13.06.2019 - 11:28 Uhr
Oberpfalz

Der Schlüssel zum Glück

Bayern und Böhmen wachsen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder zusammen. Dafür sorgen nicht nur Musik und gutes Essen. Partnerschaften von Städten und Vereinen sind entstanden. In Schulen wird Tschechisch und Deutsch gelehrt.

Die Schüler der Volksschule Bärnau hatten sich am Grenzübergang versammelt und empfingen die tschechischen Besucher mit Plakaten.
von Rainer ChristophProfil

Gegen die katholischen Habsburger kämpften Deutschböhmen und Tschechen gemeinsam. 1620, nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg, mussten Tausende Tschechen und Deutsche das Land verlassen. Die tragische und ruhmreiche Figur Wallensteins, der sich am 29. August 1599 an der Altdorfer Akademie als Student einschrieb und diese 1600 unrühmlich verließ, hat nicht nur durch Friedrich Schiller Geschichte gemacht. Spuren seines Kampfes mit Feldmarschall Tilly finden wir in vielen Grenzorten des Oberpfälzer Waldes. 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, waren die Oberpfalz und Böhmen ein "wüstes Land".

Das Licht kam zurück durch die Anwerbung neuer deutscher Siedler und die Bauten Balthasar Neumanns aus Eger (unter anderem die Würzburger Residenz, die zum Weltkulturerbe zählt). Die oberbayerische Baumeisterfamilie Dientzenhofer wirkte unter anderem in Böhmen und in der Oberpfalz (Dreifaltigkeitskirche Kappl in Münchenreuth bei Waldsassen, St.-Nikolaus-Kirche in Prag). Auch die Bauwerke der Brüder Asam bereichern Bayern und Böhmen (Klosterkirche Weltenburg, Wallfahrtskirche Maria Hilf in Amberg, Stift Brevnov (Breunau) bei Prag).

Nationalismus

Mit der März-Revolution 1848 flammte in Europa der Nationalismus auf. Auch und gerade in Böhmen fielen diese Ideen auf fruchtbaren Boden. "Menschenrechte" sollten Garantie für persönliche Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sein. Und damit begann die Isolierung der Volksgruppen. Trotz vieler verzweifelter Versuche weitblickender Deutscher und Tschechen wurde der Freiheitswille 1848 von den Habsburgern in Prag blutig niedergeschlagen - an der Spitze der Fürst Albrecht von Windisch-Graetz aus Tachau.

1899 entwickelten der Deutschböhme Josef Seliger und der tschechische Arbeiterführer Antonin Nemec das Programm einer Staatsreform ähnlich der Schweiz. Es scheiterte am Unvermögen Österreichs. Europa wäre viel Leid erspart geblieben. In unserem Grenzgebiet beschränkten sich die Kontakte zwischen beiden Ländern mehr oder minder auf die Deutsch sprechende Bevölkerung im Grenzraum. Bis 1918 war die Grenze offen. Wirtschaftliche und private Kontakte waren an der Tagesordnung, selbst der Grund und Boden der Landwirte lag mal diesseits, mal jenseits der Grenze, die im strengen Sinn gar keine war. So lieferten die Stiftländer Bauern ihr Geflügel und ihre Waren in die berühmten Kurbäder Böhmens. Bodenschätze wie Kaolin und Kohle wurden aus Böhmen zu uns gebracht. Die Vereinstätigkeit in den Nachbarorten von Waldsassen bis Passau war aufeinander ausgerichtet. Patenschaften, gemeinsame Feste und Hochzeiten vertieften die verwandtschaftlichen Beziehungen. Die Pascher (Schmuggler) hatten Hochkonjunktur, Oberpfälzer Schmalzlerer ging hinüber, böhmischer Tabak und Rinderherden waren bei uns gefragt. Die "Finanzerer" (Zöllner) hatten alle Hände voll zu tun.

Gut schmeckte das Pilsner Bier, das der niederbayerische Braumeister Josef Groll kreierte, und die tschechische Küche war und ist hüben und drüben beliebt. Ob Markknödelsuppe, böhmischer Lendenbraten ("Svícková") mit "knedlik" (Knödel), zum Abschluss Liwanzen ("Dalken"), Palatschinken oder "Knoiküchla" und ein Sliwowitz aus einem geschliffenem Glas waren und sind heute noch Dinge, die verbinden. Die böhmische Glaskunst hielt Einzug in die Oberpfalz, die rauchenden Kamine der Firma Nachtmann zeugten lange davon.

Musik verbindet

Auch die Musik nicht zu vergessen: "Musikanten, spuilts oins af!" Wenn dieser Ruf erklingt, dann sind Blechmusik und Polka, deftig und mitreißend, angesagt. Geige, Dudelsack und Klarinette waren die traditionellen Instrumente bei Festen im Eger- und Chodenland. Auch in der Oberpfalz genossen die Musikanten einen hervorragenden Ruf und waren, wann immer es ging, vertreten. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs bereichern sie wieder die Musikszene auch jenseits der Grenze. Mit der Gründung der 1. Tschechischen Republik 1918 wurde die Begegnung schwieriger. Plötzlich waren alte Wege abgeschnitten, Arbeitsplätze konnten nur noch mit einer Grenzgängerkarte von Böhmen aus angetreten werden. Die guten landwirtschaftlichen Absatzmärkte der Kurbäder waren plötzlich anderweitig vergeben, die Rohstoffe der Glas- und Porzellanindustrie nicht mehr erhältlich. Die weitere schmerzhafte Geschichte ist bekannt. Okkupation durch das Münchener Abkommen von 1938, zwei Jahre später die Besetzung und Zerschlagung der 1. Tschechoslowakischen Republik (1918 bis 1938) durch Hitler-Deutschland. Krieg, Vertreibung und Zwangsherrschaft haben grundlegende jahrhundertelange mitteleuropäische Gemeinsamkeiten unwiderruflich zerstört.

Dann der Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90. Seit 2004 ist Tschechien Mitglied der Europäischen Union, sechs Jahre später das Schengener Abkommen - all das tangierte viele Orte unserer Region von Waldsassen über Bärnau bis Waidhaus positiv. Sämtliche Kontrollstellen sind seitdem abgebaut. Euphorie machte sich breit, als im Mai 1990 die alten Wege wieder offen waren. Herzlich wurden die Tschechen in Bärnau und umgekehrt die Deutschen in Tachov (Tachau) begrüßt.

Es gab und gibt beherzte Hoffnungsträger auf beiden Seiten: Das sind die Sudetendeutschen, die mit viel Elan zusammen mit Tschechen in ihrer alten Heimat Kirchen und Klöster erneuerten. Das sind die vielen Kontakte von Schulen und Lehrern auf beiden Seiten, die sich um ein offenes Miteinander bemühen. Die Volksdiplomatie hat vieles zuwege gebracht, was weiter oben erst viel später gelang. Unterstützung gibt es durch Förderungen des deutsch-tschechischen Fonds in Prag, von "Tandem" Regensburg und der Euregio Egrensis in Marktredwitz.

Versöhnung

Einen starken Impuls der Versöhnung gab Bundespräsident Roman Herzog am 29. April 1997 vor dem tschechischen Parlament. In seiner Rede zitierte er am Ende eine alte jüdische Weisheit: "In der Wahrheit leben, heißt nicht die Fehler der eigenen Seite gegen die andere aufzurechnen. Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Das Geheimnis der Versöhnung heiße Vergebung und deshalb müssten wir uns erinnern, als Verpflichtung für ein "nie mehr wieder".

Wer die lange und gemeinsame Geschichte kennt, weiß dass sich Deutsche und Tschechen nicht gleichgültig sein dürfen. Kultureller und wirtschaftlicher Austausch (ein Paradebeispiel waren die "Bayerisch-Böhmischen Kultur- und Wirtschaftstage" in Weiden) ist wichtig. Großartige Arbeit leisten unter anderem das Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee und der Verein "Via Carolina - Goldene Straße" in Bärnau. Die gemeinsame Rückkehr Bayerns und Böhmens in eine neue europäische Mitte machte bereits große Fortschritte. Einige Barrieren gilt es noch zu überwinden. Im Kopf vieler Oberpfälzer ist immer noch ein wenig Angst, über die Grenze zu fahren, Hauptursache ist die Sprache.

EU-Arbeitsmarkt

Ein Arbeitsplatz in Tschechien? Kein Problem, das Nachbarland gewährt allen Bürgern der Europäischen Union freien Zugang zum Arbeitsmarkt, eine Arbeitsgenehmigung ist nicht notwendig. Waldsassen bildet gemeinsam mit seiner Nachbarstadt Cheb (Eger) jenseits der Grenze ein Mittelzentrum. Die Klosterstadt profitiert von den Städten Cheb mit mehr als 32 000, Sokolov (Falkenau an der Eger) mit knapp 24 000 und Karlovy Vary (Karlsbad) mit knapp 50 000 Einwohnern.

Kundenstrom

Die IHK Regensburg hat festgestellt, dass der typische tschechische Kunde in der Oberpfalz zwischen 30 und 44 Jahre alt ist und in einem Haushalt mit 3,1 Personen lebt. Das Oberzentrum Weiden hat einen überregionalen Schwerpunkt beim Einzugsgebiet. Die tschechischen Besucher kommen insbesondere aus den Bezirken Pilsen, aber auch aus der Hauptstadt Prag. Von diesem Kuchen kann sich auch die Stadt Vohenstrauß ein großes Stück abschneiden. 81 Prozent der befragten Besucher bewerten in Weiden die Freizeitangebote mit gut oder sehr gut, so eine weiteres Ergebnis der IHK. Grund ist vor allem auch die gute Anbindung über die Autobahn.

In Pilsen, Prag, sogar in Cheb liegt die Arbeitslosenquote bei einem bis zwei Prozent. Das ist die niedrigste Arbeitslosenquote der 28 EU-Staaten. Gute Ansprechpartner sind die Eures-Berater der Europäischen Union. Auskunft gibt die Arbeitsagentur Weiden. Ein Arbeitsplatz bei einer deutschen oder amerikanischen Firma in Pilsen ist mit dem Pkw schneller zu erreichen, als ein Job in Nürnberg. Umkehrt wäre der Arbeitsmarkt - und hier vor allem die Gastronomie in unserer Region - ohne die Tschechen nicht mehr aufrecht zu halten.

Sprachkurse

Erfolge zeigen sich bei den Tschechisch-Sprachkursen. Im September 2018 blickte PaedDr. Ladislava Holubová, Dozentin für Tschechisch an der OTH Amberg-Weiden, auf zehn Jahre Sprachinitiative zurück. Von den ersten Fortbildungen der Lehrkräfte über die Ausarbeitung von speziellen Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien bis zu den zertifizierten Prüfungen ist sie eine Erfolgsgeschichte. Von allen teilnehmenden Schülern erhielten 90 Prozent das Zertifikat. Erst im Januar 2019 wurden an der Weidener Fachakademie für Übersetzen und Dolmetschen 22 Tschechisch-Diplome überreicht.

16 Prüflinge der Berufsschule und Fachakademie sowie sechs Beamte der Bayerischen Polizei bestanden die CCE-Prüfungen der Karlsuniversität in Prag. Seit 2008 lernen Jugendliche an den Realschulen die Sprache des direkten Nachbarlandes als zweite Fremdsprache neben Französisch und Spanisch. Über 70 Prozent der Realschulen in der Oberpfalz bieten erfolgreich den Wahlunterricht Tschechisch an und fast 500 Schüler nutzen die Chance. Der Grundstock wird bereits in Kindergärten und Grundschulen gelegt. Seit 1997 gibt es Tschechisch als Arbeitsgemeinschaft in den ersten bis vierten Klassen der Grundschule Altenstadt/WN. Nicht zu vergessen sind die Angebote an den Volkshochschulen der Region. (cr)

Böhmische Musikanten werden gerne bei Festen der „Euregio Egrensis“ eingesetzt.
Bis 1989 standen viele dieser Warntafeln entlang des Eisernen Vorhangs auf deutscher Seite.
Böhmische Mehlspeisen, wie sie dieser Koch in Marienbad zubereitet, zergehen auf der Zunge.
Die Kappl bei Waldsassen wurde von Balthasar Neumann aus Eger erbaut.

Hier geht es zum ersten Teil:

Oberpfalz
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.