war der Fischzug untersagt. 1946, ein Jahr nach Kriegsende, erlaubte die Besatzungsmacht, diesen alt hergebrachten Heischebrauch wieder aufzunehmen.

Wann der Fischzug ins Leben gerufen wurde und aus welchen Grund, das ist nirgends hinterlassen und aufgezeichnet. Zwar würden die Schmidmühlener gern den Fischzug auf die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts ansiedeln, aber das hat auch der längst verstorbene ehemalige Bezirksheimatpfleger mit Schmidmühlener Wurzeln, Adolf Eichenseer, bei seinen Recherchen ausschließen müssen. Verschiedene Überlieferungen siedeln den Zug mit seinen Anfängen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg an. Belegt wurde der Zug erst in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, schreibt Eichenseer.

Der am 1. März 1901 gegründete Burschenverein hat sich dieses Brauchtums angenommen, es weitergegeben und auch salonfähig gemacht. "Tatsache ist auch, dass der Fischzug eng mit der Biergeschichte in Schmidmühlen zusammenhängt", erzählen Wein und sein Nachfolger Wagner. Die Felsenkeller am Fuße des Kreuzberges, des Brunnlettbergs und an der Hohenburger Straße gehen auf jene Zeit zurück, als in Schmidmühlen Bier gebraut wurde. In der Biergeschichte des Ortes steht: 1902 waren es 35 eingetragene Kommunbraurechtler, die regelmäßig Bier produzierten. Und in diese Zeit darf man wohl den Beginn des Fischzug-Brauchtums ansiedeln.

Damals zählte der Markt 19 Gasthöfe und Bierschänken, die teilweise mit einem eigenen Braurecht ausgestattet waren oder zum Kreis der Brauereigenossenschaft gehörten. Gebraut wurde in der Kommunbrauerei "In der Mulz", die aber in den 50er-Jahren die Produktion einstellte. Noch heute gibt es im Markt mehrere Anwesen, bei denen das eigene Braurecht im Grundbuch eingetragen ist.

Den Fischzug kann man als einen alt überlieferten Heischebrauch erwachsener Männer bezeichnen, die damals von jedem Wirt ein gewisses Quantum an Freibier bekamen. Zurückgeführt wird dieser Brauch auf die Gewohnheit der Burschen und Männer, am Aschermittwoch das in der Faschingszeit übriggebliebene, jedoch wegen begrenzter Haltbarkeit gefährdete Bier, andernorts als Altbier bekannt, "aufzutrinken" um einem neuen Sud Platz zu machen.

Im Gänsemarsch

Dabei gilt das harte Schweigegebot. Es herrscht absolute Ruhe, wenn die Fischzugteilnehmer um "Oans" aus der Tür beim Ochsenwirt kommen. Voran wird eine große, mit Trauerflor umhüllte Laterne an einer langen Stange getragen. Zwischen 70 und 90 Teilnehmer ist der Zug stark, der sich im Gänsemarsch immer auf der linken Straßenseite durch den Markt bewegt. Jedes verschwundene Wirtshaus wird mit einem Schlenkerer bedacht, sozusagen als Referenz, dass hier einmal eine Einkehrstation gewesen ist.

Erst im Wirtshaus darf wieder geredet werden, ansonsten gilt Schweigen als oberstes Gebot. Ein Vergehen wird mit einem "Fünfer" bestraft. Brot- und Fischmeister Michael Eckmeder und Markus Hummel haben immer reichlich frisches Bauernbrot und saure Sardinen dabei, ansonsten gibt es an diesem Tag nichts zum Essen. Freibier, von den Wirtsleuten und anderen Gönnern gespendet, wird dagegen reichlich auf die Tische gestellt. Da kommen schon mal mehrere 100 Maß zusammen.

Das war der Schmidmühlener Fischzug 2020

Schmidmühlen

Am späten Abend, so gegen 22 Uhr, kommen die Männer wieder zurück zum Ochsenwirt, wo der Zug auch begonnen hat. Die Teilnehmer verteilen Bierdeckel und Weihnachtskerzen zum Ausleuchten der Route. Auf dem Weg zum Hammerplatz kommt herzzerreißendes Geheule und Jammern auf, mit dem der auf einer Mistkraxe liegende Geldbeutel betrauert wird. Thomas Wagner trägt eine Litanei um die Sorgen und Nöte der Menschen von damals vor, bevor der "Hundsbazi", so bezeichnen sie in Schmidmühlen den Geldbeutel, im Kirwabaumloch versenkt wird. Bis Mitternacht müssen alle noch warten, bevor ein saures Lüngerl oder ein Stück dampfender Leberkäs aus der Backröhre auf den Tisch kommt.

Wie der erst kürzlich verstorbene Ortsheimatpfleger Michael Koller einmal erzählt hat, wurden um 1920 insgesamt 19 Gastwirtschaften und Bierschänken in Schmidmühlen benannt: Beim Hackl (Johann Espach), Lammmichl (Espach-Altenbuchner), Wagner (Markjackl), Bayerischer Hof (Hiltl), Kannesmetzger (Schmid-Bräu), Ochsenwirt (Martin Spies), Wolderl (Ludwig Espach/Michl), Goldener Anker (Hummel), Dirschenreither (Josef Kneidl), Kirchenschreiner (Josef Mehringer), Edl (Georg Weigert), Goldener Stern (Sternwirt), Hirschenwirt (Weigert), beim Fischer (Heinrich Renghart), beim Fuchs (Ludwig/Lindenhof), Christoph (Lehmeier), Hiasl (Bräustüberl), Post (Rubenbauer), Simmal (Eckhaus Poststraße/Rathausstraße, ehemaliger Friseur Wagner).

"Wenn man über 50 Jahre dabei ist, kann man schon einiges erzählen", sagt Alt-Zeremonienmeister Ernst Wein. "Einmal wurde eine Panzerkolonne der Amerikaner aufgehalten, damit wir über die Straße kommen." Es soll aber auch manchen Ausrutscher auf den zugeschneiten Wegen gegeben haben. Und selbst beim Wehklagen und Trauern um den "zaundürren und ausgemergelten Geldbeutel" hat es auch schon echte Tränen gegeben.

Für Frauen tabu

Dass da manches Mal der Wind in den Tross der Fischzugteilnehmer gefahren ist und die Reihen gesprengt hat, darüber kann Wein auch berichten. Und, ganz wichtig: "Wer überhaupt nicht spurt, der wird kurzerhand des Zuges verwiesen." Das ist so wie die Rote Karte beim Fußball. Eine Teilnahme ohne Zylinder und Frack ist verboten. Vieles hat es beim Fischzug schon gegeben. Aber eines noch nie – dass Frauen mitgehen. Und das wollen die Schmidmühlener in Zukunft auch so beibehalten.

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